Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Du sollst nicht lachen! — Ich wohnte einmal einer Szene im englischen Parlament bei, als die feinsten Gentlemen in der Rolle virtuoser Tierstimmenimitatoren auftraten. Es klang wie in hundert Ställen. Ein anderes Mal passierte es mir, Zeuge eines possenhaften Lärmspektakels im Wiener Reichstag zu sein, wie man es selten unter betrunkenen Bauern Kleinrußlands sehen kann. Nur Volksvertreter zeterten und rauften sich. Auf den Journalistentribünen saßen die todmüden, gelangweilten Berichterstatter, spitzten Ohr und Bleistift und arbeiteten. Nun ereignete es sich einmal, daß ein oder zwei Journalisten in Berlin beim Anhören einer blöden Plattheit hell aufgelacht haben. War das eine Sünde? Muß man zum Auflachen ein Mandat haben? Vielleicht auch zum Nießen? Es kommt ja einem von selbst! Was hilft das Geschwätz von Hausordnung, Kompetenz und Ordnung? Vor allem ist man Mensch, — und will man das Menschliche ganz ausrotten, so müßte man Phonographen mit Fangapparaten aufstellen. Ich meine, daß nicht nur die Neger, wie Herr Erzberger wohlwollend zugegeben hat, unsterbliche Seelen haben, sondern daß auch die Journalisten Seelen haben. Oftmals fallen sie aus ihrer Rolle heraus und vergessen, daß sie keine Seelen haben sollen. Erinnert ihr euch, Freunde, der Journalisten auf den ersten zionistischen Kongressen? Die fleißigsten, die sozusagen mechanischsten, wurden mit hingerissen. Auf dem Londoner Kongreß beobachtete ich den Times-Korrespondenten. Das war kein Mensch, — es war eine Füllfeder, die beste, von Cheapsäde, unablässig tätig, allerdings von .einem Menschen geführt, aber der Mensch war Nebensache. Da sprach Nordau — über die rumänischen Juden, die von außen stehen und was geschah? Der eiskalte „newspaper-man" Heß seine Füllfeder fallen und sprang auf und johlte und klatschte! Ganz unerwartet war es, daß die Journalisten für ihre beleidigte Ehre jetzt eintreten und den Reichstag boykottieren. Also sind doch noch Seelen vorhanden! Und was noch mehr ist: man sieht ein, daß man die „Saubengel" gar nicht entbehren kann. Mit einem Male wird alles totstill, wie in einer taubstummen Welt; man glotzt sich blödsinnig an und man weiß nicht, wie man vom Flecken kommen kann. Das war eine gute Lehre ... Die Helden von Sebastopol. — Ehemals verteidigten sie die Festung gegen die alliirten Mächte; jetzt führen sie einen anderen Feldzug. Sie haben 88 jüdische Familien herausgetrieben. Ich hielt mich einmal kürz dort auf. Es war auf der Durchreise, — am Anfange der 80er Jahre, als man dort ganz mächtige Regierungsbauten und Hafenanlagen zu bauen begann. Zur linken Seite des Doksplatzes wohnten die wenigen Juden, die dort lebten. Ein Freund führte mich nach dem jüdischen Friedhof. „Es ist hier interessanter als unter den Lebenden", — sagte er. Ich war wirk- . lieh überrascht, die vielsprachigen Grabschriften zu sehen. Es sieht dort fast so aus wie auf dem Felsenberge an der Concha in San Sebastian, wo die Engländer gebettet sind, aber noch viel bunter: französische, englische, italienische Soldaten, natürlich Juden, darunter auch Offiziere, sind dort begraben. Mein Freund erzählte mir, wie dem alten Kehilla-Faktotum ein Franzose im Traume erschien und wie er ihn angefleht hat ihn „zu einer jüdischen Bestattung" zu bringen, — seine Gebeine ruhten in einem christlichen Grabe. Eine stimmungsvolle Sage, — gut, daß sie so wenig bekannt ist, könnte sonst als eine Erzählung breitgetreten und verunstaltet werden. Die Schatten des Abends senkten sich über die riesige Küstenfestung, als wir vom Friedhofe zurückkehrten. Ober dem Hafen lag der weiße Abendnebel, in dem die Füchse baden sollen, wie „es im Volksmunde heißt. Am drauffolgenden Morgen kam mein Freund zu mir, in aller Hergottsfrühe, fast atemlos, hereingerannt: „Haussuchungen haben in der Nacht stattgefunden — man verhaftete einige Juden, die kein Wohnrecht haben"— ich