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Die Welt · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Brief aus London (Von unserem Berichterstatter) Ein jüdischer Prozeß Ein Prozeß von außergewöhnlichem Interesse,, in dem Kläger und Angeklagter Juden waren, fand verflossene Woche vor dem High Court -of Justice statt. Für alle, denen der gute Ruf der jüdischen Gemeinde am Herzen liegt, mußte der Fall peinlich sein, indessen war der Urteilsspruch glücklicherweise eine Ehrenrettung für die jüdischen Autoritäten. Der Kläger war Josua Gordon, ein hebräischer Lehrer, der sich selbst auch als ein Rabbiner bezeichnet. Er kam vor einiger Zeit in großer Armut zu der kleinen Gemeinde von Portsea und wurde als Synagogendiener für 5 Sh. die Woche engagiert. Später wurde ihm gestattet, jüdischen Kindern Religionsunter iicht zu erteilen; auch bekam er den Posten eines Synagogeneinnehmers für eine Gebühr von 10 Prozen; der Einnahmen. Unterdessen erfuhr der Rabbi der Gemeinde, Isak Philipps, und. ebenso der Gabbai, Montagu Hart, daß Gordon Schritte unternahm, um zum Christentum überzutreten, und sie beschlossen daher, Gordon von seinem Posten zu entfernen. Philipps schrieb dem Chief Rabbi Adler, der eine Verfügung erließ, daß es Gordon nicht gestattet sei, jüdische Kinder zu unterrichten; diese Verfügung wurde irii Vorraum der Synagoge angeschlagen. Außerdem machte Philipps von der Kanzel bekannt, daß Gordon wegen seines Verhaltens nicht würdig sei, als Minjanman gerechnet zu werden. Der Vorstand der Synagoge war bereit, Gordon eine Abfindungssumme zu geben, falls er die Stadt sofort verlasse. Gordon leugnete die Beschuldigung, daß er übertreten wolle, ab und verklagte Philipps und Hart wegen Verleumdung und Beleidigung. Das charakteristische Merkmal des Prozesses war, daß das meist belastende Zeugnis gegen Gordon von einem christlichen Geistlichen, einem Mitgliede des Vereins zur Beförderung des Christentums unter den Juden, abgegeben wurde. Dieser Geistliche, Barron, bekundete, daß Gordon den Wunsch geäußert habe, Christ zu werden und seine „Herde" auf denselben Weg zu bringen. Barron,. der die Taufsucht nicht ermutigt, führte ihn bei einem anderen Christen ein, dem gegenüber Gordon denselben Wunsch äußerte. Gordon sagte, er wäre arm und erhielt 2 Sh. von der Missionsgesellschaft. Als er aber hörte, daß Nachforschungen über seinen Charakter angestellt wurden, stand er von seinem Wunsche, getauft zu werden, ab. Vor dem Gerichtshof erklärte Gordons Rechtsanwalt, er habe sich deswegen an die Christen gewandt, weil er sie als Schüler für hebräischen Unterricht hätte haben wollen;' da er aber schlecht englisch spreche, sei er mißverstanden worden. Der Gerichtshof kam nach einer nur wenige Minuten dauernden Beratung zu einem Entscheid zugunsten der Angeklagten Philipps und Hart. Wie Gordon, ein armer stellenloser Mensch, die Mittel gefunden hat, um einen Prozeß vor dem High Court of Justice vorzubringen, wo das Verfahren überaus kostspielig ist, hat hier zu mannigfachen Erörterungen Anlaß gegeben. Es wurde behauptet, daß das Geld von einem Manne in London herrühre, der den jüdischen Autoritäten feindlich gesinnt sei. Das Sonntagsruhegesetz Obwohl England als das freieste und toleranteste Land für die Juden gilt, passieren doch von Zeit zu Zeit Dinge, die geeignet scheinen, diese Meinung einzuschränken. Ein Beispiel war die Annahme des Fremdengesetzes (Aliens Act), das immer noch die armen russischen Einwanderer aufs härteste bedrückt,v Die Bewegung gegen die Aliens Act setzte schon vor mehreren Jahren ein, gelangte aber erst in letzter Zeit zu Bedeutung. Und nun sind wir von einem Sonntagsruhegesetz bedroht, das bezweckt, die gesetzliche Schließung aller Läden am Sonntag zu'erzwingen. Wenn ein solches Gesetz vom Parlament angenommen werden sollte, würde das eine schwere Bedrückung für die Tausende orthodoxer Juden im Eastend bedeuten, deren Existenz davon abhängt, daß sie durch Offenhalten ihrer kleinen Läden am Sonntag für den Verlust, den sie durch ihrSchließen am Sabbat erleiden, entschädigt werden. Obwohl dieser Übelstand den Befürwortern des Gesetzes vorgetragen wurde, bestehen sie doch darauf, daß es im Parlamente angenommen werde. In einer Debatte über diesen Gegenstand, die verflossene Woche im Oberhause stattfand, sagte der Erzbischof von