Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 15 DIE3^ELT 7 Unschuldigen begangen wurde, sühnen wird. Die letzte Nachricht, die ich erhalten habe, lautet, daß der Kaimakam nach Konstantinopel berufen worden ist, um Rechenschaft abzulegen. Der zweite Fall, der aber nur komischer Natur ist, betrifft unsere A. P. C. in Palästina, die einen regelrechten Run hatte. In Jerusalem erscheint eine hebräische Zeitung (Lachen), das ist ganz natürlich. Natürlich ist nur nicht, daß der Herausgeber dieser Zeitung über Dinge schreibt, über die er nicht kompetent ist. Eine Woche, nachdem die große Krisis in New-York ausgebrochen war, brachte, er einen Artikel mit der Überschrift: „New- York und Jerusalem". In Jerusalem waren damals nämlich einige kleine Fallissements vorgekommen, und bei einem derselben war die A. P. C. auch mit einer kleinen Summe beteiligt Die „Haschkafah" schrieb nun nach dem Muster eines New-Yorker Kollegen einen großen Finanzartikel über den Krach in New-York und Jerusalem und sagte dabei: „Leider Gottes ist unsere Bank, die A. P., C. auch dabei hereingefallen". Das war an einem Freitag, und am Sonntagmorgen in aller Frühe wurde unsere Bank bestürmt. Jeder wollte seine Einlage haben, und ich muß sagen, ich hatte damals, als ich die telegraphischen Nachrichten erhielt, doch eine gewisse Angst, nicht davor, daß wir etwa nicht zahlen könnten, aber weil eine rasche Geldbeschaffung in Palästina mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist. Es gibt dort keine Banken wie hier, so daß man unvorbereitet jeden Augenblick Geld bekommen kann. Wenn aber unsere Bank nur einen Augenblick den Anstürmern nicht gezahlt hätte, dann hätte die Sache wirklich unangenehm werden können. Aber außer der unnützen Aufregung haben alle Beteiligten selbstverständlich keinen Schaden erlitten. Über unsere Arbeit in Palästina nur noch einige Worte. Der Streit, der früher in unserer Bewegung über praktische und politische Arbeit war, hat Gott sei Dank aufgehört. Die Leitung der zionistischen Organisation steht noch heute, wie früher auf dem Standpunkte, den Herzl so klar und deutlich zum Ausdruck gebracht hat, daß wir uns nicht bei Nacht und Nebel in Palästina einschleichen wollen. Das, was wir in Palästina wollen, muß öffentlich sein und auf Recht basieren. Auf diesem Standpunkt stehen wir noch heute. Aber, meine Damen und Herren,- ebenso, wie wir die türkische Regierung auf unsere Pläne vorbereiten müssen, und wie wir das Volk durch kulturelle Arbeit, durch Verbreitung der hebräischen Sprache usw. für unsere zionistische Zukunft vorbereiten müssen, ebenso und vielleicht noch viel mehr müssen wir das Land vorbereiten und kennen lernen. Für diese Arbeit haben wir jetzt das Palästinaamt eingerichtet, das sämtliche zionistische und jüdische Interessen in Palästina vertreten soll, das meinem Kollegen im engeren Aktionskomite, Herrn Professor Dr. War bürg, unterstellt ist. Wir haben ferner mit Genehmigung des Aktionskomites eine Land Development Company gegründet, die aus privatem Vermögen, aus privaten Anteilen der A. P. C. geschaffen werden soll, wobei der Nationalfonds unter absoluter Sicherheit sich mit einem gleichen Kapital beteiligt. Diese Land Development Company soll eben einen Versuch machen, Juden in Palästina für die landwirtschaftliche Tätigkeit vorzubereiten. Bei der vorgerückten Zeit kann ich über die Einzelheiten nicht mehr sprechen. Ich bitte Sie, darüber die Veröffentlichungen nachzulesen, und Sie werden finden, daß dies eine Sache ist, die unsere Unterstützung verdient. Wir haben ferner Häuserbaugenossenschaften, die sich jetzt in Palästina bilden, ebenfalls aus den Mitteln des J. N. F. unter absoluter Sicherheit und Garantie der A. P. C. ein Darlehen gewährt, kurzum, wir können auf Schritt und Tritt sehen, wie die kleinen Samenkörner, die wir vor lCLJahren ausgestreut haben, allmählich aufkeimen und hervorsprießen. Wollen wir aber, daß unsere Arbeit gute Früchte trägt, dann müssen wir keine Anstrengung scheuen und unsere Pflicht und Schuldigkeit tun. Als ich in diesem Jahre in einem Massenmeeting in Berlin meine Rede mit den Worten geschlossen habe: „Wenn wir alle unsere Pflicht tun, dann hoffe ich, daß wir mit unseren eigenen Augen die Rückkehr nach Zion sehen werden",, wurde mir besonders von einigen jüdischen Zeitungen der Vorwurf gemacht, daß ich unberechtigt Hoffnungen erwecke. Die Herren Redakteure mögen mir verzeihen, sie scheinen eben gar nicht zu wissen, daß die frommen Juden bis auf den