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Die Welt · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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den Aufruf falsch zitierte, um gegen ihn Stellung nehmen zu können. Es entspricht vielleicht der politischen Noblesse, über solche Entgleisungen in der Hitze des Wahlgefechtes nach gewonnenem Siege nicht zu viel Worte zu verlieren. Wichtiger erscheint, unsere Stellung zum Oberrate nach dem Wahlkampfe und nachdem das Gebetbuchprojekt als gefallen zu betrachten ist, etwas näher zu beleuchten. Das Wesentliche über dieses Verhältnis ist in unserem Wahlaufrufe schon gesagt worden. Wir stehen der zentralen Organisation der badischen Judenheit an sich sympathisch gegenüber als einer Einrichtung, die als ein Mittel zur Erhaltung und Förderung jüdischen Gemeinschaftssinnes dienen und dem jüdischen Leben in Baden Kraft und Impulse leihen kann. Wir erkannten in unserem Flugblatte an, daß Oberrat und Synode in bezug auf die Hebung des Schul- und Erziehungswesens schon Gutes geleistet haben, und begrüßten die Ansätze zu einem Wirken auf sozialem Gebiete. Wir stellten unsere Mitarbeit zur Verfügung zu neuer ersprießlicher Reformarbeit, zu wirklich gedeihlichem, friedvollen Wirken auf dem Gebiete der Förderung jüdischen Bewußtseins, jüdischen Wissens und sozialer Arbeit. In der Tat war die zionistische Organisation in Baden seither völlig frei von irgend welcher gegnerischen Gesinnung gegenüber der jüdischen Behörde- Wir haben uns, soweit sie rein religiöse Dinge bearbeitete, ganz neutral verhalten und sie als Repräsentanz stets voll respektiert. Als die Deputation der deutschen Zionisten in Karlsruhe vom Großherzog Friedrich I. empfangen worden war, hat sie nach der Audienz dem führenden Mitgliede des badischen Oberrats ihre Aufwartung gemacht. Dieses selbe Mitglied hat in einer Tischrede bei der Frankfurter Auswanderungskonferenz ausgesprochen, daß er es ablehne, den Zionismus zu bekämpfen, und die volkserzieherischen Erfolge des Zionismus in kurzen schönen Worten gewürdigt. Der Oberrat hat vor mehreren Jahren mich in eine Sachverständigenkommission zur Beratung der jüdisch-sozialen Fragen in Baden berufen, und ich habe hier wiederum in meinem Referate auf dem 5. Zionistenkongresse der Verdienste des Oberrats auf sozialem Gebiete gedacht. So waren vor der Gebetbuchfrage die Bedingungen eines friedlichen Verhältnisses zwischen Oberrat und Zionisten gegeben, und es scheint mir nicht zweifelhaft, daß nach dem Falle des Gebetbuchplanes das Verhältnis wieder ein friedliches sein kann. Auf unserer Seite besteht wenigstens — das kann ruhig ausgesprochen werden — keinerlei Neigung, in eine prinzipielle Oppositionsstellung zu treten; wir behalten uns unsere Stellungnahme von Fall zu Fall vor. Vielleicht wird doch der Oberrat, nachdem er sich von dem Gebetbuch weg wiederanderen Arbeiten zuwenden wird, erkennen," daß;es Aufgaben gibt, bei deren Lösung unsere Mithilfe nicht ohne Wert sein wird. Wir hegen gerade zu dem schon erwähnten Führer des Oberrates, der allezeit seine gut jüdische Gesinnung gezeigt hat, das Vertrauen, daß er, nachdem er sich aus den die Tätigkeit des Oberrats einengenden Bestrebungen der Gebetbuchreformidee losgelöst haben wird, seine Aufmerksamkeit den brennenden Fragen volkserzieherischer und sozialer Natur zuwenden wird, an denen wir als Zionisten besonders interessiert sind. Vielleicht -läßt sich ein do ut des Verhältnis herstellen. Die Wahlkämpfe haben gezeigt, welches Menschenmaterial wir Zionisten zur Verfügung zu stellen und welchen Einfluß wir auf die heranwachsende Jugend gewonnen haben. Jedenfalls, wie auch der Oberrat nach dem Ausgange der Wahl zu uns Zionisten sich stellen wird, wir behalten uns vor, stets objektiv seinen Arbeiten und Plänen gegenüber zu treten. Zur Erreichung dieser Objektivität ist vor allem die Lösung unseres und für einen besonderen Zweck geschlossenen Bündnisses mit der Orthodoxie des Landes notig. Über die Gebetbuchfrage hinaus bestehen keinerlei Abmachungen zwischen der Orthodoxie und uns. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir ihbezug auf den einen oder den anderen Punkt einmal wieder mit der Orthodoxie unseres Landes zusammengehen werden; aber es ist ebensowenig ausgeschlossen, daß wir auch gegen die Orthodoxie auftreten müssen. In rein religiösen Fragen werden nach wie vor unsere Anhänger sich volle Freiheit der Entschließung bewahren. Alle anderen Fragen unseres jüdischen Lebens in Baden werden wir vorurteilslos prüfen an der Hand unseres Basler Programms, das die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins verlangt. _ Wiener Brief (Von unserem Korrespondenten) Das Parlament und die nationale Frage Der österreichische Reichsrat steht im Zeichen einer schleichenden Krise. Es ist gleichgültig, ob dieses oder jenes Ministerium den Parteien, die nicht die Kraft finden, die nationalen Wünsche mit den Staatsnotwendigkeiten in Einklang zu bringen, zum Opfer fallen wird oder nicht. Eine Ministerkrise wäre nur eine Episode des krisenhaften Zustandes, in dem das erste aus dem allgemeinen gleichen Wahlrechte hervorgegangene österreichische Volkshaus dahinsiecht. Das Haus hat soziale Aufgaben von vitaler Wichtigkeit zu lösen. Es ist aber nicht einmal imstande, das Budget zu erledigen. Der nationale Kampf hemmt den Gang der parla- mentarischen Maschine. Die Formel ist noch immer nicht gefunden, wie die nationalen Kräfte aus einer Fessel für das Reich in Staatskräfte umgewandelt werden. Die Gerüchte über den angebahnten deutsch-tschechischen Ausgleich sind jäh verstummt. Die Parteien, die sich sehr rasch verständigten, als es galt, Ministerportefeuilles zu verteilen, die also eine Koalition bilden, versagen vollständig,- auch wenn es sich nur um eine gemeinsame Resolution handelt. Die nationalen Händel werden nicht geschlichtet, sie sind nur ein Anlaß und ein Vorwand für den schamlosesten politischen Handel, den jede Partei auf eigene Faust mit Herrn v. Beck treibt. Abg. Dr. Adler kennzeichnete die Situation in folgender trefflicher Weise: Niemals kann der kulturelle Fortschritt des einen Volkes eine Beeinträchtigung des anderen Volkes sein. Vielmehr besteht eine Solidarität der Kulturinteressen aller Völker. Das Recht der Nation auf eine Schule wird jedoch in seinem vollen Ausmaß in allen seinen Konsequenzen erst dann verwirklicht werden können, wenn die Nationen die Autonomie erkämpft haben werden. Bis dahin wird man auf Provisorien, Palliative und Teillösungen angewiesen sein. Die nationalen Parteien, die sehr wohl wissen, daß sie nicht das Recht, auch nicht die Macht haben, die Forderungen anderer Völker auf die Dauer zu vereiteln, haben gleichwohl nicht den Mut, diese Tatsachen offen zu bekennen, sie haben nicht den Mut zum nationalen Friedensschluß; aber sie haben heute im Parlament des allgemeinen Wahlrechtes auch nicht mehr die Kraft, den nationalen Kampf mit den alten Mitteln weiterzuführen. Daraus entsteht die Zweideutigkeit und Unwahrheit der Lage, deren Zeugen wir sind, die durch die Abstimmung über die vorgelegten Resolutionen zum Ausdruck kommen soll. Die Regierung, der deutsche und tschechische Minister angehören, hat nicht die Fähigkeit, den Gegensatz zu lösen, und ist glücklich, wenn sie es erreicht, den offenen, für sie tödlichen Konflikt zu vermeiden. Diese Regierung, der angemessene Ausdruck des kläglichen Zustandes der Parteien, die in ihr vertreten sind, ist unfähig, in dem entscheidenden Punkte einen einheitlichen Willen zu produzieren, und ist höchlichst zufrieden, wenn sie durch kleinliche Regiekünste über die Gefahr des Moments hinweggleitet. So wird die Abstimmung für und gegen diese Resolution auf Seiten der bürgerlichen Parteien zur sorgfältig arrangierten nationalen Demonstration, der jeder Ernst fehlt, weil die Demonstranten selbst nichts mehr fürchten als ihren praktischen Erfolg. Und dieses unwürdige Spiel mit Resolutionen, in denen die Regierung aufgefordert wird, etwa eine tschechische und dann wieder eine deutsche Universität in Mähren zu errichten, und die naturgemäß nicht den geringsten Wert haben, weil das Parlament das Geld für diese Hochschulen nicht bewilligen kann., ohne die Koalition zu sprengen, diese parlamentarische Heuchelei, die unter den Augen aller Völker im Budgetausschuß täglich vorgegaukelt wird, soll von ernst zu nehmenden Politikern arrangiert werden! Gibt es denn ein sichereres Mittel, dem Parlamentarismus den Todesstoß zu versetzen? Den Wählern wird täglich eindringlichst demonstriert, wie die Parteien papierne Resolutionen vereinbaren, verabredete Majoritäten bilden, abgekartete Komödien spielen, um ihnen, den Wählern, nachträglich versichern zu können, daß sie ihr Versprechen eingehalten haben, während der offenkundige Zweck — die Erhaltung der Ministerportefeuilles ist. . . . Da fragt man sich unwillkürlich: Sind die bürgerlichen Parteien außerstande, ihre nationalen Streitigkeiten beizulegen, weil ihnen

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