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Die Welt · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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gewählt worden sind oder die sich gar selbst zu Vorstehern ernannt haben. Gern nehme ich die Schattenseiten mit in den Kauf, die eine übermäßige Kritik mit sich bringt, denn wir haben dadurch auch den großen Vorteil, daß wir Mitarbeiter haben, die mithelfen und mitarbeiten und^die Verantwortung mit uns teilen. Mit einem kleinenlßeispiel möchte ich Ihnen die Sache näher erklären: Vergleichen Sie einmal selbst ein Land, das demokratisch regiert wird, mit einem Land, wo der Autokratismus herrscht und beantworten Sie sich selbst die Frage, in welchem Lande besser regiert wird und wo die Bürger von den niedrigsten bis zu den allerhöchsten es besser haben, zum Beispiel in England oder in Rußland. Und noch eines hat' die zionistische Organisation den anderen voraus: Wir Zionisten wissen, was wir wollen und wohin wir wollen. (Großer Beifall.) Und wir haben den festen Glauben, daß mit der Erreichung unseres Zieles die Judenfrage im besten Sinne des Wortes gut und glücklich für alle Teile gelöst sein wird. (Beifall.) Nun bleibt die Frage, die man schon so oft an uns gerichtet hat, zu beantworten. Die Frage: „Ist denn der zionistische Plan durchführbar? Ist denn das, was die Zionisten wollen, möglich? Wird die Türkei, von der ja in erster und letzter Linie alles abhängt, ihre Einwilligung geben?" Auf diese Frage haben wir schon oft die Antwort gegeben, heute aber kann ich mit viel größerer Bestirwntheitals früher darauf mit „ja" antworten. (Stürmischer Beifall.) Ja, es ist möglich, wenn Ihr wollt Wenn das jüdische Volk den ernsten Willen dazu hat und wenn es bereit ist, die Mittel, die dazu notwendig sind, herzugeben. Und die Mittel, die dazu notwendig sind, die können leicht aufgebracht werden, wenn es ernstlich will und wenn wir alle zusammen Hand in Hand gehen. (Großer Beifall.) Ich habe es bereits verkündet und wiederhole es mit voller Bestimmtheit, daß die türkische Regierung und die maßgebenden Kreise in-Konstantinopel immer mehr und mehr zur Oberzeugung kommen, daß die Besiedlung Palästinas mit Juden nicht nur für die Juden allein, daß sie auch für die Türkei die größten Vorteile bringt. Von uns allen hängt es jetzt ab; wird das jüdische Volk jetzt seine Pflicht tun, dann wird, wie Herzl gesagt hat, - es kein Märchen sein. (Stürmischer Beifall.) Meine verehrten Damen und Herren! Ich sagte vorher, daß die zionistische Organisation das Glück hat, demokratisch eingerichtet zu sein. Das ganze Volk hat die Möglichkeit, mitzuarbeiten, seinem Willen den nötigen Nachdruck zu geben und ihn in die That umzusetzen, und der Wille eines Volkes ist eine Macht, denn das, was ein Volk ernstlich'will, muß endlich in Erfüllung gehen. (Großer Beifall.) Aber, meine Damen und Herren, Demokratie bestem nicht nur im Kritisieren. Das Kritisieren ist allerdings auch ein Bestandteil der Demokratie, aber nur ein kleiner. Die Hauptsache ist, daß alle mitarbeiten und. daß ein jeder seine Pflicht tut, daß man nicht darauf wartet, daß die Führer alles scharfen sollen, daß sie allein alles tun. Das ist ja der Unterschied zwischen uns und den anderen Organisationen. Unsere Organisation ist auf der Basis von Selbsthilfe, auf dem Gedanken, daß wir uns selbst helfen sollen, aufgebaut, die anderen auf Philanthropie, auf