Canterbury, der das Haupt der englischen Kirche ist, daß er zwar von der Notlage der Judenheit unterrichtet sei, aber Minderheiten müßten immer schuldlos leiden! Lord Swaythling (vordem Sir Samuel Montagu) hielt eine eindrucksvolle Rede für die Juden des Eastends und bemüht sich auch, gewisse Zusätze zur Annahme zu bringen, die denjenigen Juden, die ihre Geschäfte am Sabbat schließen, gestatten sollen, Sonntags offen zu halten. Es muß indessen bemerkt werden, daß das Gesetz nicht von der Regierung eingebracht ist, sondern von einem Mitgliede des Oberhauses. Die Regierung steht der Vorlage nicht sehr "sympathisch gegenüber, und es ist kaum anzunehmen, daß sie noch in dieser Session verabschiedet werden wird. Zionistische Neuigkeiten Der demnächstigen Anwesenheit des Präsidenten Wolffsohn in London wird mit dem größten Interesse entgegengesehen. Er wird bei einem Massenmeeting in der Holborn Town Hull, die mitten zwischen Eastend und Westend gelegen ist, sprechen, und man erwartet, daß seine Rede der Bewegung in diesem Lande einen frischen und auch sehr nötigen Anstoß geben wird. In frühern Jahren haben die Zionisten oft die Tatsache beklagt, daß sie nie ein Preßorgan in diesem Lande zur Verfügung hatten. Seinerzeit war der Jewfsh World" ein ausgesprochener Fürsprecher des Zionismus, aber dann wurde er von einer Gesellschaft gekauft, die ihn zu einem Vertreter territorialistischer Anschauungen machte. Dann wurde der „Jewish Chronicle", der in frühern Jahren der zionistischen Bewegung feindlich gegenüberstand, ihr Freund und sympathisierte herzlich mit ihren Unternehmungen. Aber die Unterstützung des „Chronicle" erfolgt nur zeitweise, und darum erschien es rätlich, eine Zeitung zu gründen, die der zionistischen Sache ganz ergeben ist. Die English Zionist Federation hat bereits von einem hervorragenden Mitgliede £ 100.— für diesen Zweck gestiftet erhalten, und man hofft, daß binnen kurzem eine Monatsschrift ihr Erscheinen beginnen wird. Brief aus Palästina (Von unserem Berichterstatter) Jacob H. Schiff in Palästina Leider war der Besuch dei Herrn Jacob Schiff nur ein Incognito- Besuch, nur ein kleiner Abstecher von Ägypten aus. Man bedauerte allgemein, daß er seine Anwesenheit in Palästina nicht zum Studium des Ansiedlungswerkes benutzte. Gerade Herr Schiff, als Urheber und energischer Förderer eines ganz neuen Kolonisationsversuches durfte diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne ein Werk, das so viel jüdische Kraft bereits aufgezehrt und dem ein so großer Teil des jüdischen Volkes in Sehnsucht und Liebe sich zuwendet, einer genauen Prüfung zu unterwerfen und sich zu überzeugen, ob es richtig ist, die Zahl der Experimente noch zu vermehren. Herr Schiff erklärte, den Besuch der Kolonien für ein anderesmal sich vorzubehalten. Diesmal besuchte er außer Jericho nur einige Schulen und Wohltätigkeitsanstalten in Jerusalem. Er Bedachte die meisten mit 25—50 £. Nur die sephardische und aschkenasische Hauptgemeinde in Jerusalem erhielten je 5000 Frcs. Von den Instituten hat nur ' das Hebräische Gymnasium in Jaffa, dessen Tendenzen Herrn Schiff aus einem Gespräch mit dem Gymnasialsekretär, Herrn Radler, und den Veröffentlichungen des Gymnasiums bekannt wurden, einen solchen Beitrag erhalten. In zwei Briefen drückte er seine Anerkennung für das Programm des Gymnasiums aus. Trotzdem er dem Zionismus fernstehe, „so erkenne ich doch" — schrieb er, — „bereitwillig die Berechtigung eines Lehrinstitutes wie des Ihrigen an, durch welches die Möglichkeit geboten wird, unter uiisern Glaubensgenossen, die bereits in Palästina ansässig sind, oder die, wie sich kaum vermeiden lassen wird, selbst wenn es nicht wünschenswert erscheint, — fortfahren werden, sich daselbst niederzulassen, nicht nur eine einheitliche Sprache hier zu schaffen, sondern auch ihnen die Basis zu geben, auf der sie in Selbstwürde sich entwickeln können." Ja, man sieht, daß Herr Schiff, trotzdem er „den Bestrebungen des internationalen Zionismus ablehnend gegenübersteht", seelisch vielleicht doch nicht so sehr von uns entfernt ist. Am peinlichsten hat ihn in Jerusalem die Zersplitterung der Juden in so viele , Gemeinden berührt, die nicht einmal in einer gemeinschaftlichen Synagoge ihren vereinigenden Zentralpunktbesitzen. Er wünscht

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