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Die Welt · 1908-03-27 · 13 (27.3.1908) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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und bringt Getreide von der Südküste an die Nordküste, bei günstigem Winde in fünf Stunden, bei schlechtem Winde in 6 bis 7 Tagen. Es gehört einer Jerusalemer Gesellschaft, deren Geschäftsführer — wie übrigens auch die meisten Gesellschafter — Jude ist. Er erlaubte uns, sein Schiff zu betreten, und ich konnte mir die Ladung, sehr schönen, allerdings ziemlich unreinen Weizen, ansehen. Nächstens will die Gesellschaft in das Schiff eine Dampfmaschine einbauen. Wir sahen die Sonne über den Bergen Moabs aufgehen, und fuhren um 6 Uhr zum Jordan, den wir schon in einer halben Stunde an der sogenannten Taufstelle erreichten. Der Fluß ist hier etwa 20 m breit, sein Wasser stark lehmig. Die Ufer sind sehr schön bewachsen. Wären nicht die braunen Gestalten der Araber, die im Flusse badeten, man hätte sich ganz gut an das Ufer eines kleinen deutschen Flusses versetzt glauben können. Nach halbstündigem Aufenthalt kehrten wir nach Jericho zurück und langten hier um 8 Uhr an. Wir machten der Pferde wegen eine zweistündige Rast, die ich zu einem Besuch bei dem einzigen, in Jericho lebenden Juden benutzte, der einen Obstgarten gepachtet hat und eine Art Herberge für Menschen und Pferde unterhält. Er lebt mit Frau und Kindern schon seit fast zwei Jahrzehnten in Jericho und ist stark arabisiert. Fleisch kann die Familie überhaupt nicht essen, weil kein "Schächter vorhanden ist und das Rabbinat in Jerusalem dem Juden die nachgesuchte Erlaubnis, selbst Schächten zu dürfen, verweigert hat, da er die vorgeschriebene Prüfung nicht abgelegt habe. Wir hatten gehofft, in Jericho allerhand Obst zu finden, wurden aber sehr enttäuscht. Wir erlangten nichts als eine Melone und einige Äpfel. Um I Uhr traten wir die Rückfahrt an und wurden unterwegs von der Sonne ordentlich durchgebraten. Für eine kurze Zeit glaubte ich sogar den Sirokko zu spüren, und in der Tat wurde mir abends in Jerusalem gesagt, daß der Sirokko kurze Zeit geweht habe. Um 1ht Uhr langten wir in Jerusalem an. Wiener Brief (Von unserem Korrespondenten Die Industrialisierung Galiziens Bei der Beratung des Budgets des Ministeriums für Kultus und Unterricht wurde auch der jüdischen Auswanderung aus Galizien, — denn das ist das jüdische Hochdruck- und Auswanderungsgebiet Österreichs, — Erwähnung getan. Es ist bedauerlich, daß das jüdische Emigrationsproblem nicht an richtiger Stelle zur Sprache gebracht wurde, nämlich bei Berätung des Voranschlages des Ministeriums des Innern, bei der die Auswanderungsfrage eine lebhafte Diskussion hervorgerufen hat. Immerhin war es für uns eine angenehme Überraschung, daß der Herr Abg. Dr. Di am and die jüdische Emigration gleichsam neuentdeckt hat. Er sagte nämlich im Budgetausschuß: „Die Förderung der Industrialisierung Galiziens sei eine unaufschiebbare Aufgabe der Regierung. Mit der Schaffung gewerblicher Schulen allein sei es aber nicht getan. Der Hauptfehler liegt in dem Mangel einer industriefördernden Politik.. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung, die sich sonst stark vermehrt, ist in Galizien in Abnahme begriffen. Die besten jüdischen Arbeiterelemente gehen durch Auswanderung für das Land verloren und damit eine Grundlage für die zu schaffende Industrie." Es ist, wie gesagt, erfreulich, daß die polnischen Sozialisten, deren Sprecher Herr Abg. Dr. Di am and ist, die jüdische Auswanderung nicht mehr als ein Phantasiegebilde der bösen Zionisten und Poalezionisten betrachten. Damit aber die Herren bei der nächsten Gelegenheit, etwa bei der Diskussion der Auswanderungsfrage bei einem internationalen Sozialisterikongreß, die neugewonnene Erkenntnis. nicht ebenso unerwartet einbüßen, wollen wir einige Zahlern anführen, die mit erschreckender Eindringlichkeit beweisen, welch ungeheure Dimensionen die jüdische Emigration, aus Österreich nach den Vereinigten Staaten allein, erreicht hat Es kamen äus Österreich, wobei selbstredend nur die östlichen Kronländer, Galizien und die Bukowina, in Betracht kamen: im Jahre 1899 ..... 