Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 13 '- t>fE'3^QELT -empor. „Was ist, was hast du gesagt?" fragte er erstaunt. *So kalt, sokalt", klagte der Kleine mit weinender Stimme. Kowinsky zog seinen Mantel aus und hüllte das zitternde Kind darein, das dann aufhörte zu weinen und bald einschlief. Nervös zupfte der Verlassene an seinem Iristrumtent. Jetzt zitterte er vor Kälte und eine Träne rollte über die fahlen Wangen. Sein Blick ruhte auf dem Kleinen, der neben ihm lag. Was wird aus dir werden, wenn ich nicht mehr bin, varmes Kind. Deine Mutter kanntest du kaum, dein Vater wird dich einst arm und einsam verlassen, die andern Menschen sind so rauh und ohne Mitleid. So dachte der Einsame, und wieder perlte eine Träne unter seinen schwarzen, dichten Augenbrauen. Wie Gott will. „Es kann aber doch nicht geschehen, so bald nicht geschehen", sagte er plötzlich halblaut, — „so einsam . und verlassen!" Wieder sank er in sein Brüten zurück, schwer hob sich seine Brust unter dem keuchenden Atem, und wieder zogen all die Bilder der Vergangenheit an ihm vorbei, die Bilder der Leiden und der Erniedrigung. Es ergriff ihn wie mit einer unheimlichen, alles bezwingenden Macht. Seine Stirne fühlte er pochen, seine Pulse fliegen. Ihm ward so warm, so schwach, wie mit tausend Ketten zog es sein fieberndes Haupt auf die Bank nieder, bleischwer sank es auf die harten Bretter, und er hüllte es in die Ecke des Mantels, welche der Körper des Kleinen frei gelassen hatte. Dumpf schlug vom nahen. Kirchturm die elfte Stünde, dumpf hallten die zitternden Töne von den Häusern wieder, wie Grabesgesang der Verlassenen, Totenklage der Verstoßenen. Dem Einsamen schwanden allmählich die quälenden Gedanken. Er stand wieder im altersgrauen Gotteshause in Malwitz. Hell strahlte die Menorah, sie beschien eine ernste Gemeinde. Neben ihm am Vorbeterpulte standen zwei Männer, wieer in weißem Totenkleide. Ganz leise sang er das Kol-nidreh. Wie Geisterchöre klang es zurück .von den Betpulten, das Schluchzen der Andächtigen. Er sang so voll Innigkeit, voll Frömmigkeit, denn er war glücklich und zufrieden, nach langen Jahren des ruhelosen Wanderns, des tiefsten SeelenschtnerzeS;- Ein teures Weib, die-Sehnsucht' seiner letzten Jahre, hatte er nunmehr, er hatte zu leben, mehr wollte er nie! Wie liebte er seine Mirjam, wie hatte er gekämpft, um sie zu gewinnen! Mirjam war aus einem reichen Hause. Ihr Vater gehörte einst zu den einflußreichsten Bürgern der Stadt. Sein großes Bankgeschäft hatte ihm ein ansehnliches Vermögen eingebracht, und er war instand gesetzt, dasselbe sehr wohltätig zu verwerten. - Eines Tages _.. kam zu dem alten Bankier ein junger Mann, dessen Äußeres schon. den Bochur verriet. Er erzählte, vor wenigen Tagen in der Stadt angekommen zu sein, , arm und verlassen. Vor wenigen Wochen wäre seine Mutter gestorben, er _ stehe ganz allein, — so einsam in der Welt, und er hätte gehört, daß in1 dem] Chor der Gemeinde eine Stelle als Sänger frei sei, er möchte sich darum bewerben. Dabei zog er aus seiner Brusttasche einen Brief, das Empfehlungsschreiben des Rabbiners der Gemeinde, wo er mit seiner Mutter bisher gewohnt . hatte. Wie funkelten die'' Augen des Bittstellers vor Freude und Erregung, als der Bankier ihm versicherte, sich seiner annehmen zu. wollen. Am nächsten"' 