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Die Welt · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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der schöpferische Gedanke fehlt, oder wollen sie gar die Lösung nicht, um eine soziale Fürsorgepolitik zu verhindern? Dieses Treiben kann aber die unterdrückten Volksschichten und Nationen, selbst die Massen der Wähler der koalierten Parteien, nur empören. Es muß zum schärfsten Widerstand reizen. Das jüdische Volk braucht ebenfalls eine soziale Politik und die ehrliche Lösung der nationalen Frage. Es muß diesen Zustand als unerträglich um so mehr empfinden, als seine ärgsten Feinde die Führung in der Koalition haben. Österreich und seine unterdrückten Volksmassen erwarten den Mann oder die Partei, die das aussprechen werden, wie es ist, und durch die Einbringung eines Gesetzentwurfes zur Lösung der nationalen Frage, dieses wichtigste Problem des österreichischen Staatslebens, auf die Tagesordnung setzen und Regierung und Parteien zwingen, zum Gedanken der nationalen Autonomie unzweideutig Stellung zu nehmen. Dann wird die Bahn frei werden für die dringendsten sozialen Reformen. Björnsons Nachwort zur Dreyfus-Affäre In der Wiener „Zeit" ergreift hie und da Björnstjerne Björnson das Wort, um der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen. So würdigte er gebührend die Freiheitsliebe der edlen Schlachzizen, entlarvte die ritterlichen Ungarn und erhob mächtig die Stimme gegen die Unterdrückung der galizischen Ruthenen und ungarischen Slowaken. Diesmal widmete er den Nachklängen der „Affäre" ein offenes Wort. „Alfred Dreyfus, der Jude" heißt der Aufsatz. Der greise Dichter schreibt:" Kürzlich, als man das Andenken Scheurer-Kestners durch Aufstellung eines Monuments im Luxembourgpark, in der Nähe des Senats und durch große Reden feierte, las ich in den französischen Zeitungen die Namen der hervorragendsten Persönlichkeiten, die an der Feier teilnahmen. Den Namen Alfred Dreyfus fand ich nicht darunter. Dann las ich die Redner, nicht nur, weil sie es wirklich verdienten, sondern auch weil meine Aufmerksamkeit erregt worden w.nr. Ein einziger Redner befaßte sich mit der Geschichte der Affäre; aber kein Wort des Lobes fiel für Dreyfus. Clemenceau erwähnte nicht einmal seinen Namen. Da sagte ich mir — und ohne Zweifel sagte es sich auch die Mehrzahl jener, die die Reden lasen — daß Alfred Dreyfus mehr als Scheurer-Kestner unJ alle seine Verteidiger zu>ammen gelitten habe. Ohne ihn hätte Scheurer-Kestner nicht das herrliche Werk vollbracht, das man feierte, ohne ihn wären auch die anderen nicht dagewesen, um den Lebenden und Toten reichliches Lob zu spenden. Warum fügte man diese Ungerechtigkeiten noch jenen hinzu, die Alfred Dreyfus bereits gelitten hatte? Warum vergaß man ihn, während man sich der anderen erinnerte? Björnson antwortet: „Er ist ein Jude!" und zählt die Zurücksetzungen und Beleidigungen auf, die Dreyfus nach seiner Begnadigung erJulden mußte. Er hätte Oberstleutnant werden müssen, wurde abei1 nur Major. Gewiß, wäre er nicht Jude gewesen, hätte man diese neue Ungerechtigkeit nicht den bereits begangenen hinzugefügt. Zwei Jahre blieb er_ in der Armee, um den Beweis seiner Fähigkeiten zu geben. Oberall begegnete man ihm mit Achtung. Aber als er sah, daß er infolge der Zurücksetzung in seinem Avancement niemals die höchsten Grade erreichen könne, bat er um seine Verabschiedung. Mit aller Beschleunigung wurde seinem Wunsch entsprochen — durch den General Picquart! Dieser Jude war unbequem. Björnson gedenkt der unmenschlichen Qualen, denen der arme Kapitän ausgesetzt war, und meint: 1 Ein Christ hätte in solch verzweifelten Stunden alle seine Kraft in das inbrünstige Gebet gelegt und wäre damit vor dem Throne Gottes erschienen, um die Erlösung, ein Wunder, zu erflehen. Aber bei Alfred Dreyfus schöpften Phantasie und_ Willen, genährt an den tiefen Lebensquellen seiner Rasse, in der Überlieferung und der Liebe neue Kraft. Diese unerschöpfliche Liebe rettete ihn. Björnson verweist auf die großartigen und für die Geschicke Frankreichs so wichtigen Folgen der Affäre, — die Sicherung der Republik, die Trennung von Kirche und Staat, die Vereinigung aller Menschen, die guten Willens waren, zu einer internationalen Aktion, — und erinnert an die Verehrung des Baumes durch die Amerikaner, unter dem Georges Washington das Kommando der Armee übernahm, die den Sieg der Vereinigten Staaten und ihre Freiheit errang. Björnson lobt die Amerikaner, die „jenem Ehre erwiesen, der Zeuge eines für ihre nationale Existenz so glücklichen Ereignisses gewesen war", und fragt: Alfred Dreyfus ist doch mehr als ein untätiger Zeuge oder der Sprößling eines untätigen Zeugen. Er