Wohltätigkeit. Also alle müssen mitarbeiten, alle ihre Pflicht tun. Natürlich müssen diejenigen, die wir uns als Führer gewählt haben, mehr leisten. Die Führer müssen in erster Linie ihre Pflicht tun, müssen als Muster für die Massen gelten, denn sie sind die ersten Diener der Organisation. Von ihnen muß man mehr als von den anderen verlangen. Als ein Muster können wir uns Dr. Herzl nehmen. Er, hat seihe Pflicht getan! Im vollsten Sinne des Wortes kann man von ihm sagen, daß er „bechol lewowo ubehol nafscho ubehol meodo'* mit seinem ganzen Herzen, mit seiner ganzen Seele und mit seinein ganzen Vermögen und Können seine Pflicht getan, bis er unter der Last der Arbeit zusammengebrochen ist. Er gilt daher auch bei uns als die größte Autorität, und alle berufen sich auf ihn. Von" dem Zionisten, der die ganze Arbeit nur auf politischem Gebiete sehen möchte, bis zu dem Zionisten, der das ganze Heil von praktischer Arbeit in Palästina sieht, und bis zu dem Territorialisteri, der von Palästina nichts wissen will, vom freiesten Atheisten, der von der Religion nichts wissen will, der die Nationalität an Stelle der Religion setzen möchte, bis zu dem orthodoxesten Misrachisten, für den die Religion allein die Hauptsache ist und der es als ein nationales Unglück betrachtet, wenn in einem zionistischen Bureau die Sabbatruhe nicht ganz nach dem Schulchan Aruch eingehalten wird: alle ohne Ausnahme berufen sich auf Herzl, jeder von ihnen gibt an, er tue, was Herzl gewollt habe. Jeder von ihnen behauptet, daß er der Vollstrecker des Herzischen Willens ist Ja, mancher nennt sich sogar sein Nachfolger. Nun dagegen wäre gewiß nichts einzuwenden. Sie haben alle wirklich ein Recht dazu. Denn das, was Herzigeschaffen hat ist nicht eine Partei, ist nicht ein Teil des Judentums, sondern es umfaßt alles, was mit dem Judentum zusammenhängt, es umfaßt das ganze jüdische Volk mit allen seinen Interessen, in der zionistischen Bewegung ist tatsächlich Raum und Platz für alle Richtungen und alle Parteien. Die Leute-haben tatsächlich ein volles Recht dazu, sich auf Herzl zu berufen und anzugeben, daß sie alle im Sinne Herzls arbeiten. Aber, meine verehrten Damen und Herren, sich auf Herzl berufen und sein Werk zu zerstören suchen, wie man das in Einklang bringen kann, das weiß ich nicht! Was Dr. Herzl Praktisches geschaffen hat, was Dr. Herzl uns Praktisches hinterlassenhat, das ist die zionistische Organisation, das sind die mannigfachen zionistischen Institutionen, das ist der Zio nistenkongreß. Wer aus der Organisation ausscheidet, der schädigt unsere Organisation; wer unsere Institutionen nicht unterstützt oder sie gar bekämpft, der sucht uns Schaden zuzufügen; wer dem Kongresse fernbleibt oder die Beschlüsse des Kongresses nicht respektiert der schädigt unsere Bewegung. (Beifall.) Es nutzt nichts, wenn man den Spieß umdreht und sagt: „Ihr macht es ja verkehrt; das, was ihr tut, ist nicht im Sinne Herzls. Ihr seid es, die die Bewegung schädigen." Nein, meine Damen und Herren, die Erbschaft Herzls haben wir. der offizielle Zionismus, angetreten und kein anderer. (Beifall.) Die legitimen Erben Herzls sind nicht diejenigen, die angeben, es zu sein, sondern diejenigen, die das, was Herzl geschaffen hat, erhalten und weiter auszubauen suchen. Die legitimen Erben Herzls sind wir und kein anderer. Allerdings gibt es auch kleine illegitime Ideen, die Herzl momentan und vorübergehend