'Tage; wurde "er geprüft und erhielt wirklich die gewünschte Stelle. Sein Gehalt war sehr gering, dennoch reichte es so weit, daß sich der Bedürfnislose durchschlagen konnte. Entweder saß er nun hinter seinen Talmudfolien oder er übte seine Stimme im Gesang. Zeitweise träumte er auch von einer goldenen Zukunft, von großen Luftschlössern, von einem herrlichen Mädchen, das er zu seiner Frau nehmen wollte. Das Mädchen, das Ziel seiner Träume und Wünsche, war die Tochter seines reichen Gönners. Schon am ersten Freitagabend war er von diesem zum Nachtmahl eingeladen worden. Mit freudigem Herzen hatte er dieser Einladung Folge geleistet. Da sah er sie zum erstenmal,' und wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke: ein prächtig Weib! Seit jener Stunde hat ihn eine unnennbare^ Sehnsucht nach ihr gequält. Wenn er am Freitagabend den Boi bescholom als Solo sang, dann klang seine Stimme so mild, so wehmütig und sehnsuchtsvoll, als wollte er all sein Empfinden und all seinen Schmerz 'in diese schwermütigen Melodien legen. Wenn er spät abends hinter den großen Talmudfolien saß, dann stieg aus den toten Buchstaben die holde Gestalt der schönen Geliebten empor. Wie träumend saß er dann da, zwischen den vier kahlen Wänden, vor einem alten Tische. Vor ihm stand das holde Mädchen; ihre schwarzen Augen glänzten dann so schön wie Perlen, um den kleinen Mund zuckte jenes stolze und doch so liebe Lächeln, unter dem tiefen Atem hob sich ihr Busen und die kohlrabenschwarzen Haare fielen auf ihre Schulter. Wenn sie vor ihm stand, so im Dunkel der einsamen Nacht, dann hatte er den Streit der Talmudweisen vergessen, es entschwand ihm die traurige Gegenwart und er weilte im Zauberwald der kühnen Phantasie. „Boi bescholom, ateres Baaloh, gam besimcho uwzoholo" sang er dann ganz leise und er breitete seihe Arme aus \ wie zum Empfang der Holden. Doch er war so arm, und sie so reich, er so verlassen, und sie so stolz. Manchmal fühlte er nur zu deutlich, daß all sein Hoffen vergebens sei, aber dann kam es wieder über ihn mit, großen Plänen und mit herrlichen Luftschlössern. Könnte er nicht auch reich werden, mit einem Schlage zu Vermögen gelangen? Vielleicht fällt ihm so ein Goldklumpen einmal vom Himmel oder sonst wo her, und er tröstete sich mit dem „Vielleicht", um weiter träumen zu können, um Stein um Stein zu dem großen Bau hintragen zu können, zu dem großen Bau in schwindelnder Höhe, dem Schloß im Phantasienreich. Aus roten Saphirsteinen hatte er dieses Schloß ~ erbaut,*;; von Licht und Glanz umflossen; am Tage - glitzerte es von den Sonnenstrahlen, die sich in seinen Mauern wie in einem Spiegel brachen, und nachts' spiegelte der Mond sein silbernes Licht in dem Gestein — "tausendV Sonnen, die Tage der Freude, tausend Monde, die Tage der Sehnsucht,^des Liebeszaubers. Wemfauch aus des'Himmels Höhe der Goldklumpen - nicht herabfiel, so war" es doch ein unerwartetes Ereignis, das Kowinsky dem Ziele seiner Träume näher brachte. Seit wenigen Wophen tobte in Rußland die Revolution. 'fl Mit besorgter -l Miene beobachteten die Geschäftsleute die hereinbrechende Krisis. Auch das Antlitz des alten Bankiers war lange nicht 'mehr so heiter. Schwere Sorgen furchten seine sonst so heitere Stirne, und ganze Nächte verbrachte er hinter Büchern mit Zahlen. Aber sein Sorgen und Arbeiten