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Die Welt · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE^ELT No. 14 „Gewiß, wer denn sonst, wenn nicht „er" — aber deswegen könntest du auch beginnen, für sie zu sorgen. „Was soll ich tun?" seufzt Chaje, „sie vor einen Korb Äpfel stellen, ich lös" allein nichts. „Was Äpfelkorb!" schreit die Hökerin, als hätte sie Angst vor einer neuen Konkurrentin, „eine „Stelle" sollst du für sie suchen." Chaje und Resele blickten sich schnell an. ihre Gesichter wurden noch blässer, und dann sahen sie entsetzt die Hökerin an. als wollten sie ihr zurufen: „Mörderin! Trennen willst du uns!**... Als sie wieder in ihrem Stübchen waren und Resele Licht machte, erschrak sie : Über der Mutter blasses, mageres Gesicht liefen zwei große Tränen. „Du weinst. Mütterchen," rief sie beklommen, sich an die Mutter schmiegend. „Wie denn anders... Hat sie denn nicht recht? Bist doch zwölf Jahre alt und hast nicht einmal ein Paar Schuhe, kein Hemd auf dem Leib, und ich bin krank, Gott allein weiß, wieso ich noch auf dem Markte stehen kann... Was wird das Ende sein?'** „Was.soll ich tun?" antwortet Resele traurig, „wie verdient man Geld?" „Hast doch gehört, was sie gesagt hat..." Reseles Augen blickten erschreckt: „Und dich allein lassen, Mütterchen? Damit du nicht einmal jemand hast, der dir nachts ein Glas Wasser reicht?" Die Mutter antwortete nichts — zwei große Tränen fielen aus ihren Augen und flössen auf Reseles Köpfchen, das in ihrem Schöße lag. „Nicht weinen, Mütterchen", bat Resele, „du wirst mich doch zu einer guten Hausfrau geben, die mich nachts nach Hause lassen wird. . ." „Nein, Töchterchen, gute Hausfrauen gibt's nicht, wenn sie zahlen, wollen sie auch nachts davon Nutzen haben**. „Und haben sie denn gar kein Mitleid?" fragt Resele erschrocken. Die Mutter antwortete nicht . . . III. Acht Tage später kam Resele zu Madame Goldmann in Dienst. „Sollst nun fleißig sein," sagte ihr die Madame als erste Unterweisung, „fleißige Leute haben alle gern. Und allen gehorchen, auch der Köchin, dann wird dir hier gut sein." Resele blickte beklommen auf die große, dicke Dame. Sie konnte nicht verstehen, wie ihr hier gut sein könne, wenn eine so große, dicke Madame ihr zu essen geben, ihr sagen wird: „Geh schlafen" oder „Tu das, tu jenes!"* Nicht „mein Kind", „meine Tochter", nicht einmal ..Resele", — einfach „du"! Nein, du bist eine Lügnerin, schlecht bist du — so dachte Resele, als sie die erste Nacht in ihrem Bett in der Küche lag. Hier kann's nicht gut sein. Gut ist's dortbei der Mutter . . Hier ist für mich ein Gefängnis. Nachts wird die Mutter dort husten und ich werde hier arbeiten müssen. Wozu braucht sie mich eigentlich, die große, dicke Madame? Hustet sie denn, wie Mütterchen? Sie ist doch so gesund. Und wenn sie einmal hustete, es wären doch soviel Menschen da, die ihr Wein reichen würden. Und dort liegt mein Mütterchen allein und hustet, hustet und bittet: „Resele, ein bißchen Wasser! . . Resele, ein bißchen Wasser!" . . . Und Resele sprang aus dem Bett, ging ans Fenster und suchte mit den Augen das kleine Stübchen,. wo ihre Mutter allein lag und nach ihr rief. . . „Mütterchen, mein teueres Mütterchen." Und schluchzend warf sie sich auf die Kissen. •. - Aber niemand hörte ihr Weinen. Alles im Hause schlief fest... Aus meinem Notizbuch Jehoschua Steinberg. Von Zeit zu Zeit erlischt ein müdes Flämmchen. Jehoschua