Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 12 * : DIE3| wurde Österreichs-Jüdenschaft des Ritualmordes schuldig erkannt Nun war es zu erwarten, daß über kurz oder lang die Juden Österreichs sich werden aufraffen müssen, um dieser unerträglichen und, unerhörten Schmach ein Ende zu bereiten. Als im vorigen Jahre die Dreyfuß-Affäre durch die Rehabilitierung des Kapitäns restlos liquidiert wurde, schrieb Max Nord au einen eindringlichen Mahnruf an die österreichischen Juden und alle Bürger des Landes, deren natürliches Rechtsgefühl noch nicht erstickt ist. „Geht hin und tut das Gleiche!" rief Nord au den Österreichern zu.' Sein Ruf verhallte nicht umsonst Nach einem Jahre sehen wir den größten Saal Wiens, der Zwingburg der salon--und regierungsfähig gewordenen christlichsozialen Partei, zu enge, um die Menehenmassen zu fassen, die gegen die begangene Rechtsbeugung feierlichen Einspruch erheben wollen. Es sind auch Nicht-Juden. Unter den Einberufenen der Versammlung sehen wir Namen, die in Österreich einen guten Klang haben, aber auch weit über die Grenzen des Reiches wohlverdiente Verehrung genießen. Bertha Suttner, Prof. Mach, Prof. Sueß, Präsident der Akademie der Wissenschaften, Prof. Jodl und viele andere. Die ausgezeichnete Rede des Referenten und Organisators der Begnadigungs-Aktion, Herrn Dr. Elbogen, bringen wir an anderer Stelle. Wir wollen noch kein abschließendes Urteil über die Aktion fällen. In dem von uns in der vorigen Nummer erstatteten Bericht über den innerösterreichischen Distriktstag der Zionisten ist eine kurze Debatte über die Hilsnersache mitgeteilt, in der alle Pro- und Contra-Argumente zu finden sind. Grundsätzlich muß betont werden, daß dem jüdischen Volke in Österreich nur durch eine Revision des Prozesses Genugtuung für die erduldete Schmähung verschafft werden kann. Wir haben jedoch keinen Grund der energisch ins Werk gesetzten Sache des Herrn Dr. Elbogen unfreundlich gegenüberzustehen, da derselbe seine Aktion als eine Begnadigung um des Rechtes willen aufgefaßt wissen will. In einer Ihrem Berichterstatter in der freundlichsten Weise gewährten Unterredung legte Herr Dr. Elbogen das größte Gewicht darauf, die mißverständliche Meinung zu widerlegen, als wäre seine Aktion ein Gnaden-Bittgang- Es handele sich um eine Rechtsklage, die dem Kaiser nur in der Form eines Gnadengesuches überreicht werden könne. Herr Dr. Elbogen sprach daher die Hoffnung aus, auch Sympathien, der Zionisten zu gewinnen. - Das vorläufige Ergebnis der in der Wiener Judenschaft entfachten Bewegung ist jedenfalls eine Wiederaufwallung der. Affäre Hilsner. Sie kann nicht mehr von der Tagesordnung schwinden, ohne Klarheit zu verschaffen, ob jeder Jude in Österreich straflos zum Kanibalen gestempelt werden darf oder nicht Nachstehend bringen wir auszugsweise die Rede des Herrn Dr. Elbogen, die mit tosendem Beifall aufgenommen wurde. Nach dem Referenten ergreift Dr. Ferdinand Kronawetter das Wort Anfang und Schluß der Rede gehalten am 18. März von Dr. Friedrich Elbogen in den Wiener Sophiensälen Hochgeehrte Versammlung! Ich bin dem öffentlichen Gewissen Rechenschaft schuldig. Und diese Rechenschaft will ich vor Ihnen hier ablegen. Sie dürfen strenge mit mir ins Gericht gehen und brauchen mir keinerlei mildernde Umstände zuzubilligen. Denn die Affäre Hilsner ist schon längst eine Angelegenheit der gesamten gesitteten Welt und die schärfste Kontrolle über alles, was in dieser außerordentlichen Sache geschieht, darf daher die Öffentlichkeit als ihr selbstverständliches Recht in Anspruch nehmen. Ich will mir aber meine Verteidigung auch nicht erleichtern, wenn mein Verantwortlichkeitsgefühl mir nun gebietet Rede zu stehen. Und nun, da ich mich gleichsam mit einer Selbstanzeige vor das Welttribunal der öffentlichen Meinung gestellt habe, will ich mit der Erklärung beginnen, daß ich für meine Aktion den Beweis der Notwendigkeit antrete. Ich kann jedem Einwurf Stand halten und jede Einwendung widerlegen, denn ich habe den Ahtrieb zudieser von mir eingeleiteten Propaganda aus der sorgsamsten Überlegung aller Umstände, vor allem aber aus dem Gefühle der Unerträglichkeit des gegenwärtigen Zustandes gewonnen. Und dieses Gefühl hat mich so mächtig erfaßt mich so gebieterisch beherrscht, daß ich schließlich alle akademischen Bedenken bei Seite stieß und auf Erlösung, auf Befreiung sann. Wenn es wahr ist, daß