Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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hielt er die Faust der Toten umklammert. Der Kniende sah starr, sprachlos in die Leere. Er schien nicht zu begreifen, was vorgefallen war. „Wie steht es, Herr?" sagte die eintretende Bauernfrau. Wie aus einem Traum fuhr Kowinsky empor. „Tot", .lallte er kaum hörbar. Mit fiebernder Eile waren die beiden in vergangener Nacht - durch die Wildnis geeilt. Keiner sprach ein Wort. Als der Morgen graute, lag zu ihren Füßen ein kleines Dorf, in dessen Wirfsstube sie eintraten. Kowinsky hatte von dem Gelde, das jeder Gefangene zur Bestreitung seiner Lebensmittel erhielt, noch etwas in der Tasche. Mirjam zitterte am ganzen Leib, ihr Kopf glühte, ihre Augen blickten trüb und wirr, ihr Mund sprach unzusammenhängende Sätze. Kowinsky schauderte zusammen und wollte den Gedanken nicht ausdenken, der sich ihm aufdrängte. Der Körper des armen Weibes war zu schwach, um den furchtbaren Aufregungen standzuhalten. Sie brach zusammen. Immer wieder preßte der Einsame die krampfhaft geschlossene Faust der Toten, bis die Tränen seinem verzweifelten Herzen Erleichterung verschafften, - Weder das Dorf noch die Umgebung war von Juden bewohnt. Am nächsten Tag trug man Mirjam im Bretterschrein nach dem christlichen Friedhof. Hinter der Lade, die sein Liebstes einschloß, ging Kowinsky. Als man die Erde über das offene Grab in der Ecke warf, da war es ihm, als packe ihn ein eisiger Schauer. Wie ein Feuermeer glitzerte es vor seinen Augen, und darunter rollte ein hohler Donner, das waren die Erdschollen, die auf den Sarg geworfen wurden. Als er erwachte, da war er allein. Nur einige Kreuze schauten verwundert aus der Schneedecke empor. Der Einsame richtete sich auf der Bank empor, als ob er sehen wollte, ob das alles ein Traum sei, oder ob die rauhe Wirklichkeit vor ihm dahinziehen würde. Da traf sein Auge den schlafenden Knaben, und eine Träne rollte dem Manne über die fahlen Wangen — er hatte das alles erlebt. Er hüllte sich wieder in die Mantelecke und schlief ein. Er stand auf dem Friedhof des Dorfes, über ihm war Flammenmeer, unter ihm der dumpfe Donner. Da öffnete sich der Sargdeckel, aus dem Grabe stieg seine Mirjam, in weißem Gewände, dem Totenkleide des Jomkippur. In ihren Armen lag der Kleine. „Boi weseholbm ateres Baalo, gam besimcho uwzoholo," lallten seine Lippen. Da hob Mirjam den einen Arm in die Höhe, als wenn' sie ihm die Hand reichen wollte. Er hörte wieder ihre liebliche Stimme, ihre Augen funkelten wie Perlen, ihr Busen hob und senkte sich, um den Mund zuckte jenes stolze und doch so" liebe Lächeln: „Lecho Daudi, likras kalo, pne Schabbos nekabloh," sprach sie, leise lispelnd. Als der Morgen dämm§rte, fiel etwas Nebel, noch fahler brannten die Straßenlaternen, wie Totenkerzen. Wieder ertönten vom nahen ^Kirchturm die Glocken, doch abgehackt wie das Seufzen der Verlassenen, Grabessang. der Verstoßenen. Ein Leichenzug fuhr vorbei. Als man die Laternen auslöschte, fand man auf der- Bank zwei Menschen, . einen Mann mit einer Geige,: und einen Knaben, der in einen Mantel einge- - hüllt war. Beide waren tot — erfroren. Aus meinem Notizbuch Rabbinerkommission. Ich hatte in Rußland einen Freund, der Mitglied mehrerer Kommissionen war. Er war seiner Mitgliedschaft ebenso unbewußt, wie eine Pflanze ihres Daseins. Polypenartig umschlangen ihn die Ehrenämter. Die Kommissionen, denen er