Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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zu hetzen und in der Verwirrung einen Rebbach und Schab zu machen. (Stürmischer BeifalL) _ , Die Herren Wähler riefen bei dieser Mitteilung erleichtert: „Aha!" Die Lösung ist gefunden: Herr Prof. Wahrmund gönnte aber seinen Widersachern die Freude nicht, denn er veröffentlichte in einem Tiroler Blatt eine. Erklärung, in der er nachweist, daß er ein unverfälschter Arier ist Es ist aber wirklich bemerkenswert, wie beharrlich die Christlichsozialen an alten vergifteten Mittelchen des politischen Kampfes festhalten, und wie die abgeschmacktesten, verlogensten Verlegenheitsausflüchte ihre Wirkung nicht verfehlen, wenn sie nur den Judenpunkt berühren und an die Judenhatz appellieren. Der „unangenehme Beigeschmack" Anläßlich des 25jährigen Todestages Karl Marx' schrieb der sozialdemokratische Reichsratsabgeordnete Winarski im „Jugendlichen Arbeiter" einen Artikel* über den Meister. Er kommt auch auf das Judentum Marx', und lobt bei dieser Gelegenheit seine Elteiü daß sie zur Taufe griffen, indem er den Taufzettel, im „trefflichen Sinne" Heines als eine Eintrittskarte zur europäischen Kultur preist. Nach dieser Verherrlichung der Taufe gibt Herr Winarski folgende Weisheiten zum Besten : „...So klebte dem Judentum von Marxens Eltern nichts von jenem unangenehmen Beigeschmack an, den das Judentum östlich gelegener Gebiete noch bis in die neueste Zeit aufzuweisen hat, und diesem Umstand hat es Karl Marx zu danken gehabt, daß er selbst dem Judentum unbefangener gegenüber stand, wie irgendeine historische Persönlichkeit... von Bedeutung, die aus jüdischen Kreisen hervorgegangen ist." (Seitenhieb gegen Lassalle und Heine!) Wir wären dem Herrn Abg. Winarski wirklich dankbar, wenn, er uns sagen könnte, welcher ^unangenehmer Beigeschmack" den östlichen Juden anhaftet. Das Judentum östlicher gelegener Gebiete kennt der Herr Winarski natürlich nur vom Hörensagen. Was er von diesem Judentum wissen kann, ist nur, daß es zum Unterschiede von dem ihm vielleicht mehr bekannten westlichen Judentume ein großes, verzweifeltes, und für die sozialistischen Ideale heldenmütig kämpfendes Proletariat besitzt, das zugleich für seine nationale Eigenart und nationalen Güter mit aller Kraft einzutreten gewillt ist. Rührt daher der „unangenehme Beigeschmack", der nur durch das Taufbecken behoben wird? Wir gehören nicht zu denjenigen, die hinter jedem Unsinn sozialdemokratischer oder anderer Hohlköpfe Antisemitismus wittern. Wir konstatieren nur, daß die Sozialdemokratie das Erbe des Liberalismus in der Judenfrage kritiklos übernommen hat, und müssen es als Ungehörigkeit bezeichnen, daß derartige Beschimpfungen des arbeitenden und kämpfenden Ostjudentums, jugendlichen Arbeitern als Lektüre dargeboten werden. Es ist für den Herrn Abg. Winarski auch keine Entschuldigung, daß sein philosophischer Erguß . dem Sinne nach ein Plagiat des diesbezüglichen Exkurses Mehrings~in die jüdische Kulturgeschichte (aus der „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie") ist. Kroatien Kroatien geht stürmischen Zeiten entgegen. Der oppositionelle Landtag wurde vertagt. Die Straßendemonstrationen nehmen kein Ende. Auf dem auflodernden Feuer scheinen Antisemiten ihr Süppchen kochen zu wollen. Wie Pilze schießen in Agram antisemitische neugegründete Blätterausdem Boden. J. Kannengießer, der seiner Gesinnung nach zu den Christlich-Sozialen gezählt werden darf, gründete eine Wochenschrift „Antisemita". Obradovic gibt zwei Blätter antisemitischer Richtung heraus: „Putnik" (Wanderer) und „Rebach". Das Organ der fortschrittlichen Volkspartei — „Pokret" ist ebenfalls antisemitischer Couleur. Man sieht, eine stattliche Anzahl von Neugründungen, sämtlich in kroatischer Sprache. Dafür beginnt in nächster Zeit im benachbarten Belgrad ein zionistisches Organ in serbischer Sprache — „Evrejski Gletnik", Jüdischer Bote — zu erscheinen. Russischer Brief (Von unserem Korrespondenten) Die Juden und der Militärdienst Der Kommandant des Moskauer Militärrayons, General Herschelman, verordnete, daß die Chefs aller Militärkorps bis Ende März ihm Auskünfte über die Zahl der unter ihrem Kommando sich befindenden Juden ihm zukommen lassen sollen. Dabei werden die Chefs darauf aufmerksam gemacht, daß sie eine zu große-Zahl der Juden in ihren Korps verhüten sollen. Diese Verordnung bildet ein interessantes Gegenstück zu der Rede des Deputierten