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Die Welt · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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über einen Jehoschua Steinberg mit wegwerfender Geringschätzung höhnisch spricht hat mit Kultur weniger gemein. Jehoschua Steinberg war ein Sohn seiner Zeit Das Zensorentum und der ganze Offizialismus Steinbergs verwehen, aber die großen literarischen Leistungen werden bleiben. An seinen Namen knüpfen sich ,die nachzitternden Erinnerungen der Wilnaer Haskalah-Schule. Kaiman Schulmann sagte mir einst: Berel (Adam Ha-Kohen hieß Berel Michailischker) schrieb Hebräisch! Schmul Jossei (Finn) — der kennt Geschichte! — Und Steinberg? — fragte ich. — Ja, Steinberg, — stammelte er, — sehr tüchtig, aber so ganz „deutsch". Er vermißte bei Stejnberg das Intim jüdische; aber er gab zu, daß dies einer der iKrigeh sei. Ich habe damals — vor ungefähr 20 Jahren — zum erstenmal'Steinberg gesehen. Er sprach mich in einem dozierenden Ton an:. Junger Mann! Ich kann Ihren „Hatzöfe l'beth Israel" (der Titel einer ständigen Rubrik, die ich damals leitete) nicht mehr lesen. Warum bedienen Sie sich immer der Talmudausdrücke? Sie können doch hebräisch schreiben! Schulmann beschwichtigte ihn: Ja, Herr Steinberg, das sind die Neuen! Ich fühlte mich diesen zwei Pyramiden gegenüber so jung. Ich hatte damals ein Manuskript, daß ich in Wilna zensieren lassen wollte, — und Steinberg war Zensor! Ich überließ ihm das Manuskript. Nach einigen Tagen sandte er mir das Manuskript mit der Bemerkung zurück: Zu viel Talmud, ^- qualifiziert sich für Herrn Wohl. Das war der zweite Zensor. Einige Jahre darauf bekam ich von Steinberg die neue Auflage seines russisch-hebräischen Wörterbuches — „zur Rezension". Ich entdeckte da eine Masse talmudischer Ausdrücke und machte darauf in der Rezension aufmerksam. Darauf schrieb er mir: „Ich begriff Ihren Wink. Ich gestehe, daß ich dem Strom der Zeit folge." So ganz folgte er nicht. Erst vor kurzem richtete er an den „Heed-Hazman" eine Epistel wegen der hebräischen Sprachfrage, — so veraltet und naiv, eine fade Moralpredigt,. gar nicht mehr zu lesen möglich... Ich möchte diesen Erguß nicht als Schwanenlied dieses bedeutenden Meisters betrachten. Denn er war trotz allem ein Meister, — vielleicht der letzte Wiinaer hebräische Meister. Professor Gustav Oppert. — Ein bescheidener, in stiller Zurückgezogenheit lebender Gelehrter. In Charakter und Wesen das Gegenteil von seinem großen Bruder Jules. Dieser ein Sturmgenie, erfinderisch, verwegen, sarkastisch, zerstreut, allwissend, phänomenal; Gustav hingegen — ruhig, gemessen, vorsichtig und auf seinem Gebiete gründlich. Es klingt so altväterlich: Die Geschichte von zwei Brüdern... Der eine war reich, der andere arm; der eine war weise, der andere — dumm... Hier waren beide... weise. Aber sie glichen einander so wenig! Schreibt nicht Lombroso, daß es bei Brüdern sehr oft vorkommt, daß der eine genial ganz hervorragend, der andere wie eine sozusagen erzwungene Nachahmung vorkommt so als ob die Natur sich an einen zu verschwenderisch vergab, und daher blieb ihr für den anderen nicht viel übrig? Eine bizarre Idee, jedoch kommen einem unwillkürlich so manche bestätigende Beispiele in den Sinn. Nur der Vergleich verdunkelte den kleineren Stern. Sonst war auch Gustav eine Größe — auf seinem Gebiete. Vielleicht wäre er auch in Paris, unter dem zweiten, so abenteuerlich grandiosen Empire, die die Glanzzeit Jules* war, anders geworden. Er war in einer philisterhaft-gelehrten Enge eingepfercht. Jules war auch als Jude stolz, feurig, geradezu herausfordernd. Ein alter wild-genialer, mächtig-selbstbewußter Gaon, — nicht einer jener Leisetreter, die vor jedem Buchstaben zerknickt erschauern, sondern ein kühner Geistes- und Gemütsheros. Ich beobachtete ihn, wie er nach dem Gottesdienste in der Synagoge der Rue de la Victoire am Sukkothfeste,. nach dem Kiddusch in der Sukkah, gierig nach dem Stückchen Challat griff, das Zadoc Kahn herumreichte. Es gefiel ihm