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Die Welt · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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4 — ' : /' die^ Präsident Wolffsohn in London (Von unserem Berichterstatter) Die Massenversammlung, die anläßlich der Anwesenheit des Präsidenten Wolffsohn in London am verflossenen Sonntagabend stattfand, nahm einen ebenso imposanten, wie würdigen Verlauf.; Die große Holborn Town Hall, die für die Versammlung genommen worden war, war schon lange vor Eröffnung überfüllt. Und es waren nicht nur Londoner Zionisten anwesend, sondern auch die Provinzvereine hatten v in großer Anzahl ihre Delegierten zur Versammlung entsandt. Der Versammlungsraum war mit zionistischen Emblemen geschmückt, eine besondere Verkäufsstelle für zionistische Literatur war errichtet, und die jungen Leute waren unermüdlich im Verkaufe von Nationalfondsmarken. Von den bekannteren Zionisten waren anwesend: Rev. Dr. Gaster, Vorsitzender der English Zionist Federation, der der Versammlung präsidierte, Sir Francis Mpntefiore, L.J.Greenberg, Professor Dr. N.Gollancz, Herbert Bentwich, Joseph Cowen, Dr. A. S. Rappoport, Dr. N. Friedeberger, S. B. Rubinstein, S. Goldreich u. A. Das Erscheinen des Präsidenten Wolffsohn, der, begleitet von seiner Frau, die Plattform bestieg, löste einen enthusiastischen Beifallssturm aus, der immer von neuem einsetzte und mehrere Minuten andauerte. Nach einigen begrüßenden Einleitungsworten Dr. Gasters, der den Führer der Zionisten im Namen der Versammlung willkommen hieß, begann Herr Wolffsohn unter dem stürmischen Beifall der Versammlung seine Rede und führte folgendes aus: Mr. Chainnan, Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren 1 Der Grundgedanke des Zionismus, der zionistischen Idee ist, daß die Judenfrage nur auf einem eigenen Territorium, und zwar nur in Palästina gelöst werden kann, daß die Judennot, die auf unserm Volke so schwer lastet, nirgendwo auf fremdem Boden bekämpft werden kann. Der größte Teil des jüdischen Volkes lebt und leidet in den östlichen Ländern und ist gezwungen,. auszu- , wandern. Mit der Auswanderung aber äst die Sachlage nicht geändert, mit der Auswanderung hat die Not noch nicht. aufgehört. Denn dieselben Ursachen, oder deutlicher gesagt: derselbe Antisemitismus, der unsere Juden zur Auswanderung zwingt, derselbe Antisemitismus begleitet sie auf ihrer Auswanderung überallhin und bleibt bei ihnen überall, wo sie sich ansiedeln. Von diesem Gedanken ausgehend hat Dr. Herzl seine Broschüre „Der Judenstaat" geschrieben, und aus diesem Grundgedanken heraus hat der I. Zionistenkongreß das Basler Programm verfaßt, das, wie Sie ja wissen, lautet: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlichen, rechtlichen, gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina." Das ist der politische Zionismus, das ist die. Grundlage für die zionistische Politik. Als wir vor 10—12 Jahren diesen Gedanken verkündet haben, als wir daran gegangen sind* unsere Organisation zu schaffen, da haben wir erwartet, daß alles, was im Judentume lebt, alle, die ein warmes Herz für das Judentum haben, insbesondere aber diejenigen, die durch Intelligenz, durch die Kraft ihres Vermögens und Könnens dazu berufen sind, die großen jüdischen Hilfsorganisationen zu leiten, sich am Hilfswerk zu beteiligen, daß die die ersten sein werden, mit uns zusammen diese Arbeit zu vollführen. Dies geschah aber nicht so. Von maßgebender Stelle wurde uns seitens dieser großen Hilfsorganisationen geantwortet: Die Judenfrage kann in den freien Immigrationsländern, in England und Amerika, gelöst werden. Dort hat man den Antisemitismus nicht zu befürchten, und Amerika allein ist in der Lage, sämtliche Juden der Welt, die auswandern müssen, aufzunehmen.- Von diesem Gesichtspunkte aus wurde die Auswanderung gestützt und gefördert. Nach wenigen Jahren schon, da hörten wir mit einemmal einen Ruf, ein .Wort, das wir schon vor langer Zeit gehört hatten, ein Wort das die ägyptischen Politiker unter Pharao geprägt hatten: „Pen lirim" — vielleicht werden ihrer zu viel. Dieses Wort schallte uns jedoch nicht nur von unsern Feinden, sondern auch aus dem eigenen Lager entgegen, von Furcht diktiert, es könnten in den Immigrationsländern „vielleicht zu viel" werden.. Es dauerte wiederum nur ein paar Jahre, und eine andere Taktik wurde eingeschlagen. Man bemühte sich, die Auswanderung einzudämmen und aufzuhalten. Dadurch glaubte man die Judenfrage in den östlichen Ländern selbst zu lösen. Durch Gründung EEtf ';y- ' :-■;'^ — m. 15 von Schulen sollte das geistige Niveau der Masse gehoben werden, durch Schaffung von' Arbeitsgelegenheiten, Industriellen Unternehmungen und dergleichen mehr glaubte man die Auswanderung eindämmen zu können. Wiederum hur wenige Jahre dauerte es, und aus Rumänien begannen große Judenmassen auszuwandern. Gleich