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Die Welt · 1908-03-27 · 13 (27.3.1908) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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half nichts, er war ein Steuermann, dessen Schiff dem tobenden Meere zum Opfer fällt. Immer höher stiegen die Wogen, immer furchtbarer tobte der revolutionäre Orkan, bis die Wellen auch sein Schifflein verschlangen. Mit verstörtem Antlitz wendete er eines Abends nach Hause seine Schritte, müde und todesmatt lehnte er sich in die Sofaecke. Neben ihm saß Mirjam, auch sie war traurig, wenn sie auch nicht die ganze Schwere der Situation ahnte. Der Vater war vernichtet, er hatte alles verloren, er war ein Bettler. Er machte sich furchtbar Vorwürfe, und Sorge und Kummer zimmerten ihm den Brettersarg. Nach wenigen Wochen bettete man ihn in die Erde. Von diesen harten Schicksalsschlägen wurde auch die Mutter, die Mirjam innigst liebte, sehr mitgenommen. Auch sie war an Geist und Körper gebrochen. Kowinsky besuchte die Unglücklichen jetzt öfters in dem kleinen Häuschen, das die beiden Frauen bewohnten. Es dauerte jedoch nicht lange, da klopfte der Tod wieder an die Türe, und er nahm die sieche Mutter mit sich. Weinend lag die schwer Geprüfte vor dem Bett der Toten, als Kowinsky eintrat. Ein Blick, er wußte was geschehen war. Mitleidig beugte er sich über das schluchzende Mädchen, er drückte ihr einen Kuß auf die fiebernde Stirne; willenlos ließ es die einst so Stolze mit sich geschehen. „Vater und Mutter haben Dich verlassen, ich will Dich stützen," sagte er. Sie reichte ihm die glühende Hand, so standen sie beide vor dem Totenbette. Das war das goldene Glück also, das ihm vom Himmel fallen mußte, das Strohlager der Toten! Am nächsten Tage trugen sie auch Mirjams Mutter zum Friedhof hinaus, sie betteten auch sie zur Erde. Wie so oft saßen die beiden Glücklichen auch heute am Erkerfenster des kleinen Häuschens. Sie erzählten sich immer wieder von vergangenen Tagen, von den schweren Kämpfen, den süßen Träumen, als sie von einem Poltern an der Türe aufgeschreckt wurden. „Im Namen des Gesetzes verhaftet" brüllte eine rauhe Soldatenstimme, als Kowinsky geöffnet hatte. Man fesselte ihm die Hände, band ihm die Arme nochmals zusammen und stieß ihn über die Schwelle. Mirjam rang verzweifelt die Hände, sie klammerte sich an seine Füße — vergebens. „Nehmt mich mit," rief sie, „laßt mich nicht allein, nehmt mich mit." Zwei lüsterne Augen eines Leutnants betrachteten sie einen Augenblick, dann kommandierte er „Marsch". Sie nahmen den Gefangenen in die Mitte und gingen ab. Auf einer öden Schneefläche bewegt sich eine lange, schwarze Kette, die immer näher kommt. Man erkennt eine Truppe Menschen, die von einer Eskorte Soldaten begleitet ist. Keine Stimme läßt sich vernehmen, lautlos ziehen sie dahin. Manchmal wird die Totenstille von dem Rascheln einer Handschelle unter- " brochen, begleitet von dem Seufzen eines Unglücklichen. Es sind Verbannte, die nach den Schrieewüsten Sibiriens transportiert werden. Wir erkennen unter den Gefangenen Kowinsky und Mirjam; beide sind nicht gefesselt. Er hat eine Geige in der Hand, sie trägt ein kleines Kind auf dem Arm. Kowinsky ging in düsteres Brüten versunken dahin, die Züge seines Gesichtes verrieten harten Schmerz und bittere Verzweiflung. Weil er einen Freund beherbergt hatte, von dessen Treiben er nichts näheres wußte, und der beschuldigt war, ein