ausgesprochen, — diese können die illegitimen Erben für sich in Anspruch nehmen, — für den Zionismus, den Herzl geschaffen, sind wir die wirklichen Erben. Wenn wir aber die Erbschaft mit allen Rechten angetreten haben, dann sind uns aber auch große Pflichten daraus erwachsen, denn Rechte ohne Pflichten gibt es nicht. Unsere Pflicht ist es nun, das, was Herzl geschaffen hat, fortzuführen und auszubauen, und nun möchte ich die Frage an unsere Führer richten, ob sie bis jetzt ihre übernommenen Pflichten erfüllt haben, ob sie nicht durch Nichtigkeiten und Kleinlichkeiten, durch Streitigkeiten und durch persönliche Dinge, die hineingetragen wurden, die Organisation geschädigt haben? (Großer Beifall.) Ich muß aber noch weiter fragen, ich muß auch die Frage an die Masse richten: Habt ihr eure Pflicht-getan? Habt ihr eure Pflichten getan, die jeder, der der Bewegung angehört, erfüllen muß? Der VIII. Kongreß hat einen Parteifonds geschaffen, zu dem jeder Zionist mindestens 5 Francs oder 4 Schilling einmal beitragen soll. Das Aktionskomitee hat wiederholt erklärt und bekanntgegeben, daß dieser Parteifonds geschaffen werden muß, wenn die Leitung fortbestehen soll und in der Lage sein soll, die Geschäfte fortzuführen. Ich frage Sie, meine verehrten Damen und Herren, haben Sie diese Pflicht erfüllt? Haben Sie diese 4 Schilling schon bezahlt? Haben Sie jährlich den Schekel bezahlt? Haben Sie bei unsern Bankanstalten, die nichts geschenkt haben wollen, . sich im entsprechenden Verhältnis zu Ihrem Vermögen beteiligt? Haben Sie für den Nationalfonds gespendet? Haben Sie Ihre Pflicht getan? Daß in Rußland und Österreich für den Parteifonds noch nichts getan worden ist, läßt sich zwar mit der Not, die dort unter den Juden herrscht, erklären, aber nicht entschuldigen. Sind unter den Zionisten wirklich so arme Leute, daß sie unmöglich die 5 Francs aufbringen können, so haben wir doch Gott sei Dank Wohlhabende und Reiche genug, die imstande sind, die ärmeren Gesinnungsgenossen auszulösen, indem sie höhere Beträge zahlen. Es gibt dafür keine Entschuldigung, und speziell Österreich und Rußland, die die größten Anforderungen und Ansprüche an die Leitung gestellt haben, praktische Arbeit zu leisten, die immer zu kritisieren und auszusetzen haben, die hätten in erster Reihe die Pflicht, die Parteisteuer mit allen Mitteln durchzuführen. Aber hier, in England, in Amerika, wo Gott sei Dank Juden leben, die noch Sinn und Herz für das Judentum haben, die auch eine große Reihe von Zionisten sofort beim ersten Aufruf Herzls gestellt haben, und wo die Not unmöglich so groß sein kann, wie in Rußland und Galizien, hier dürfen Sie diese Pflicht nicht vernachlässigen, hier dürfen Sie nicht so lange warten, bis Sie gemahnt werden, bis es zu spät werden kann. Meine Damen und Herren. Wenn die zionistische Organisation ihre Aufgaben erfüllen soll, wenn wir das leisten sollen, was von uns erwartet wird, so kann das nur sein, wenn wir das demokratische Prinzip heilig halten und alle mitarbeiten. Einige oder wenigekönnen das nicht leisten. Meine Damen und Herren! In früheren Jahren hat man es als eine große Dummheit betrachtet und es als'ein Unrecht gehalten, wenn wir über unsere eigenen Fehler, über die Nachlässigkeiten, die wir begehen, über unsere kleinen Sünden öffentlich gesprochen haben, weil man fürchtete, dadurch unserer Bewegung zu schaden.

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