Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 : : WESEKE LT : Wie. ein einheitliches Judentum und Selbstwürde bei den Juden! weit ist er nun von uns? Wie sehr gerade das Streben nach voller, jüdischer Selbstwürde in manchen Juden, die vom ganzen Stamm vollständig entfernt zu sein scheinen, doch noch mächtig glimmt, und welche Anziehungskraft nationale Kulturstätten auf ferne Glieder in der Peripherie unserer Diaspora ausüben, beweist gerade die Zusammensetzung der Schüler am Hebräischen Gymnasium. In den letzten Tagen wurden ins Gymnasium drei neue Schüler aus — Buenos-Aires aufgenommen. Der Vater, einer der ersten argentinischen Emigranten, der zufällig von der Existenz des Hebräischen Gymnasiums erfuhr, scheute nicht die Reise von 45 Tagen mit seinen drei Knaben, um sie hier in national-jüdischem Sinne erziehen zu lassen. Da er aber schon hier war, faßte er den Plan, mit der ganzen Familie nach Palästina überzusi adeln. Er trat der Gesellschaft „Achuzath-Baith" und „Agudath N'taim" bei und will sich nach einem Jahre in Erez-Israel niederlassen. Russischer Brief (Von unserem Korrespondenten) Die Ausschließung der Juden aus den Stadtverwaltungen ' Die Zeitungen haben die Nachricht gebracht, daß vom Ministerium des Innern beschlossen worden sei, daß Juden in Städten außerhalb der Zone (des Ansiedlungsrayons) von der städtischen Verwaltung vollkommen auszuschließen seien. Zur weiteren Erklärung fügen die Korrespondenten hinzu, daß innerhalb der jüdischen Zone nur der fünfte Teil der Gesamtzahl aus jüdischen Stadtverordneten bestehen kann, selbst in jenen Orten, wo der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung bis 90 und mehr Prozent beträgt, Diese beiden Nachrichten sind unvollständig und werden kaum dem Leser im Auslande begreiflich sein. Zur Erläuterung sei folgendes gesagt: Die Juden hatten unter Alexander II. und auch während der ersten Periode der Regierungszeit Alexanders IIL das aktive und passive Wahlrecht für die lokalen, in ihren Befugnissen und Machtvollkommenheiten äußerst beschränkten Stadtverwaltungen in all' jenen Orten, wo Stadtverwaltungen existieren (in Polen existieren überhaupt keine Stadtverwaltungen, sondern Regierungsverwaltungen). Von einem Übergewicht der Juden in den Stadtverwaltungen auch in den dichtesten Judenzentren konnte gar nicht die Rede sein. Es waren hier und da einzelne Juden, die nach dem kompetenten Urteil des Fürsten Demidow San Donata in seinem bekannten Werke die größte Leistungsfähigkeit an den Tag gelegt und sich die bedeutendsten Verdienste um die Städte erworben haben. Als unter Alexander III. die Periode administrativer Drangsalierung begonnen hatte, wandte man sich auch diesem Rechtsgebiete zu, und beschränkte die Zahl der jüdischen Abgeordneten ungefähr so, wie man die Zahl der jüdischen Schüler in den öffentlichen Regierungsschulen beschränkt hat. Nicht nur die Zahl, sondern auch die Bedeutung, das Ansehen und der Einfluß der Juden in den Stadtverwaltungen wurden künstlich herabgedrückt. Auch in Städten, die ihrer Bevölkerung nach ganz jüdisch sind, No. 14 wurden die Juden aus den Stadtverwaltungen beinahe ganz verdrängt. In Städten, in denen jüdische Industrielle, Arbeiter, Kaufleute und eine starke jüdische Intelligenz lebt, mußte man einige ganz minderwertige christliche Bürger, Leute die kaum lesen und schreiben können, wählen und ihnen die Zügel der Verwaltung übergeben. Diese unnatürliche Beschränkung war eine der sinnlosesten administrativen .Vorschriften, die die antisemitische Phantasie des russischen Bureaukratismus unter Alexander III. in der schlimmsten . Zeit der