11071 jüdische Einwanderer „ „ 1900 ..... 16920 „ „ „ 1901 ...... 13 006 „ „ „ 1902 . .... 12 848 „ „ 1903 ..... 18759 . „ „ 1904 ...... 20211 ■ „ „ „ 1905....... 17352 „ „ 1906 ..... 14 884 „ 1907 ..... 18835 „ Daß die überwiegende Mehrheit der jüdischen Ankömmlinge qualifizierte Arbeiter sind und nicht Luftmenschen ohne bestimmte Beschäftigung, wie man irrtümlicherweise anzunehmen geneigt ist, ist ebenfalls zur Genüge bekannt Es blieb nur den österreichischen Sozialassimilanten, die mißverständlicherweise hie und da als sozialdemokratische Autoritäten gelten, vorbehalten, Jahre hindurch den Standpunkt beharrlich zu vertreten, daß das jüdische Auswanderungsproblem, wie die gesamte Judenfrage eine Frage der jüdische Bourgeoisie ist Wenn die erwähnte Rede Dr. Diamands ein Anzeichen dafür wäre, daß die polnischen Sozialisten kein Verlangen mehr haben, sich zu den harten Tatsachen des Judenlebens in Widerspruch zu setzen, werden wir diese Umkehr keineswegs erschweren durch unangenehme Reminiszenzen. Wir können jedoch in diesem Zusammenhang nicht umhin, Herrn Abg. Diamand auf die Unrichtigkeit einer Behauptung aufmerksam zu machen. Er meinte nämlich, daß durch die jüdische Auswanderung eine Grundlage für die Industrialisierung Galiziens verloren gehe. Wir sind dieser Ansicht nicht Wir glauben nicht, daß die jüdische durch wirtschaftlichen Druck bedingte Auswanderung die Industrialisierung des Landes verzögert, oder daß das Einrücken Galiziens in die Reiche der Industrieländer die jüdische Emigration aus der Welt jschaffen wird. Das Beispiel Russisch- Polens lehrt, daß ein den Obergang zum modernen Industriebetrieb vollziehendes Land der Juden nicht bedarf, daß ein Hineinwachsen der Juden in die entstehende moderne Wirtschaftsgemeinschaft nicht stattfindet, ebensowenig eine Oberwindung der die anschwellende jüdische Emigration bewirkenden Kräfte. Wir leugnen nicht, daß die Industrialisierung Galiziens in vielen Fällen eine Hebung des Wohlstandes zur Folge haben kann. Die Wirkung für die Judenheit Galiziens kann aber nur privatwirtschaftlicher, nicht volkswirtschaftlicher Natur sein. Wahrmund der. „Judenstämmling" Wir waren schon erstaunt Wie? Eine: Angelegenheit von so großer Bedeutung bewegt die öffentliche Meinung Österreichs und.. der Judenpunkt blieb noch unerwähnt! Die Christlich-sozialen fühlten, daß der Zustand unerträglich ist Sie gerieten infolge der Einmischung des Nunzius Fürsten Granite de Belmonte in die Affäre des Professors Wahrmund in arge Not Im Mittelpunkt des Interesses stand nicht mehr die Frage/ ob Prof. Wahrmund die katholische Religion verunglimpft und beschimpft hat, auch nicht" die Person des Häretikers, sondern die unbefugte Einmischung des Nunzius in eine innere österreichische Universitätsangelegenheit. Die Universitätsstürmer mußten innehalten. Nun machten die Christlich-sozialen krampfhafte Versuche, die Aufmerksamkeit auf Prof. Wahrmund abzulenken. Das Mittel ist leicht gefunden. Landmarschall Prinz Liechtenstein erklärte in einer christlichsozialen Wählerversammlung, Wahrmund sei Judenstämmling, und knüpfte daran folgende geschichtsphilosophische Betrachtung. Es ist eben unmöglich, daß man aus seiner eigenen Haut herausschlüpft, und wenn durch 2000 Jahre ein" Volksstamm im direkten Gegensatz zur christlichen Überzeugung gelebt hat gehört eine große Uberwindung des Gegensatzes dazu, um nicht, selbst wenn man Christ geworden ist plötzlich wieder umzuschnappen ins Gegenteil und nicht den Haß gegen die christliche Überzeugung hervorzukehren. Das ist nun bei Wahrmund geschehen, denn die Blasphemien, die -er ausgesprochen hat gegen die Mutter Gottes,' gegen den Heiland, kommen bei den Ariern nicht vor. Der Arier hat wenigstens das Schamgefühl, jene Empfindungen, die die christliche Welt hegt, nicht zu verletzen; dazu gehört der Haß, der im Juden seit 2000 Jahren steckt Es ist kein Zweifel, daß in dem Vorgehen dieses Professors eine außerordentliche Provokation des christlichen Volkes liegt, und der Lärm, den die Judenpresse macht, ist ebenso sehr aus Sympathie für den Konnationalen entstanden als auch aus dem Grunde, um das deutsche Volk durcheinander

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