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Die Welt · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Ein Jüdisches Technikum in Palästina Durch eine ungemein erfreuliche Kunde sind am vor- 1 etzten Sonntag die Teilnehmer an der Generalversammlung des „Hilfsvereins der deutschen Juden" überrascht worden. Unterstützt durch eine hochherzige Zuwendung der Familie Wissotzky ist es dem Hilfsverein gelungen, die erste finanzielle Grundlage für ein Jüdisches Technikum in Palästina zu schaffen. Wie verlautet, soll außer der Wissotzky'schen Spende in der Höhe von einer viertel Million Francs dem Hilfsverein noch ungefähr eine halbe Million für den gleichen Zweck zur Verfügung stehen. Wenngleich nun damit das Gesamterfordernis (das man mit einem zu investierenden Kapital von zwei Millionen Francs und einem jährlichen Budget von 100 000 Francs, beziffern kann) noch lange nicht gedeckt ist, so kann man doch in diesem Falle mit Bestimmtheit annehmen, daß die restlichen Summen durch die Werbearbeit des Hilfsvereins und der für das Zustandekommen des Projektes interessierten Kreise über kurz oder lang werden aufgebracht werden. Und so kann man denn schon heute vom Jüdischen Technikum als einer Tatsache der nächsten Zeit •sprechen, einer Tatsache, deren Bedeutsamkeit für unsere nationale Zukunft in Palästina nicht hoch genug bewertet werden kann. Der Plan, eine jüdische Hochschule in Palästina zu errichten, ist bekanntlich kein neuer. Er ist in nationaljüdischen Kreisen des öftern aufgetaucht und hatte unter anderen einen warmen Fürsprecher in dem geistigen Vater unseres Nationalfonds, Professor Schapira, der auf dem Zionistenkongresse dafür mit begeisterten Worten eintrat. Später wurde dann der Plan einer jüdischen Hochschule in einer speziellen" Broschüre (Eine Jüdische Hochschule, 2. Aufl., Jüdischer Verlag) mit einer ausführlichen Begründung des Prinzipiellen und einem Entwurf des inneren Aufbaues eines solchen Instituts abermals von Zionisten der Öffentlichkeit unterbricht. Auch bei diesem Projekte, dessen Argumentation heute noch viel mehr Geltung hat als damals, handelte es sich um ein der Hauptsache nach den technischen Disziplinen gewidmetes Institut. Daß auch in manchen nichtzionistischen Kreisen die Idee einer Hochschulgründung in Palästina sich in den letzten Jahren aus einer klaren Betrachtung der kulturellen Zerstörungsarbeit der Diaspora einerseits und der positiven Kulturkraft Palästinas anderseits immer mehr durchgerungen hat, beweist der jüngste Vorschlag des Professors an der Universität Cambridge, Israel Abrahams, der auf die Errichtung einer Universität in Jerusalem hinzielte. Das vom Hilfsverein geplante Institut dürfte nach unseren Informationen seinem Grundcharakter nach einem der deutschen (Coethen, Marburg, Mittweida usw.) Technika ähneln, angepaßt natürlich an die Verhältnisse und Bedürfnisse des Orients. Voraussichtlich wird es mit einer Vorschule (Vorbereitungsschule) verbunden sein, die die fürs Technikum bestimmten Zöglinge in den elementarsten Kenntnissen unterweisen wird. Im palästinensischen Schulwesen, das nun in organischer Weise sich aufzubauen beginnt (Kindergarten, Volksschule, Gymnasium, Handelsschule, Bezalel, Lehrerseminar) wird das Technikum vorläufig die Spitze bilden, bis endlich »eine Universität den Abschluß machen wird, — noch vor nicht zu langer Xeit eis Traum* jetzt eine in der Wirklichkeit, im Zeitbedürfnis -wurzelnde Hoffnung ... Dem vom Hilfsverein gebildeten Komitee, das ■ als Kuratorium des geplanten Technikunis fungieren soll, gehören, wie wir vernehmen, u. a. Acnad-Haam und Dr. Schern arja Uewtn an, letzterer "bekanpitlich ein begeisterter Vorkämpfer für die .Förderung des höheren Schulwesens in Palästina, der in Amerika und zuletzt auf unserem Kongresse den Hochschulgedanken in begeisternder Weise propagierte. Dem Komitee des Technikums steht natürlich jetzt eine nicht kleine Propagandaarbeit bevor, — es sind noch beträchtliche Mittel zu schaffen. AUe Freunde Palästinas werden es aber dabei gewiß an Unterstützung der für ein großes Unternehmen Werbenden, nicht fehlen lassen.. _ Die Juden und die preußischen Landtagswahlen Die preußische Judenheit steht wieder einmal vor einer Aufgabe. Der preußische Landtag wird demnächst aufgelöst werden, der Termin der Neuwahlen ist schon festgesetzt. An und für sich schon wohnt den demnächstigen Wahlen zum preußischen Parlament eine ganz besondere Bedeutung bei, die sie über das Niveau gewöhnlicher Landtagswahlen herausheben und ihnen Interesse auch für die weitern Kreise der nichtpreußischen Allgemeinheit verleihen. Diese Wahlen werden vielleicht — sollen wenigstens — darüber entscheiden, ob auch weiterhin im führenden Staate des Deutschen Reiches, in einem mächtigen und großen Lande im Herzen Europas, eine durch und durch reaktionäre Regierungsmaxime maßgebend sein soll. Gerade die Bedeutung Preußens im Deutschen Reich und seine zentrale Lage machen die Entscheidung, die hier fallen wird, hervorragend bedeutsam, und von ihr wird vielleicht ein nicht unwesentlicher Einfluß auf die nächsten Jahre der Kulturgeschichte Europas ausgehen. Für uns Juden aber haben diese; Wahlen ein ganz besonderes Interesse. Es gibt heute in der ganzen zivilisierten Welt keinen Staat mehr, in dem die Verachtung und Ächtung der Juden von oben herab, — quasi administrativ — mehr betrieben wird, als in Preußen-Deutschland. Zwar finden wir Antisemitismus überall, auch in Frankreich und in England und in Amerika. Aber das Wort „Antisemitismus" ist schließlich eine deutsche Erfindung, und es wäre interessant, einmal zu überlegen, wie sich die letzten drei Jahrzehnte jüdischer Geschichte gestaltet hätten, wenn die antisemitische Bewegung in Preußen, und das heißt in Deutschland, nicht aufgekommen wäre. Die Judennot wäre sicher bestehen geblieben, aber die Formen wären gewiß anders geworden. Das Eine ist jedenfalls klar, daß es mit der Weltemanzipation der Juden nie weit her sein wird, solange in einem der ökonomisch entwickeltsten und geistig bedeutsamsten Staaten Europas mehr als eine halbe Million seiner intelligentesten und wirtschaftlich kräftigsten Bürger in der schlimmsten Weise staatlich mißachtet werden, wie es heute der Fall ist Und es ist daher veine Frage von weitestgehendem allgemein-jüdischem Interesse, ob endlich etwas geschehen wird, um diesen Zustand zum Guten zu ändern. Die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen können ein ausgezeichnetes Mittel hierzu werden. Wird die Reaktion hier geschlagen, kommt ein Parlament zustande, das fortschrittlichen Ideen geneigter ist als das jetzige, so wird auch wohl bald ein Wahlgesetz folgen, das modernen Ansprüchen Rechnung trägt und einen Landtag schaffen wird, unter dem einfür allemal eine

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