heutigen Tag dasselbe Wort dreimal täglich sagen. Und auch ich werde meine Vorträge mit diesem Worte schließen und es immer wiederholen, bis wir wirklich mit unseren eigenen Augen die Rückkehr nach Zion sehen werden. (Lang anhaltender Beifall.) Nachdem der Beifallssturm, der der einstündigen Rede des Präsidenten Wolffsohn folgte, sich gelegt hatte, brachte Dr. Gaster folgende Resolution ein: „Diese Massenversammlung, die die Gesamtheit der englischen Zionisten repräsentiert, begrüßt die Schritte, die unternommen worden sind, um den Beschluß, in Palästina praktische Arbeit zu vollführen, zu verwirklichen und verpflichtet sich, den Parteifonds wie auch alle Einrichtungen zu unterstützen und zu stärken, die unternommen worden sind, um die Kräfte aller Gesinnungsgenossen auf das Ziel des Zionismus, der Erlangung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, zu konzentrieren." Die Resolution wurde von Herrn Herbert Bentwich in englischer und von Herrn M. Shire in jüdischer Sprache begründet. Unter lautem Beifall der Versammlung erfolgte sodann die einstimmige Annahme der Resolution. Sir Francis Montefiore, Ehrenpräsident der English Zionist Föderation, beantragte dem Präsidenten Wolfssohn den Dank der Versammlung für seine lichtvolle Rede auszudrücken. Nachdem Mr. H. Sacher namens der Manchester Zionist Association und Mr. S. B. Rubinstein, Schatzmeister der Federation, den Antrag unterstützt hatten, wurde er einstimmig angenommen. Es sprachen noch die Herren Dr. Samuel Daiches, Rechtsanwalt Abrahams und S. Goldreich. Um 11 Uhr war die Versammlung zu Ende. Wiener Brief (Von unserem Korrespondenten) Ein Vortrag von J. Beikind Nach längerem Aufenthalt in England, Paris und Berlin, auf der Heimreise nach Palästina, hielt Herr Beikind am Sonntag den 5. ds. Mts. in der „Ivria" und Montag den 6. ds. Mts. im Zionistischen Zentralverein Vorträge über die Palästinaarbeit. Redner wies auf die beschämende Tatsache hin, daß sogar in Jerusalem mit seinen 50000 Juden, die zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen, der Einfluß der Judenheit sehr gering ist. Die bedeutenden, vom türkischen Gesetze gewährleisteten Rechte" werden nicht ausgenützt. Die Hauptursache ist die vollständige Zersplitterung der Juden nach Landsmannschaften und die Vielsprachigkeit. Es besteht in Jerusalem keine einheitliche jüdische Gemeinde. Die Knaben wurden entweder in den Allianceschulen als Franzosen oder in der Lämelschule als Deutsche erzogen, — das'_Eingreifen des Hilfsvereins der Deutschen Juden hat freilich in letzterer Lehranstalt Wandel geschaffen —, die zukünftigen Mütter jedoch genießen gar englischen Unterricht! So wurde die bei den Vätern vorhandene Kluft auch durch die Kindererziehung verewigt. Redner verlangt selbstredend nur hebräische Schulen und bezeichnet als Maßnahme von hoher politischer Tragweite die Einführung des Unterrichtes der türkischen und arabischen Sprache. Die höchsten Beamtenstellen stünden dann den Juden in der Türkei offen. Herr Beikind bezeichnet es auch als einen Vorteil für die Politik des Zionismus, wenn die einwandernden Juden sich dem türkischen Staatsverbande anschließen würden. Diese Kundgebung des Vertrauens für die Türkei würde letzterer mehr Vertrauen zu den zionistischen Bestrebungen einflößen. Redner bespricht darauf ein-" gehend die Wichtigkeit der ökonomischen Hebungsarbeiten, die Bedeutung der Produktivmachung der durch Almosenpolitik demoralisierten jüdischen Chalukah-Bevölkerung und bezeichnet die Erziehung zum Ackerbau als die Grundlage einer gesunden und weitblickenden palästinensischen Wirtschaftspolitik. Zum Schluß erläuterte Herr Beikind die Ziele seiner Ackerbauschule Kiriath- Sefer und teilte mit, daß Baron Rothschild und der Verein „Esrah" (Berlin) Stipendien für arme Zöglinge dieser Schule stifteten. Nachdem das Haus erbaut, der Boden vom Nationalfonds in Pacht überlassen wurde, steht die Eröffnung der Schule unmittelbar bevor. Die zahlreiche Zuhörerschaft nahm die Ausführungen Herrn Beikinds, der hier ein gern gesehener Gast .von jeher ist sehr freundlich auf. Die Anerkennung der jüdischen Sprache Die im Laufe der letzten Monate stattgefundenen Kultusgemeindewahlen in Galizien brachten den Zionisten schöne Erfolge, so in ZIoczow, Zaleszczyki, Tarnopol und vielen anderen Ortschaften. In einigen Städten eroberten die Zionisten sogar die Majorität in den Kultusstuben. Nun heißt es, die Programmpunkte der jüdischen Nationalpartei ins Leben umzusetzen. InPodhajce zog 2*