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Die Welt · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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4 DIE LT No. 14 nationalen oder religiösenlmpulsen entspringen? Niehaben die Stammesrechte der Juden mit all ihren Besonderheiten dort Anlaß zu einer Befehdung gegeben, und nie — auch in den Zeiten heillosester Verfahrenheit — war dort die jüdische Religion Gegenstand der Verachtung. Im Gegenteil, die obersten Regierungsstellen nehmen jede Gelegenheit wahr, um den Juden ihre Sympathien zu bekunden. Auch stehen viele arabische Kreise den Juden wohlwollend gegenüber. Bei gegenseitigem sittlichem Ernst und edlem Eifer ist die Rückkehr einer Glanzperiode semitischen Schaffens ein ersehntes Ziel auserlesener Geister beider stammesverwandten Nationen. Im Lichte .dieser Beziehungen und Zustände erscheint das Vorkommnis in Jaffa als ein bedauernswertes, aber ganz isoliertes Ereignis. Niemand von uns denkt daran, dieses Ereignis zu beschönigen oder zu verschleiern. Es soll in seinem richtigen Charakter betrachtet werden: ein Zwischenfall. Es ist ein Mißbrauch der Sprache, wenn man von Pogromen faselt. Auf der Fläche eines Kilometers in einem anderen Lande sfhd im Laufe eines Jahres mehr Ausschreitungen gegen die Juden vorgekommen als im ganzen türkischen Reiche im Laufe von Jahrhunderten. Dies soll nicht als Milderungsumstand für den Bösewicht dienen, der den Zwischenfall geschaffen hat. Es soll eher ein für ihn belastendes Moment werden. Aber daß sich die Sensationshascherei oder der schadenfrohe Antizionismus dieses Zwischenfalles bemächtigt, um ihn tendenziös aufzubauschen, — das liefert nur einen neuen Beitrag zur Naturgeschichte einer gewissen Journalistik. Der Zwischenfall in Jaffa wird in einer vollständigen Genugtuung seinen Abschluß finden. Das wird geschehen. Und noch eins wäre zu wünschen: die Einführung sicherer, normaler Rechtsverhältnisse, — das, was der Zionismus so sehnlich erstrebt. Von dieser Bahn werden uns keinerlei Schwierigkeiten ablenken, sondern zu energischem Wirken anspornen. N. S. Der Zionismus und die Wahlkampagne in Baden Von Dr. Julius Moses, Mannheim Die Iden des März sind für die Gebetbuchreform in Baden verhängnisvoll geworden. Das war eine gründliche Arbeit, die am 15. März geleistet wurde. Das Resultat der Synodalwahl in seiner Unzweideutigkeit ist auch durch die raffinierteste Dialektik nicht zu verschleiern- Von 21 weltlichen Mitgliedern der Synode sind 15 Gegner des Reformwerks gewählt worden, nicht etwa durch Zufälligkeiten, Überrumpelungen oder dgl., sondern in offenem Wahlkampfe. Nur die Wahl einer so erdrückenden Majorität von Gegnern der oberrätlichen Gebetbuchvorlage konnte dem Oberrate die Augen öffnen über die Stimmung im Lande, die er noch bis zur Wahl derart verkannte, daß er in seinen offiziösen Zeitungsmitteilungen als die angeblich „weiten Kreise" von Gebetbuchreformgegnern nur die Partei des „Israelit" und die in unserem Lande „nicht so sehr verbreiteten Anhänger des Zionismus" bezeichnete. Nun sind am Sitze des Oberrates selbst, wo die Partei des „Israelit" gar nicht wählt und keine zionistische Organisation besteht, zwei zionistische Gegner der Reform als Vertreter von Karlsruhe zur Synode gewählt worden, und in Mannheim, der Hochburg des oberrätlichen Liberalismus, wurden 430 Zettel für und genau so viele gegen die Reform abgegeben, so daß diese Gemeinde hälftig «von Reformfreunden und -Gegnern vertreten wird. Es hat sich an dem Oberrate bitter gerächt, daß er seine Orientierung über die Anschauungen und Stimmungen in der badischen Judenheit nur immer von den „Notabein" des Landes oder von Personen, die in einem . gewissen Abhängigkeitsverhältnisse zum Oberrate stehen, empfing. Einen gewichtigen, und wie sich