angehörte, pflegten sich einmal jährlich, oder im Laufe eines Jahrzehnts, oder, niemals zu versammeln. Nur manchmal loderte es auf, — um schnell wieder zu verglimmen. So besteht in Rußland seit Generationen eine Rabbinerkommission. Ich bin fast zu jung, um mich noch erinnern zu können, wann sie sich zum letzten Male versammelt hat. Und was sie geleistet hat, — na, suchet doch einen Eruditen, der das wüßte! In dem Taubenschlag meiner Erinnerungen pocht so etwas von Ehescheidungsprozessen, von Chalitza u. dgl., — aber was die Kommission in all diesen Angelegenheiten beschlossen hat, das weiß kein Mensch! Jahre kommen und fliehen. Man hatte die Spukgestalten vergessen. Ein froher Morgenhauch schwang sich, und aus Knospen lachte der Freiheitslenz. Volksvertretung, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung usw. Nun ist alles wieder vorüber und die Nachtvögel ziehen wieder ihre stummen Kreise. Da kommen schon wieder die Kommissionen. Sollen die Rabbiner religiöse Fragen lösen? Dazu brauchte man sie nicht nach der Residenz zusammenzutrommeln. Ja, man. ruft nicht einmal die wirklichen, sondern die.Kronsrabbiner. Und welche Autorität werden die Beschlüsse haben und wer wird sich um ihre Ausführung kümmern? Ich las in einem jüdischen Blatt einen Leitartikel, dessen Autor den Nachweis erbringt, daß die Kommission das Recht haben wird, sämtliche Fragen des jüdischen Lebens in den Kreis ihrer Beratungen zu ziehen. Und da letztere" dieses unbestrittene Recht haben wird, so wäre es auf diesem Grund schon möglich vorbereitende Zusammenkünfte, vielleicht gar Wahlversammlungen mit Diskussionen einzuberufen. . . Ein Schritt weiter und man wird schon Parteien mit Programmen bilden. Diese Vertrauensseligkeit ist gar zu rührend. . . * ' « a Le rabbin c'est l'ennemi! Fast so parodiert Herr Alfred Naquet den bekannten Gambettaschen Spruch über den Klerikalismus. Er erzählt in einer der letzten Nummern des „ Journal",- wie tief die Herrschaft der russischen Rabbiner in das innere Leben Frankreichs eingreift. Es handelt sich um eine russisch-französische Allianz der Ehe: er ist ein russischer Untertan, sie eine französische * Israelitin. Als sie wegen einer Scheidung bei den russischen Behörden angängig wurde, bedeutete man ihr, die russischen Behörden, überlassen es den Rabbinern, diese Fragen zu entscheiden. Und nach den rabbinischen Gesetzen könne man den Mann nicht zwingen sich scheiden zu lassen, — ergo seufzt Frankreich unter dem Joch der Rabbiner. Bei dieser Gelegenheit erzählt Herr Naquet Räubergeschichten über die jüdischen Ehescheidungsgesetze. Gottfried Keller schreibt einmal mit Beziehung auf die Sonderbündler: wie der Bucklige auf seinen Buckel, so habe der Dumme ein Recht auf seine Dummheit. Herr Naquet beansprucht beide Rechte. Gegen „ersteres würde Niemand etwas einwenden, letzteres aber geht zu weit. Denn abgesehen davon, daß er die jüdischen Ehescheidungsgesetze mit der wissenschaftlichen Genauigkeit eines Sensationsreporters darstellt, kam es ihm sonderbarerweise nicht in den Sinn, daß es für die ehescheidungslustige Frau viel schlimmer wäre, würden die Behörden sich nicht nach dem jüdischen, sondern nach dem russischen Gesetz richten. Nach irgendeinem Gesetz, daß in dem Lande herrscht, muß man sich doch richten. Es ist komisch, daß der Pfaffenfresser Naquet sich zu guter Letzt, etwa „pour la bonne bouche" den jüdischen Rabbinern Rußland zuwendet. Die sind zu dürr. . .