Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316312--50484-3377614
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ELT KÖLN AM'RHEIN, KAROL.INGERRING 6 \e/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ■ ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. Köln, 10. April 1908 pnrfc o^nn'c* \o->2 "v NEUE BAHNEN Die Eisenbahn entwickelt sich in unserer Zeit mehr als je zu einem, Instrument und Hauptobjekt großen . internationalen Schaffens.. Man spricht von der „Herrschaft über das Meer". Und wo ist die Herrschaft über das Land? Bis" vor kurzem noch schrieb die älteste geographische, militärische und wirtschaftliche Oberlieferung dem Flußtal die größte Bedeutung zu. „Vom Bache Ägyptens bis an den großen Fluß, den Fluß Pruth." Der Wasserstrom zeichnete nicht nur die Route, er stellte auch das Fortbewegungsmitiel (Pascal nannte dies: Der gehende Weg) und zum Schluß auch die Verproviantierungsquelle für die Menschen dar. Um die schweren und anspruchsvollen Menschenmassen, wie es die großen Heere sind, fortzubewegen, oder um kleinere,, aber öftere Transporte, wie sie der Zwischenhandel heischt, zu ermöglichen, hatte man keine große Auswahl an Mitteln: die Flußlinie bot sich als das einzige Mittel dar, das nur durch Tränsporteinrichtungen von einem Flußbecken zum anderen verbunden war. Aber auch die Landstraßen weisen Spuren auf, die seit dem grauesten Altertum herrühren. Sie folgenden Kriegsspuren der ersten Menschen,, durch die Rasen und den Sand, an der Morgenröte der Tage, den Flüssen entlang. „Räumt in der Wüste einen Weg, ebnet eine Straße in der Einöde," — ruft Deutero- Jesaias. Selbst die Eisenbahnen konnten nur' in den Fußstapfen der Alten gebaut werden; sie legten sich mit ihrem Metall über den Staub der alten, frühern' Straßen. Die Schiene gab die Schnelligkeit und die Sicherheit. Sie beschleunigte das Reisen, änderte aber die Wegkarte nicht. % Alles hat. sich verändert,, seitdem das Genie, des Erbauers, im kühnen- Angriffe auf die Bergfronte, die gangbaren Wege verlassen und sich daran gesetzt hat,, durch Querdurchstechungen und Diagönallinien die: Netzmaschen der herkömmlichen Verbindungen zu vermehren. Die Täler haben dadurch sowohl in strategischer wie in ökonomischer Hinsicht ihre frühere, ausschließliche Bedeutung eingebüßt. Wie die großen Flüsse, laufen die Eisenbahnlinien; sie verbinden sich, gehen auseinander und münden dort, wohin sie das menschliche ■ Genie leiten - will, alle Schränken und Hindernisse überspringend, ringsumher neue „Becken" schaffend, neue Nutzungs- und Betriebsgebiete bildend und neue Gegenden erschließend. Die .menschliche Kultur formt die Oberfläche unseres Planeten um, durchfurcht sie und verwandelt durch ganz überraschende Züge ihr Gesicht, so daß ein alter Geograph dieses neue, faltenreiche Gesicht schwerlich erkennen würde. Wird nicht die Bagdadbahn einem großen Fluß gleichen, mächtiger als all' die Flüsse des Ostens? Ihre Windungen werden sich über verwahrloste, mit dem Schutt der Jahrtausende bedeckte Gegenden schlängeln. Ihr Lebenshauch wird die dürren, weiten Öden ringsumher befruchten; ihre Linien werden die mesopotamischen, ehemals gesegneten Gefilde durchkreuzen und das alte Babylonien umsäumen. Der Dampf, . dessen schwebende Säulen sich über ein so großes Stück des Orients kräuseln werden, muß jene Länder zu neuem Leben wecken. Wunder geschehen. Das Volk des Kismet arbeitet rasch und .leidenschaftlich an dem Bau der Hedjas-Bahn. Eine' wunderbare Erscheinung, bezeichnend und lehrreich. Es herrschte sonst Beschränkung in allem, beschauliches Leben, bescheidene technische Ansprüche, Rückständigkeit. Und die Finanzen, — die Lage ist bekannt. Aber eine Idee blitzt: Mekka, — und da weicht der Geist der Schwere, da flammt» es tief, die Ausdauer ist da und auch die Mittel. < Auch dieser Bahnbau und der an ihn anzuschließende Bahnbau. Chaifa-Jerusalem und der Hafenbau in ChaTfa, der bald in Angriff genommen werden soll, bedeuten für Palästina und die Nebenländer den Anbruch einer neuen wirtschaftlichen Enfwicklungsära. Wo man nur bjnblickt» — alles keimt und regt sich im Lande unserer Väter wie nie zuvor. Die moderne Kultur zieht dort ein und vollzieht ihr erstes Wort: sie bahnt Wege! Wo sind wir, und wie .klein ist noch unser Anteil! N. S.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.