jetzt bei den Wahlen gezeigt hat, geradezu ausschlaggebenden Faktor hat der Oberrat außer Rechnung gelassen, das kLeine und mittlere Bürgertum, in dem allgemein, auch noch unter den zersetzenden Einflüssen der Großstadt, eine echt jüdische Gesinnung herrscht. Uns Zionisten war letztere wohl bekannt Denn wenn auch unsere Organisation nur einenkleinen Teil dieser Bevölkerungsschichten umspannt, so fühlen sie sich doch durch unsere Bewegung stark angezogen, sie bilden die Zuhörerschaft bei unsern Vorträgen, die Teilnehmerschaft an unsern Veranstaltungen, sie schicken ihre Kinder zu unsern Chanuka- und Purimf eiern; denn sie haben ein großes Bedürfnis nach jüdischem Leben und lebendigem Judentum und eine bewußte oder instinkte Abneigung gegen alle Äußerungen einer kleinlichen Assimilationssucht Von diesen Kreisen ging die Sturmwelle aus, welche das von dem Oberrate noch kurz vor den Wahlen aufgerichtete Bollwerk der „liberalen Vereinigung" überflutete und hinwegspülte. Ober den vermeintlichen Liberalismus hat die Demokratie gesiegt unsere mühselige, aber von uns beharrlich fortgesetzte Volkserziehungsarbeit hat ihre Früchte getragen. Die Resultate unserer Arbeit haben sich auch noch in einer anderen erfreulichen Erscheinung geäußert; in dem abgelaufenen Wahlkampfe hat unsere zionistische Jugend eine Begeisterung, einen Arbeitseifer und eine Opferwilligkeitan den Tag gelegt, welche uns selbst in Erstaunen setzte. Alle die beschwerliche Kleinarbeit welche die Wahlagitation erfordert, wurde von der Jugend übernommen. Der Kontrast gegenüber der ^liberalen" Seite fiel auch unsern Gegnern auf; dort gab es überhaupt keine Jugend. Bezeichnend ist z, B., daß in Mannheim unserem Komitee sich Dutzende von jungen Leuten zur Verfügung stellten, deren Arbeitseifer kaum genügend Beschäftigung fand; auf der Gegnerseite beteiligten sich zwei bis drei junge Männer, die aber lediglich für einen Wahlkandidaten, der ihnen familiär nahe stand, Propaganda machten. In Freiburg haben unsere Studenten Vortreffliches geleistet. Ihre Spitze und ihr Vorbild fand unsere Jugend in dem vortrefflichen Manne, der, selbst noch verhältnismäßig jung an Jahren, der geistige und organisatorische Führer unserer badischen Zionisten und des badischen Jungjudentums geworden ist in unserem Gesinnungsgenossen Julius Simon in Mannheim, der in dem Wahlkampfe geradezu übermenschlich gearbeitet hat und durch seinen Idealismus und seinen Opfermut jung wie alt fortriß. Ja, als einen der wohl bald aus dem Gedächtnisse selbst der Mitlebenden schwindenden Wahlvorgänge überdauernden Eindruck wird die Erinnerung an die Tätigkeit unserer Jugend bestehen bleiben. Wir schöpfen aus ihrem Idealismus und ihrer Begeisterungsfähigkeit die schönsten Hoffnungen für die Zukunft Überblicken wir die Tätigkeit der zionistischen Gruppen, in dem abgelaufenen Wahlkampfe, so sehen wir die Erwartung und Voraussage erfüllt welche unser verewigter Herzl in bezug auf die badische Gebetbuchfrage in einem Briefe an mich im November 1903 geäußert hat. Er schrieb wörtlich: „Ich glaube, es kann keinem Zweifel unterliegen, welche Stellung wir gegenüber dem geplanten Gebetbuchwerke einnehmen. Wir sind dagegen, und unsere Vereine im Großherzogtum Baden sollen sich mit aller Entschiedenheit gegen diese Reform aufstellen. Sie werden event die Unterstützung vieler Gesetzestreuer finden---." Über die sachlichen. Motive, welche unsere Stellungnahme bedingten, soll hier nicht mehr gesprochen werden. Wir haben sie in unserem Wahlaufrufe niedergelegt der im ganzen Lande einen außerordentlich günstigen Eindruck gemacht und freudigen Widerhall gefunden hat Es war wohl nur ein Zeichen von Verlegenheit, wenn der Oberrat in einem Entrefilet in der „Karlsruher Zeitung"

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