Krupienski, der in der Duma behauptet hat. daß die Juden dem Militärdienste feindlich entgegentreten, und daß sie die* Militärpflichten nicht erfüllen. -• Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Organ der Okticbristen „Golos Moskwy" einen Artikel, in welchem behauptet wird, daß die Juden nicht jene Zahl der Soldaten liefern, die auf sie fallen soll. Wo ist hier die Logik? Einerseits die Beschuldigungen der Antisemiten, daß die Juden den Militärdienst verweigern, anderseits die Verordnung, daß man in die Militärkorps nicht zu viel Juden annehmen soll. Aber kann man denn Logik dort suchen, wo nicht Verstand, sondern blinde Instinkte und Rassenhaß walten, wo die Wirklichkeit jedem Ideale der Wahrheit und Gerechtigkeit spottet?... Das Gesetz über die städtische Selbstverwaltung und die Juden Wie bekannt, . hat das Ministerium beschlossen, das Gesetzprojekt über die Reform der Selbstverwaltung der Städte und Semstwos vor seiner Einbringung in die Duma von dem beim Ministerium des Innern sich befindenden „Rate für Angelegenheiten der Ortswirtschaft", begutachten zu lassen. An diesem „Rate" sollen sich auch die Vertreter der Stadtverwaltungen und der Semstwos beteiligen. Die progressive Presse hat oft darauf hingewiesen, daß mit diesem „Rate" eine neue Instanz geschaffen wurde, welche in dieser Frage wahrscheinlich dieselbe Rolle spielen wird, wie der „Rat des geeinigten Adels" in den allgemein politischen Fragen. Außer der allgemeinen Bedeutung hat die Frage der Reform der Selbstverwaltung eine spezielle Bedeutung für uns Juden, besonders betreffs der Frage der Reform der städtischen Selbstverwaltung. Wie bekannt, hat die jüdische Bevölkerung sogar in den Städten, wo sie die Mehrheit bildet, gar keine Möglichkeit, an den Angelegenheiten der Stadtverwaltung teilzunehmen, und ist auf Grund speziellerVorschriften von dieser vollständig ausgeschlossen. Die wenigen Juden, die in die Stadtverwaltung gewählt werden, können keineswegs als Vertreter der jüdischen Bevölkerung betrachtet werden. Dabei ist ihre Position dermaßen zweideutig und unangenehm, daß vor einigen Jahren alle Juden ihre Stellung als Stadträte verlassen haben. Die Frage der Teilnahme der Juden an der städtischen Selbstverwaltung wird vom „Rate" bei der Behandlung des Gesetzprojektes der Regierung ganz sicher beraten werden, und es wäre von großer Bedeutung, wenn man den „Rat" darauf aufmerksam machen könnte, von welch großer Schädlichkeit die Fernhaltung der Juden von den Angelegenheiten der städtischen Selbstverwaltung ist. Aus dem Universitätsleben Die Verwaltung der Moskauer Technischen Schule hat vom Ministerium für Volksaufklärung die Anfrage bekommen, wie groß die Prozentnorm der jüdischen Studenten im Verhältnis zu der Zahl übriger Studenten der Hochschule ist. Wie wir bereits mitgeteilt haben, wird allgemein darüber gesprochen, daß der neue Bildungsminister Schwarz die Prozentnorm bei Aufnahme der Juden in höhere Lehranstalten beibehalten will. Zur Judenfrage in Finnland Die sozialdemokratische Fraktion des finnländischen Landtages hat dem Landtage eine Petition über die Gleichberechtigung der Juden vorgelegt. Gegen diese Petition kämpften die „Altfinnen" mit der größten Schärfe. Die Petition wurde einer speziellen Kommission übergeben. Russische Preßfreiheit Vor der Kriminalabteilung des Warschauer Kreisgerichtes hatte sich in verflossener Woche NahumSokolow zu verantworten, und zwar in seiner Eigenschaft als ehemaliger Herausgeber der hebräischen Tageszeitung „Hazefirah"unddesTageblattes„Telegraph'*. Zur Anklage stand eine im Jahre 1906 in der „Hazefirah" veröffentlichte Meldung, die besagte, daß eine Deputation echtrussischer Leute dem Zaren die Bitte vorgetragen habe, alle Juden aus Rußland herauszutreiben. Hierauf habe der Zar geantwortet: „Wir wollen sehen." Die Richtigkeit dieser Meldung wurde von der Staatsanwaltschaft nicht bestritten; indessen wurde ein Vergehen darin gefunden, daß diese Worte des Kaisers nicht vorher dem Hofministerium zur Zensur vorgelegt worden seien, wie es das Gesetz_vorschreibt. Außerdem stand zur Anklage eine Meldung des „Telegraph", wonach in Lask, Gouvernement Petrokow, von Kosaken ein Pogrom vorbereitet würde. In dieser Meldung erblickte die Staatsanwaltschaft eine straffällige Verbreitung falscher Nachrichten über die Tätigkeit des Militärs. Die Verhandlung über diesen letzteren Punkt gestaltete sich ganz besonders interessant. Die Staatsanwaltschaft hatte die beiden