Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 15 Regierung: wie die jetzige-unmöglich sein wird. Damit aber wäre die Judenfrage in Deutschland in ein wesentlich anderes Stadium gerückt und würde voraussichtlich recht bald ein anderes Aussehen erhalten. Dier Frage ist nun: Sind, sich die preußischen Juden; die es ganzdirekt, sind sich die. deutschen Juden, die es indirekt angeht, der Wichtigkeit des Momentes bewußt, und ist anzunehmen, daß sie die richtigen Maßregeln ergreifen werden, um eine günstige Lösung der Frage: zu fördern? Von der ersten Frage sollte man eigentlich annehmen müssen, daß sie bejaht werden müßte. Wir können uns indessen nicht so leicht entschließen, eine positive Antwort zu geben. Zwar wird es kaum einen Juden in Preußen geben, sofern er überhaupt an politischen Dingen Anteil nimmt, der nicht in der Lage wäre, sein Sprüchlein von der hohen Bedeutung der kommenden Landtagswahlen für den Liberalismus und. den Fortschritt herzusagen. Und er wird vielleicht auch mit Emphase betonen, daß von dieser Förderung des allgemeinen Fortschritts die Besserung der Lage der Juden ebenfalls abhänge. Dazu, aber, diese Bedeutung für die Juden speziell zu betrachten, losgelöst von den Folgerungen allgemeiner Natur, wird sich der preußisch-deutsche Jude nicht so leicht aufschwingen können. Füt ihn ist diese Seite der Frage nur eine von vielen und nie im Zusammenhang mit den'andern zu betrachten. Aus dieser Stellungnahme folgt denn auch die Art der Taktik. Ein spezielles. Eintreten der Juden für ihre jüdischen Interessen wird nicht beliebt. Der allgemeine- Fortschritt wird unter anderm auch die Lösung der Juden&age bringen. Also wählt freisinnig! Das war wenigstens bisher der übliche Gang, und wenn nicht alles trügt, soll es diesmalwieder so werden. Der Aufruf, den die — angeblich — politische Organisation der deutschen Juden, der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, in diesen Tagen wegen der preußischen Landtagswahlen erlassen hat, läßt kaum eine andere Deutung zu. Er gipfelt in der Aufforderung an die Glaubensgenossen, „sich schon jetzt politischen Organisationen anzuschließen und sich möglichst rege an den Vorbereitungen zu den Wahlen zu beteiligen, um die Wahl und wenn möglich schön die Aufstellung antisemitischer oder antisemitisch gefärbter Kandidaten zu verhindern". Voilä tout Kein Wort, welchen Organisationen man sich anschließen soll, kein Wort, wer mit dem antisemitisch „gefärbten" Kandidaten gemeint ist, kein Wort-auch darüber, welche Mittel es . denn sein sollen, mittels deren man die Wahl oder Aufstellung von Antisemiten verhindern solL Diese vorsichtige Stellungnahme kann uns weiter nicht wundern, wenn wir im gleichen Heft der Zeitschrift „Im deutschen Reich", das den Aufruf enthält, über die politischen Aufgaben des Zentralvereins folgende Auslassungen lesen: „Unsere, politische Tätigkeit muß sich darauf beschränken, überall dort, wo ein entschiedener Gegner der Gleichberechtigung der deutschen Juden Aussicht hat, ein Mandat zu erringen, dessen Wahl durch Unterstützung eines'aussicbtsvoüen Gegenkandidaten möglichst zu verhindern." . . . . ' - Es mag sein, daß ein solches Bescheiden den Statuten und Grundsätzen des Zentralvereins entspricht. Den Bedürfnissen der deutschen Juden entspricht es keineswegs: Zunächst ist den deutschen Juden durchaus nicht gedient, wenn sie lediglich versuchen,, die Wahl „entschiedener". Gegner der Gleichberechtigung zu veririnderm. Natürlich ist auch die Wahl eines solchen Gegners, der Gleichberechtigung zu bekämpfen, der so vorsichtig ist, sich nicht so „entschieden" auszudrücken. Dann aber sollte man' meinen, daß für die deutschen Juden alle die Kandidaten, unannehmbar sind, die nicht „entschiedene" Freunde der Gleichberechtigung sind. Und wenn die deutschen Juden eine einigermaßen entsprechende politische Organisation hätten, müßte überhaupt-jeder aufgestellte' Kandidat auf seine Stellung zur- Judenfrage genauest geprüft, und müßte, die Wahl eines jeden? Kandidaten energischst bekämpft DfE3^ELT werden, der nicht alle Garantien dafür bietet daß für ihn