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Die Welt · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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aus — und daß sie ihr Wasser und ein Stückchen Zucker gereicht hat, aber nichts wollte helfen! . . . Die Mutter hat sie so seltsam angeblickt . . . „Resele", hat sie gesagt „tu ich dir leid?" Resele hat nicht geantwortet, hat sich in einen Winkel gesetzt und bitterlich geweint . . . Das ist alles, woran sie sich erinnert. Sonst weiß sie nur, daß sie die ganze Nacht unaufhörlich geträumt hat. Sie ist schon gesund — denkt Resele froh — sonst wäre sie doch nicht auf den Markt gegangen! ' Auf dem Tische findet sie ihr „Mittagessen" vorbereitet: ein Stückchen Brot und ein bißchen Milch in einem gesprungenen Glas. Nachdem sie die „Mahlzeit" still beendigt, wird sie traurig und verzagt. Sie möchte,, es solle schon finster werden und die Mutter heimkommen. Wenn es Sommer ist, da hält es sie nicht in der Stube, sie läuft nach dem Markte, um bei Mutter zu sein. Und wenn auch Mutter immer klagt, daß sie nichts gelöst hat, Resele ist doch glücklich, wenn sie nur daneben stehen darf. Und gar, wenn dann jemand etwas'kauft. Jubelnd pflegt sie zu rnfen: „Siehst du, Mütterchen, jetzt verkaufst du!" Aber die Mutter antwortet dann gewöhnlich traurig: „Ein Jammer, was ich verkaufe, mein Töchterchen! Drei Kopeken — und der Tag ist bald zu Ende! . .,." Aber jetzt im Winter hat Resele auch diese Freude nicht. Schuhe hat sie nie besessen, und barfuß kann man doch bei solcher Kälte nicht auf den Markt laufen ... Und so sitzt sie denn den ganzen Tag im, Stübchen und" wartet und wartet, bis Mutter kommen wird. Wenn es dann dämmert, geht sie jeden Augenblick ans Fenster. „Schon finster, bald wird sie kommen". . . . Aber es hat noch gute Weile. In dem kleinen Stübchen mit den verfrorenen Fensterscheiben ist's schon finster, wenn's draußen noch immer Tag ist. „Es ist doch schon finster, warum kommt sie nicht?" seufzt sie ungeduldig. Und wenn es dann im Stübchen schon so dunkel wird, daß Resele nur noch die weißen Kacheln des Ofens schimmern sieht, dann hört sie plötzlich Schritte vor der Tür, ihr kleines Herzchen hüpft vor Freude: „Mutter kommt!" ruft sie entzückt. Sie weiß, kein anderer kann es sein. Und da ist auch schon Mutter, müde, durchgefroren kommt sie, stelltden Korb' neben die Tür und ruft: -Wo bist Du, Resele?" „Da bin ich, Mutter, neben dem Bett, mach Licht!" Die Mutter reibt ein Streichhölzchen und zündet das Lämpchen an. Ein schwacher Schein beleuchtet das Stübchen, aber für Resele ist es genug, — sie sieht Mutter auch beim blakenden Lämpchen gut genug und wird ganz vergnügt. „Mütterchen, wirst du Abendessen machen?" „Gewiß," antwortet die Mutter, „bist doch sicher hungrig." „Nein, ich mag nicht essen, — aber du willst doch essen." „Nein, ich will auch nicht, ich habe mir auf dem Markt ein halbes Pfund Brot gekauft und dazu einen angefaulten Apfel gegessen — mehr als genug!" Die Mutter macht im Ofen ein kleines Feuer an, stellt einen Topf Wasser übers Feuer und setzt sich dann zu Resele. Resele blickt bald aufs Feuer, bald auf die Mutter, und es ist ihr so gut, so warm. ... Das Wasser beginnt fröhlich zu sieden, die Mutter kocht ein bischen Graupen ein, und bald darauf ist das Abendessen fertig. Nach den ersten zwei Löffeln verhustet sich die Mütter. Resele hört auf zu essen und wartet, bis der Husten sich legen wird. Die Mutter möchte ihr sagen, daß sie doch nicht warten und essen solle. Aber der Husten würgt sie und sie kann kein Wort herausbringen. „Nicht husten, Mütterchen", bittet Resele mit Tränen in den Augen. „Tu ich dir leid, mein Kind?" fragt die Mutter, nachdem sie ausgehustet und streicht Resele zärtlich übers Haar. Aber anstatt zu antworten, legt Resele die Ärmchen um ihren Hals und weint . . . II. Resele ist zwölf Jahre als geworden. Es ist Sommer, und das goldne Licht zieht auch Resele auf die Gasse. Aber was will sie da tun? Freundinnen hat sie keine. Alle Mädchen in ihrem Alter tragen ordentliche Kleider — sie hat nicht einmal ein Paar Schuhe. Wer sollte sie da mögen? Nur eine Kameradin hat sie — die Mutter! Die ist so gut, so gut. Alles tut sie ihr zuliebe, bemüht sich sogar, nicht zu husten, wenn Resele. sie darum bittet. Nur .bei Nacht hilft alles bitten nicht. Heute nacht war es wieder so schrecklich. Oft und oft hat Resele der Mutter Wasser gereicht, aber es nutzte nichts ..... Warum hustet Mutter so? Sie sagt, es ist ein Übel, aber man kann alt werden dabei. Ihre Mutter — die Großmutter — hatte auch den bösen Husten und hat doch ihre schönen Jahre gelebt, Gott sei gelobt .... „O Gott,, laß Mutter lange leben!" fleht Resele leise. Sie sieht der Mutter blasses. Gesicht vor sich, und es zieht sie zu ihr. Das enge Stübchen wird ihr noch enger. „Nach dem Markte", fährt es ihr durchs Köpfchen, „zur Mutter!" Und barfuß, wie sie ist, im zerrissenen Kleidchen, läuft sie zur Mutter. „Nun, Resele, warum bist du gekommen?" fragt die Mutter zärtlich. „So .... Mütterchen .... 's war traurig", antwortet Resele wie verschämt. „Na, na, Js ist ja nicht schlimm", tröstet sie die die Mutter, „bleib da, verkaufen kann man ja doch nichts." Eine Hökerin von gegenüber, die gewöhnlich Reseles Mutter zu schelten pflegte, wenn die eine Kopeke verdiente, und die beste Freundin war, wenn beide nichts lösten, verläßt ihren Standort und kommt zu ihnen. „Weißt du, Chaje," sagt sie, indem sie Resele mit forschenden Augen betrachtet, „deine Resele. wächst, man soll es nicht berufen!" — „Soll nur ihr Glück so wachsen," seufzt Chaje. „Was meinst du?" fährt die Hökerin fort, „das geht schnell — paar Jährchen und sie ist heiratsfähig... Ein ganz schönes Kind, wirklich..." Resele kann die Blicke der Hökerin nicht vertragen. Ihre blassen Wangen röten sich und das Gesichtchen wird noch-Tiübscher. „Wirklich, ein schönes Mädchen!"... „Mag sie ein so schönes Glück haben!" seufzt Chaje. „Ihr Vater , soll für sie ein guter Fürsprecher sein, Gott im Himmel!"

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