Steinberg, der Grammatiker und Lexikograph, ist in Wilna, alt und vergessen aus dem Leben geschieden. Er war einer der letzten biblischen Hebraisten, ein Pseudo-Klassiker, ein unversöhnlicher Purist Er war der Erbe einer strengen Tradition: Adam Ha-Kohen Lebensohn war sein Schwiegervater, und Micha-Josef, der frühzeitig verstorbene Musenliebling, sein Schwager. Das Ringen einer sehnsüchtigen, bedrückten, armen Seele, das in Micha-Josefs Lied so zaubervoll zitterte, jener Zug der tiefen Trauer, jene tiefheilige Pietät für den Prophetenstil, jenes Sehnen, das Althebräische herauszukriegen, wie man es möchte, wie es einem vorschwebte, haben auf dem dürren Boden der Gelahrtheit Steinbergs keine zarten Blumen erzeugt. Höchstens waren es Nüsse, kernige, gesunde Nüsse, die der harten Scholle abgerungen worden sind. In „Or La-j'scharim" und in „Myschle Jehoschua" leistete Jehoschua Steinberg formvollendete Nachahmungen des biblischen Stils; aber seine poetische Muse war dumpf, mühsam und beladen. Er verfaßte eine hebräische Grammatik, schrieb Wörterbücher und Kommentare. Alle diese Arbeiten waren keine ephemeren Spielereien; sie waren ernst angelegt und wurden gründlich durchgeführt. Gründlich, aber düster, verhärmt, brütend und streng, wie ihr Verfasser. Jehoschua Steinbergs Stil war so korrekt, so peinlich gedrechselt, so meisterhaft systematisch, daß einen ein Grauen erfaßte. Er besaß alles, außer Grazie und Freiheit. Jehoschua Steinberg war der Typus eines hammerfesten offiziellen Menschen. Ein klein wenig von dieser Offizialität steckte auch in Jehuda Leib Gordon und in vielen führenden Haskalahvertretern der Epoche Alexanders II. in Rußland. In Jehuda Leib Gordon zersetzte die gärende litauische Beth-Hamidrasch- Satire die bureaukratische Kruste des gewesenen Kronrabbiners und Regierungsschullehrers. Aber Jehoschua Steinberg war für humoristische Anwandlungen zu hart, zu platt und zu herrisch. Der Inspektor (eines Lehrerseminars) und der Zensor erstickten in ihm den Spukgeist des Ghetto-Kobolds. So wurde der außerordentlich fruchtbare Schriftsteller, trotz seiner ungeheuren Leistungen,, unfruchtbar wie ein Stein. Man lernte von ihm manches, aber man befreundete sich mit ihm nie. In der letzten Zeit der „Stimmungen", der Oberflächlichkeit, der fieberhaften Neuerungssucht, hat man auch aufgehört, bei ihm in die Lehre zu gehen. Sein Wörterbuch genügte nicht mehr. Man konnte mit diesem Wörterbuch ebenso schwer auskommen, wie etwa ein , moderner Maler mit 3—4 Farbenkombinationen primitiver Art auskommen könnte. Man lernte seine Grammatik ebensowenig, wie man z. B. Klopstock liest. Daß man sich an seinen Bibelimitationen sehr wenig ergötzte, liegt vielleicht zum Teil daran, daß man auch für die Originale, die er nachahmte, nicht viel Sinn hat. Die Allermodernsten begnügen sich mit einer überschwenglichen Hurrastimmung für die allerletzten Modeberühmtheiten. Diese Übertreibung ist ebenso flatterhaft, einseitig und kindisch wie der ehemalige Altertumsdusel. Wahre Kultur ist das Zusammenfassen des Gewesenen und des Vorhandenen. Jehoschua Steinberg war ein Überlebender. In einer eigenen Welt amtlicher und schriftstellerischer Tätigkeit, ohne Fühlung mit der Zeit und ihren Strömungen, eingeschlossen, entbehrte er des Sinnes für aktuelle Kultur.. Aber irgendein Gassenbub der Publizisten, der

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