ist doch die noch lebende und des Lebens würdige Ursache einer großen Angelegenheit. Jene,.die Frankreichs Geschicke lenken, würden sich ehren, wenn sie jenem Ehre erweisen würden, ohne den keiner unter ihnen dort wäre, wo er ist. Das französische Volk hat in der Affäre sein Höchstes und Edelstes geleistet „Heute wissen wir alle, daß ein anderes Volk als das französische einen ungerechten Prozeß nicht einer zweifachen Revision hätte unterwerfen können, kein anderes Volk hat eine solche starke freie Intelligenz und Mut zu allem. Aber warum bleibt man stehen, bevor man für das unglückliche Opfer eine vollständige Rehabilitierung erhalten hat? Warum verweigert man ihm die Achtung, auf die er ein Recht hat?" Da findet Björnson keine andere Antwort als: „Er ist ein Jude, das ist's." Das französische Volk, „bei dem das Ehrgefühl mehr entwickelt ist als bei irgendeinem anderen, das auch vorurteilsloser ist als alle anderen . . . ", empört sich nicht, daß man einen Unschuldigen, den die Nation so grausam beleidigt hat, der so viele tiefe Reformen veranlaßte, eine volle Rehabilitierung verweigert,— es rührt sich nicht, es empört sich nicht, — weil er ein Jude ist. Wir haben diesen Worten Björnsons nichts hinzuzufügen. Gleichberechtigung Wir genießen sie, so heißt es in der Verfassung in Österreich. Es ist unser verbrieftes Recht. Wie schaut's da in der Praxis aus? Zum Beispiel in den Hochschulen. Dr. Adler meinte im Budgetausschuß bei der Debatte über den Voranschlag des Ministeriums für Kultur und Unterricht: Was die von verschiedenen Mitgliedern. der chris'lich-sozialen Partei aufgestellte Forderung nach Gleichberechtigung anlange, so müsse es jeden, der die österreichischen Universitätsverhältnisse kenne und wisse, wie Professoren ernannt und befördert werden, etwas merkwürdig berühren, wenn gerade von dieser Seite Gleichberechtigung vermißt werde. Der Redner erinnert daran, daß Ludo Hartmann keine Professur erlangen könne, weil er konfessionslos und der Sohn eines Juden sei, und daß Dr. Heinrich Friedjung, von dem Freund und Feind anerkennen müssen, daß er einer der bedeutendsten Historiker sei. der sich um die österreichische und im besten Sinne patriotische Geschichtsschreibung große Verdienste erworben habe, gleichfalls niemals Professor werden könne, weil er das Unglück habe, ein Jude zu sein. In diesem Hinweis sei ein Beleg dafür zu erblicken, daß die katholisch gerichtete Wissenschaft keinen Grund habe, über den Mangel an Gleichberechtigung in Österreich zu klagen. Der neue Bundesgenosse der Christlichsozialen, der Rumäne Aurel v. Onciul, findet dagegen, daß wir zu viel Rechte besitzen. Er klagte bei Beratung des Justizetats über die vielen jüdischen Richter in der Bukowina, die ihrer Nation und Weltanschauung nach von den Volksmassen weit entfernt sind. Ob es den Christlichsozialen gelingen wird, eine nennenswerte Partei in der Bukowina zu schaffen, ist fraglich. Treue Gefolgschaft haben sie jedoch schon, — es sind die „liberalen" Rumänen, die früheren Verbündeten des Abg. Dr. Straucher. Das jüdische Theater und die Wiener Journalisten Die Journalisten sind eine Macht Gewiß! In Deutschland lassen sie es die Gesetzgeber spüren. Bei uns begnügen sie sich mit kleineren Erfolgen. So haben sie es verhindert, daß im Theater an der Wien jüdische Werke zur Aufführung gelangen. Die Sache verhält sich so. Anläßlich des 60 jährigen Regierungsjubiläums beabsichtigen die unternehmungslustigen Direktoren des genannten Theaters, auf ihrer Bühne Originalwerke aller in Österreich lebenden Völker aufführen zu lassen. Da fiel es einigen Freunden der jüdischen Literatur ein, Herrn Karezag den Vorschlag zu machen, auch ein jüdisches Theater auftreten zu lassen. Herr Karezag versprach in der liebenswürdigsten Weise seine Unterstützung. Die Herren schlössen daraufhin eine Vereinbarung mit Direktor Feinmann in London, der am Theater an der Wien drei jüdische Werke zur Aufführung bringen sollte. Im letzten Moment erklärte jedoch die Direktion des Theaters an der Wien, daß ihr von vielen Seiten hauptsächlich von Journalisten nahegelegt wurde, jüdische Aufführungen nicht zuzulassen. Es ist ja nicht schwer zu verstehen, wer dahinter steckt. Im vorigen Jahre unterhandelte eine jüdische Arbeiterorganisation mit einem Wiener Direktor wegen der Aufführung des „Neuen Ghetto" von Theodor Herzl. Der Direktor war nicht zu gewinnen, machte auch kein Hehl von seinen Gründen: „Die Vertreter der Presse,- hauptsächlich der liberalen, sehen es nicht gern, wenn auf der Bühne die Judenfrage aufgerollt wird." Na, freilich, ireilich! Der atme Direktor, der just ein Arier war, konnte es nicht begreifen . . .

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