Judenverfolgung erfunden hat. Als vor drei Jahren die Freiheitsbewegung in Rußland begonnen hatte, wurde von der jüdischen Intelligenz die Parole ausgegeben, die jüdischen Abgeordneten mögen ihre Ämter niederlegen. Entweder — oder! Entweder sind die Juden Bürger, so müssen sie das aktive und passive Wahlrecht haben, oder sind sie es nicht, so wollen die wenigen Abgeordneten keine privilegierte Stellung einnehmen. Diese Parole wurde auch in .vielen Orten befolgt. Man zweifelte nicht, daß, nachdem die Juden das aktive und passive Wahlrecht für die Reichsduma erhalten haben, die Beschränkung der Wahl für die kleinen, an sich so unbedeutenden und beschränkten Stadtverwaltungen als eine auffallende Inkonsequenz von "selbst wegfallen würde. Nach dem Obengesagten wird man verstehen, welche Bedeutung die neuen Beschränkungen haben. Tätsächlich ändert sich . nicht viel, aber symptomatisch sind diese Ausnahmegesetze von großer Wichtigkeit. Außerhalb der Zone waren Juden auch sonst in Stadtverwaltungen fast gar nicht vertreten. Aber die prinzipielle Ausschließung ist eine gesetzgeberische Aechtung und Brandmarkung, wie sie kaum schlimmer gedacht werden kann. Die Frage der Volksbildung Die Duma ist jetzt mit der Frage der Volksbildung beschäftigt. Viel Blech und wenig Melodie — richtiger: viel Gold und wenig Inhalt Das Ministerium hat ein Projekt vorgelegt, nach dem eine Erhöhung des ^Budgets um 6—7 Million Rubel verlangt wird, aber für welche Zwecke — das weiß man nicht genau. Die Kommission fand das Regierungsprojekt dunkel und verschwommen. . Im Plenum wütet jetzt ein Redekampf. Die Polen haben gegen die gewaltsame Russifizierung Protest erhoben. Die Echtrussen hatten einen Anfall von Tollwut DerOktobrist v. Agrep griff die Polen leidenschaftlich an. Der arme Mensch weiß nicht mehr'was er sagen soll, da alle Schimpfworte längst verbraucht sind. Zur Frage der Volksbildung hätten wir Juden das meiste zu sagen. Wir zahlen Schulsteuer und müssen außerdem eigene Schulen erhalten. Das Programm der eigenen Schulen entspricht unseren Volksbedürfnissen nicht. Jüdische Schullehrer sind in ihren Rechten beschränkt usw. Die jüdischen Deputierten werden wahrscheinlich die Frage von unserem Standpunkte behandeln, es ist aber gar keine Aussicht auf Erfolg seitens dieser Duma vorhanden. Eine der wichtigsten Fragen wäre die Frage der jüdischen Bildungsgesellschaft in Petersburg. Diese Gesellschaft hat seit einem halben Jahrhundert einen förmlichen Kampf mit der Bureaukratie zu führen. Erst vor kurzem hat sie neue Statuten ausgearbeitet um ihre Tätigkeit auszudehnen. Diesen Statuten wurde jedoch nun vom Petersburger Stadthauptmann die Legalisierung versagt. ■ Die eigentlichen'Volksschulen, die Chedarim, hängen in der Luft Die Talmud-Torahs, auch die legalisierten, sind jetzt von der Oberaufsicht des Ministeriums der Volksaufklärung fast ausgeschlossen worden. Aber all diese Fragen können in einer^Tjuma,^ wie der gegenwärtigen, kaum berührt werden. RESELE Aus dem Jüdischen^des A. Reisen .1. Wenn das achtjährige Resele des Morgens aufsteht, reibt es sich die verschlafenen Äuglein, blickt in alle vier Winkel der Stube und sucht etwas. Resele sucht die Mutter. Aber die Mutter ist schon lange mit ihrem Äpfelkorb zum Markt gegangen, und Resele seufzt: „Schon so früh fort!" Sie zieht das alte verschlissene Kleidchen an, wäscht sich, findet irgendeinen Fetzen, der ein Handtuch sein soll, und trocknet sich ab. Dann wird's klarer bei ihr im Köpfchen, sie erinnert sich, daß heute Dienstag ist, und dann, daß die .Mutter heute nacht schrecklich gehustet hat — der Atem ging ihr fast