muß fort", rief er ganz verwirrt aus. Wir reisten zusammen ab. Die Sage vom toten französischjüdischen Offizier, der „zu einem jüdischen Begräbnis gelangen will" und die Wirklichkeit der Austreibung der lebenden - Juden verschmolzen sich in meinem Geiste. „Es muß ganz stille .sein, wo sich ein Märchen begeben soll" — hat ein Dichter gesagt. Also nur Gräber — wie in Tschufut-Kale? In Astrachan war ich in einem Bethause der alten jüdischen Nikolai-Veteranen. Man rief einen Greis zur Thora auf. Beim „Mi- Scheberach" zählte man seine militärischen Titel aut Ganz episch klangen die Worte: „Srazalsja pod Sewastopolem" (er kämpfte bei Sewastopol). Ein Achtzigjähriger — aber stramm ..wie ein Lulaw. Seine hebräische Aussprache klang echt Nitschewö. Möchte der alte Haudegen nicht einmal wieder Sewastopol sehen? Hat er das Wohnrecht? Man erzählte mir, daß, als im Jahre 1858 die Nachricht über den Fall Sewastopols nach Paris kam und bis in die Bibliotheque Imp6riale (jetzt Nationale) drang, wo in der orientalischen Abteilung. Renan, der alte Derenbourg, Senior Sachs und Ber Goldberg im -Studieren der Manuskripte vertieft -waren, Renan mit Begeisterung ausrief: „Nafla, nafla Bobel" (gefallen ist Bobel — JesaTah, 13). Die alten Orientalisten ließen die Manuskripte liegen, standen auf und. begannen über Politik zu sprechen. Es war ein verfrühter Ruf. , " Die Helden von Port-Artur. — Der gefeierte Hauptheld zum Tode verurteilt und begnadigt; die andern machen Duellspektakel," die sich, wie die Blätter^ berichten, in Anwesenheit vieler Damen abspielten. Was in dieser traurigen Farce speziell auffällt, das ist die Rolle, die dem berüchtigten Herrn Puryschkewitsch dabei zuteil wurde. Er war Sekundant des Generals Smirnoux. Immer plastischer tritt die Gestalt eines russischen Deroulede auf. Nationalist, Militarist, Judenfresserr Und noch behauptet man, es bleibe in Rußland alles beim Alten. Nein! Etwas ganz Neues entwickelt sich. Die Derouledes sind schon da — es fehlen nur noch die Bourget's^und die Coppees. Aber sie werden schon kommen. Ich lernte in O. einen Uhrmacher kennen, der vor der Kriegserklärung mit vielen andern Juden aus Port-Artur ausgewiesen worden ist Er war ein Protege des Generals Linetzki, aber die Fürsprache half nicht Der damalige Vizekaiser Alexeiew betrieb die Säuberung Port-Arturs von Juden mit systematischer Rücksichtslosigkeit Er forschte, fahndete und ging oftmals persönlich auf die Suche nach Juden. Daß der Barbier, der ihn rasierte, und der Koch, der ihm die Speisen-bereitete, Japaner waren, — ahi?te er nicht. Dem jüdischen Uhrmacher wandte, ensein Argusauge zu. IEr folgte mit strategischer Gewandtheit allen Manövern, die der in feinen Bewegungen geübte Uhrmacher versucht hatte, um sich der Ausweisung zu entziehen. Wie schade, daß man beim Stössel-Prozeß diesen Uhrmacher nicht vernommen hat Könnte er docli über die Vorbereitungen für die Verteidigung Port-Arturs'manches Interessante berichten ... Heimatsklänge.— Ein förmlicher Hagel von Urteilssprüchen! Zu gleicher Zeit, als mir die Kunde geworden ist daß ich inT,W. infolge eines echtrussischen Zensurprozeßverfahrens mit grimmiger Strenge verurteilt worden bin, hat mich der fromme Mainzer „Israelit" mit einem Sündenkonto belastet das mich beinahe für alle „vier Hinrichtungsarten" reif macht. Und ein salbungsvoller Anonymus im Frankfurter „Israelitischen Familienblatt", schwingt die klirrenden Schlüssel gegen meine Redaktionsstube,, indem er mit planmäßiger Zielsicherheit die „Obrigkeit", ganz nach der Art des unvergeßlichen Nikifor Nikiforowitsch Siussmen provoziert der die Schließung meiner früheren Redaktionsstuben in einer so menschenfreundlichen Weise seinerzeit in P. veranlaßt hat Auch du,'Nikifor Nikiforowitsch, hattest die erleuchtete Idee, daß man „schädliche Richtungen" in der Presse nicht dulden darf. Wohl warst du vom Geschlechte der Lyriker und säuseltest leise. Der^Anonymus ist