Attentat geplant zu haben, hat man ihn in die Verbannung geschickt, herausgerissen mit rauher Hand aus seinem Glück, gestoßen in eine öde Wüste. Und mit seinem Unglück zog er auch seine Mirjam in die grausige Tiefe. Sie~wollte ihn auf dem Schmerzensgang begleiten, sein hartes Leid zu mildern suchen, indem sie ihn nicht verließ. Kowinsky stand in der Gunst des Hauptmanns der Eskorte. Dieser war nicht so rauh , und barsch, etwas Mildes und Schwärmerisches, wie die Trauer um verlorene Tage, lag in seinem Gesicht. Wenn man am Abend Halt machte, um in einer elenden Baracke die Nacht zubringen zu können, dann sammelten sich die Gefangenen um ein Feuer, hinter ihnen die Soldaten, und in der Mitte Kowinsky. Neben ihm saß, das Haupt auf die. Hand gestützt, der Hauptmann. Dann spielte Kowinsky auf seiner Geige jene schwermütigen Ghettomelodien, wobei sein Auge den müden Schimmer verlor und einen glänzenden, feurigen Ausdruck annahm. Das waren für Mirjam und für den Hauptmann die schönsten Stunden auf der einsamen Wanderung. Die tiefe, stille Trauer Kowinskys und das Wohlwollen des Hauptmanns machten ihn auch bei den Soldaten beliebt. Sie hatten eine gewisse Scheu vor den traurigen Augen des Gefangenen und behandelten ihn milder . und zuvorkommender, als die andern Verbannten. Auch Mirjam begegneten sie durchaus nicht so schroff, denn die freiwillige Verbännung der armen Frau setzte sie in Respekt. So verging ein Tag nach dem andern, blutrot ging die Sonne auf, blutrot ging sie wieder unter, und Kowinsky hatte jede Hoffnung auf Besserung seiner Lage aufgegeben. Man machte wieder Halt, und ein" Soldat meldete, daß kein Vorrat an Holz zur Feuerung vorhanden sei. „Nimm die beiden hier", sagte der Hauptmann, „und suchet welches", und bei diesen Worten zeigte er auf Kowinsky und Mirjam. Wie ein Blitz durchzuckte es den Genannten: Flucht. Mirjam und Kowinsky schritten durch die Schneefläche, hinter ihnen der Soldat. Endlich gelangten sie an ein kleines Gehölz. Die beiden Gefangenen machten sich an das Suchen. Der Soldat stellte sein Gewehr beiseite und stopfte sich eine Pfeife. Diesen Augenblick hatte Kowinsky erwartet. Mit einem kühnen Sprung stürzte er sich auf den Wehrlosen, knebelte den Mund mit einem Tuche, band ihm die Hände mit einem Strick, den er in der Tasche hatte, da er mit demselben das Holz zusammenbinden sollte. Sprachlos hatte Mirjam dem kurzen Kampf zugesehen; an allen Gliedern zitternd fiel sie vor Kowinsky auf die Knie. „Um des Himmels willen!" schrie sie. „Frei" stotterte der Kühne, „fort, Flucht". Heulend fuhr der Sturmwind durch das dürre Geäst: Wenn die Windsbraut dort oben am Himmel ein flüchtiges Wild, eine zerissene Wolke einholen will, dann flattert sie so dahin, wie an jenem Abend. Wenn der Mond manchmal aus den fliehenden Wolken hervörlugte, dann beschien er zwei Flüchtlinge, ein Weib mit einem Kind, einen Mann mit einer Geige, die in der Wildnis irrten und zusammenfuhren, wenn^ein Ast knackte, ein Windstoß heulend die Kronen der Bäume schüttelte. So wanderten sie in Nacht und Schnee. Wohin? Düster brannte das Feuer im Zimmer eines russischen Gasthauses. Vor dem Feuer stand ein Lehnstuhl, in dem eine Frau lag, deren Haupt zurückgelehnt war. Die Züge ihres Gesichts waren friedlich, kampflos. Sie war — tot. Zu ihren Füßen kniete ein Mann, der einen Knaben im Arme hielt. Mit der andern Hand

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