gerade so; er hatte die Andacht, die Pietät empfunden. Ein anderesmal mochte er sich über wichtigere Dinge ganz hinwegsetzen. Ein Großer. Gustav glich ihm auch in dieser Beziehung nicht. Er hatte eine stille, tiefe Pietät für das Jüdische, gleichviel: Religion, Nationalität, er definierte diese Begriffe nicht. In den letzten Jahren konnte man mit ihm kaum sprechen, ohne daß er die Ophirfrage wenigstens leicht gestreift hätte. Er war überzeugt, das Richtige über Ophir entdeckt zu haben. Er hatte Broschüren über diesen Gegenstand geschrieben, und besuchte man ihn. so konnte man sicher sein, mit einigen Ophirbroschüren beladen von ihm dann gehen zu müssen. Wer sonst sollte Ophirbroschüren kaufen? Er zog jetzt in das Schattenreich des Ophir ein, — der stille Oppert! *l — Ein großer Trumpf.— Nun sind wir zu Seiner Abessinischen Majestät Menelik I., in diplomatische Beziehungen getreten! Der gute Feitelowitsch rüstet sich erst mit Hülfe des Pro-Falaschas- Komitees, das wirklich die kräftigste Förderung und die größte Sympathie verdient, und da schmettern schon die Fanfaren: die Alliance-Expedition wurde von Menelik empfangen, ihre Geschenke — angenommen, und Schutzbriefe wurden ihr erteilt! Eine interessante Konkurrenz bildet sich also im Lande Chabasch! Der Geist der Königin von Saba wird eine neue salomonische Weisheit bewundern können. Salomons Urteil: Zerschneidet das Kind, das von der falschen Mutter mit Freuden aufgenommen worden ist, tritt in Erfüllung. Ein jüdisches Werk wurde in zwei Teile zerschnitten. So hoch man die Gunst Meneliks einschätzen mag, bleibt es doch nur eine leere Dekoration. Was jüdische Reisende und Forscher — von Eldad Ha-dani bis Feitelowitsch — auf dem Gebie e der jüdischen Volkskunde und der jüdischen Propaganda geleistet haben, war kein Schaustück, prunkte und klang nicht offiziell höfisch. Professor Joseph Halevi hatte auch nicht den Schattten eines Monarchen gesehen, aber er brachte uns eins der wertvollsten Denkmäler der Geschichte jüdischer Sekten: „Die Gibete der Falaschrts." Vor mir stehen zwei Gestalten, deren Bilder sich in mein Gedächtnis tief eingeprägt haben: der karäische Oberen icham Abraham Firkowitsch und der arme jüdische .Kaukasusforscher Josef Jehuda Tschorny (Schochor). Ersterer — eine imposante, hohe Greisengestalt im Amtskleide, mit Orden und Medaillen b.-hangen. mit einem großen, silberbeschlagenem Stab in der Hand; letzterer — ein schmächtiger, armselig gekleideter, armer Jude. Firkowitsch reiste mit großem Aufwand, seine Brust schmückten allerlei Bänder von Violett und Rosen- und Goldrot. Mit stolzer, vornehm abweisender Miene sagte er dem alten Slominski, in dessen Hause ich ihn vor vielen Jahren sah: Wir haben jetzt viel mitgebracht. Er pflegte immer nur in „pluralis majestatis" zu sprechen. Erreiste damals nach Petersburg mit seinen Altertumsfabrikaten. Wie er sich im Verkehr mit den Mächtigen dieser Welt benahm, — weiß ich nicht. Wahrscheinlich ebenso übertrieben unterwürfig, wie den anderen gegenüber zu herrisch und arrogant. Seine Entdeckungen gehören zu den traurigsten Kapiteln gelehrter Täuschungen — nicht seiner Täuschungen, denn er wußte genau, was er tat, aber der Täuschungen anderer. Schlicht elend, fast unbeholfen war Josef Jehuda Tschorny, aber seine Beschreibungen und Schilderungen über die kaukasischen Juden sind das Gründlichste und das Ehrlichste, das Neueste und das Interessanteste, das ich je in. der Reiseliteratur gelesen habe. Er sah und erzählte, was er gesehen hat, — auf jedes Wort könnte man schwören. Er erklärte auch Dinge, wie er sie verstand, — oftmals unrichtig, aber wie er sie verstand. Ich sah ihn einige Jahre vor seinem Tode; er sah wie ein Bettler aus, aber der konnte erzählen, daß einem der Atem verging" Jahrelang könnte ich träumen und dichten von dem, was mir diese schlichte Mann im Laufe einiger Tage erzählt hatte. Wie eine lichte Märchengestalt steht vor mir dieser Bettler, dieser Weise. Einige Jahre vergingen

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