der Jude in jetler Hinsicht ebenso vollwertig ist, wie irgend jemand anders. Aber das geht nicht nur über die Möglichkeiten, sondern auch über die Absichten des Zentralvereins hinaus. In dem Augenblicke nämlich, wo er, statt die entschiedenen Gegner der Gleichberechtigung zu bekämpfen, die Forderung aufstellen würde, daß ein Jude nur dem entschiedenen Freunde der Gleichberechtigung seine Stimme geben darf, daß also der und jener keineswegs jüdische Stimmen erhalten dürfe, müßte er eine politische Partei werden, d. h. er müßte von den Juden verlangen, daß sie ihre Forderungen denen voranstellen, die die politischen Parteien, denen sie übungsgemäß angehören, aufstellen, und daß sie evtl. gegen Kandidaten ihrer eigenen politischen Partei stimmten, weil deren Stellung zur Judenfrage jüdischen Ansprüchen nicht genügt Das aber will der Zentralverein um jeden Preis vermeiden. Jeder wähle nach seinen politischen Grundsätzen in seiner Partei und bekämpfe den Antisemitismus. Und in dieser Stellungnahme liegt der bisherige Bankerott der deutschen Judenpolitik begründet, der in den Reichstagswahlen von 1907 so eklatant zum Ausdruck kam und der in den bisherigen Erfolgen der „Blockpolitik", die an freiheitlichen Errungenschaften ungefähr als einziges Resultat das Sichzusammenfinden aller Parteien auf der „mittleren antisemitischen Linie" aufzuweisen hat, heute noch jeden Tag evident in Erscheinung tritt. Und wenn der Zeritralverein diesen Standpunkt nicht ändert — und er behauptet satzungsgemäß dazu außerstande zu sein —, und wenn keine andere politische Organisation von deutschen Juden entsteht die eine aktive Judenpolitik zu betreiben sich anschickt statt der passiven Antisemitenbekämpfung des Zentralvereins, wird das Resultat der preußischen Landtagswahlen nicht weniger kläglich sein. Es werden vielleicht wieder unsere be—rühmten „Sechs" in das Abgeordnetenhaus einziehen, wahrscheinlich werden es weniger sein, und wir werden wiederum Vertreter haben, die das Behandeln jüdischer Fragen ihren getauften Kollegen und den Antisemiten überlassen. Daß wir unsererseits nichts weniger verlangen, als eine „jüdische Partei", die eigene Kandidaten aufstellen solly brauchen wir dem Vernünftigen nicht erst auseinanderzusetzen, und der Böswillige wird diese Insinuation doch erheben. Zunächst möchten wir uns darauf beschränken, einige spezielle Fragen zu stellen, die uns jene, die es angeht vielleicht zu beantworten so liebenswürdig sein werden. 1. Wie soll ein Jude wählen, wo nur Kandidaten des Zentrums gegen solche der nationalliberalen Partei in Frage kommen? 2. Wen soll er wählen, falls in seinem Wahlkreise ein getaufter freisinniger Jude einem nicht freisinnigen Kandidaten gegenübersteht? 3. Oder falls ein Sozialdemokrat und eüi „nationaler" Kandidat in Frage kommt? 4. Wie verhält man sich einem Freisinnigen (von nationalliberalen Kandidaten gar nicht zu reden) gegenüber, von dem stark judenfeindliche Äußerungen bekannt geworden sind? Ist er als „entschiedener" Gegner zu bekämpfen oder als nicht so entschiedener zu unterstützen? Und endlich 5.: Falls alle diese Fragen mit der Phrase beantwortet werden sollten, daß der Zentralverein niemandem seine Stellungnahme vorschreibe, sondern jedem überlassen müsse, wie er wähle, glaubt der Zentralverehr nicht daß dadurch letzten Endes sogar die Wahl von „ent-. schiedenen" Gegnern gefördert werden wird, wie es z. B. bei der letzten Reichstagswahl der Fall war, wo die „nationalen" Freisinnigen und Nationalliberalen die judenfreundlichen Sozialdemokraten.. - gegen die „entschiedenen" Antisemiten zu Fall gebracht Jiahen? Und glaubt der Zentralverein nicht daß bei einer geschickten Wahltaktik, wenn man die jüdischen Stimmen, die einer Partei in dem oder jenem Wahlkreise zufallen und vielleicht den' Ausschlag geben, in Anrechnung bringt und dafür Kompensationen verlangt mehr erreicht werden könnte? Sollte damit nicht mehr zu erzielen sein, als wenn: man dem bisherigen Usus folgt und die Wahltätigkeit ausschließlich darauf beschränkt den freisinnigen Parteien die Kosten ihres- Wahlkampfes zu bestreiten-? J. B.