darauf erfolgte die- Katastrophe in-Rußland, wo die Auswanderung sich verfünffacht, teilweise sogar verzehnfacht, hat und wiederum standen die Hilfsorganisationen vor der Notwendigkeit, ihre letzte Taktik fallen zu lassen und die Auswanderung wiederum zu unterstützen. Einen kleinen Unterschied Jiat man jetzt zu machen versucht: man versucht, den Auswandererstrom nach anderen Gebieten abzulenken, statt New York nach Galveston oder anderen Gegenden. Und diese Idee, die noch ganz kurzen Datums ist, scheint man schon wieder fallen zu lassen, und jetzt hört man schon wieder, daß die jüdischen Hilfsorganisationen Fabriken oder ähnliche Unternehmungen in Rußland errichten wollen, um die-Auswanderung einzuschränken, also wiederum die alte Politik, die man vor einigen Jahren gezwungenerweise, aufgegeben hat. Diese mühevolle Arbeit, diese Quälerei kommt mir vor wie die jenes Mannes, dem eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Um sich vor Wind und Wetter zu* schützen, hat er eine Scheibe von der. anderen Seite herausgenommen und sie hier eingesetzt, und als der Wind nun von der anderen Seite hereinblies, nahm er sie auch da heraus und setzte sie wieder an die alte Stelle. Der Mann mühte und quälte sich ab, blieb aber trotzdem nicht vor der Unbill der Witterung geschützt und mußte weiter leiden. (Heiterkeit und Beifall.) - So ungefähr . sieht die jüdische Politik aus. So sieht die Politik aus,' diedie Hilfsorganisationen treiben, ohne. Ziel, ohne Plan, nur den augenblicklichen Bedürfnissen gehorchend, immer der Not gehorchend wird herumexperimentiert Die Judenhot bleibt aber immer weiter bestehen. Meine verehrten Damen und Herren! Ich will durchaus nicht die Verdienste dieser Männer, die für die allgemeinen jüdischen Interessen arbeiten, in-Abrede stellen oder auch nur schmälern. ' Im Gegenteil : Wir haben volle Ursache, dem edlen Baron Hirsch, der dem jüdischen Volke ein so hochherziges Geschenk gemacht hat, der dem jüdischen Volke eine, Erbschaft hinterlassen hat wie sie ihresgleichen in der Geschichte nicht vorkommt für alle. Zeiten ein „Secher zadik livrocho" nachzurufen. Wir haben volle Ursache, auch den Männern, die das jüdische Volksvermögen — denn Baron Hirsch hat das Vermögen für das jüdische Volk hinterlassen — selbstlos verwalten, und der schwierigen und verantwortungsvollen Aufgabe sich unterzogen haben, dankbar zu sein. Wir haben volle Ursache, auf Edmund Rothschild stolz zu sein, der die jüdischen Kolonien in Palästina gegründet und geschaffen hat. Wir müssen auch den Begründern und Leitern des Hilfsvereins, der „Alliance Israelite Universelle", der „Anglo Jewish Association" und aller anderen Vereine, die für das jüdische Volkswohl und für die jüdische Allgemeinheit arbeiten, auch unsern Philanthropen wie Lord Rothschild und Jacob Schiff dankbar sein. Aber diese Dankbarkeit darf uns nicht davon zurückhalten, eine gerechte Kritik zu üben und die Frage aufzuwerfen: Was würden alle diese'Organisationen und diese Männer erst schaffen können, wenn sie nach einem bestimmten Plane Hand in Hand arbeiten würden, anstatt, wie es leider vorkommt einer gegen den andern? Wir haben das Recht und sogar die Pflicht diese Frage zu stellen. Meine verehrten Damen und Herren! Die zionistische Organisation hat vorden anderen jüdischen Organisationen das voraus, daß sie auf einem demokratischen Prinzip aufgebaut ist während die andern jüdischen Hilfsorganisationen nach dem alten System der Wohltätigkeit der Philanthropie, auf dem System des Autokratismus eingerichtet sind. Das demokratische System bei uns hat den großen Vorteil, daß wir stets in Fühlung mit den Volksmassen stehen, und das Volk selbst weiß am besten, was ihm not tut, wo ihm .der Schuh drückt; es hat ferner den großen Vorzug, die Öffentlichkeit für sich zu. haben und der öffentlichen Kontrolle unterstellt zu sein. Bei den andern Hilfsorganisationen arbeitet meistens einer, ein einzelner, von dem die Ideen ausgehen, ein einzelner, der die Arbeiten machen muß, und manchesmal ist dieser einzelne nur der angestellte Sekretär, der die Richtungslinie vorzeichnet Bei der zionistischen Organisation jedoch arbeiten alle mit. Wir haben. die Kongresse, die die Meinung des Volkes vertreten und die auch die Öffentlichkeit bilden und die öffentliche Kontrolle ausüben. Gewiß gebe ich gern zu, daß wir Juden noch, nicht genügend politisch geschult sind, daß die Disziplin bei uns noch nicht so gut ist wie bei andern Völkern, die. auf eigener Scholle, im eigenen Lande leben. Ich weiß es am besten, wie es noch bei uns damit hapert denn ich selbst habe, seitdem, ich die Leitung der zionistischen Bewegung übernommen habe, genüg darunter zu leiden. Und dennoch; meme verehrten Damen und Herren, ist meine Position noch viel beneidenswerter als die der anderen, die nur von einigen wenigen

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