wir eine Kulturmenschheit geworden sind, wenn es wahr ist, daß, was auf blutigen Märtyrerwegen der Menschengeist im Kampfe der Jahrtausende en-ungen, ein sicherer Besitz unserer Zeit geworden, wenn wirklich der demokratische Gedanke nicht zur hohlen Phrase entseelt werden darf, hinter der Parteilichkeit und Rechtsbruch wüten, dann 'gibt -es noch' ein Ideal, dessen Gemeinschaft uns alle vereinigt, und dieses Ideal heißt Recht und Hjerechtigkeit Ja, ich bekenne gELT 15 ohne Scheu, daß ich naiv genug bin, noch immer an dieses Ideal zu glauben, ich bekenne, daß mir das Leben nicht lebenswert erscheint, wenn dieses Ideal verloren geht, und daß ich den für einen armseligen Tropf halte, dessen Seele im Angesichte eines Rechtsfrevels nicht in heiligen Zorn auflammen kann. Mögen — um mit den Worten der Schrift zu sprechen — jene einst selig werden, die Verfolgung leiden, um der Gerechtigkeit willen. Ich sage ihnen, nichtswürdig sind die, die Verfolgung schaffen um der Ungerechtigkeit willen, fluchwürdig sind die, die ein Menschenleben zertreten, die Recht und Gesetz verhöhnen und verstümmeln, die Haß und Friedlosigkeit predigen, erkanntes Unrecht verewigen wollen, nur weil im Namen eines miserablen Parteiinteresses dem Zufall der Geburt des Kainszeichen der Schmach aufgerückt werden soll. Oberlandesgerichtspräsident Dr. Krall, einer der Vorkämpfer in der Hilsnersache, schrieb einst mit unverkennbarer Ironie die folgenden Worte: „Wir leben doch nicht mehr im Zeitalter Voltaires, wo das ganze französische Volk ihm zujubelte, als er sich zur Lebensaufgabe machte, einem unschuldig Verurteilten die Ehre herzustellen. Heute haben wir andere Freuden, andere Sorgen, andere Ziele."... Nein, nein und tausendmal nein! Sie selbst, diese stattliche Versammlung, die abertausende von Zustimmungskundgebungeri, die mir aus beiden Hemisphären, aus allen Gesellschaftsschichten und Lagern, aus den Kreisen des höchsten Geistes- und Geburtsadels, ja sogar von ausgesprochenen politischen Gegnern zugekommen Sinei, sie bilden das erfreulichste Zeugnis für die Tatsache, daß inmitten aller Wirrnis und Zerklüftung die Solidarität des Rechtsgefühls das unzerreißbare sittliche Band ist das uns zusammenhält. Wie haben doch die Pessimisten. Unrecht behalten, die mich vor meinem Unternehmen warnten, die Schwarzseher und Zeichendeuter, die immer das Ende der Welt verkünden, so oft einer in ein Wespennest sticht. Nun wohl, wer sich fürchtet der bleibe zu Hause, wer sich nicht zu dem Versuche aufschwingen kann, allen Gewalten zum Trutz sich zu erhalten, aus zaghafter, Defensive zum geharnischten Angriff überzugehen, wer seine Überzeugung nicht zum Mitleid, sein Mitleid nicht zur Begeisterung zu steigern vermag, der bleibe, wo er ist, ich kann ihn nicht brauchen. Jawohl, Begeisterung und Tatbereitschaft. Darauf kommt es doch in allen Dingen an. Geduld und Langmut mag auch weiterhin die Tugend von Lämmern sein, die sich fromm zur Schlachtbank führen lassen. Ein Justizfrevel ward verübt wie die Welt keinen schändlicheren gesehen, — und man predigt Geduld; Recht -und Gesetz wurden beim hellen Licht der Sonne von elenden Gesellen in den Koth gestampft, — und man predigt Geduld; ein Menschenleben wird nach allen Regeln,des antisemitischen Ritualmords abgeschlachtet, — und man predigt Geduld; neun Jahre sind es gerade her, daß ein armer Teufel in seiner dumpfen Kerkerzeile nach Erlösung und Befreiung schmachtet und man predigt noch immer Geduld, Wie lange denn noch? Bis sie den Stein der Weisen finden? Bis die Kraft der Argumente die Interessenten des Geschäftsantisemitismus erweicht haben wird? Wie können wir. so etwas auch von den Antisemiten verlangen? Geschäft ist doch Geschäft. Nein, der arme Hilsner kann nicht länger warten, soll nicht länger warten, und wer kein lederner Pedant ist, wird ihn nicht länger warten lassen wollen. Sind denn neun Jahre Zuchthaus nicht genug für den Frevel, den andere an ihm begangen haben? Wenn der arme Hilsner Verstand genug hätte, so könnto er darüber nachdenken, ob nicht eine gerade Linie von seinem Prozesse zu manchem antisemitischen Ministerportefeuille führt. Ich habe darüber nachgedacht und gefunden, daß sogar die antisemitische Partei eine Art Katzenjammer gegenüber der Hilsnerorgie nicht verhehlen kann. Am liebsten möchte auch sie .sagen: Hilsner hat seine Schuldigkeit getan. Hilsner kann gehen. Ich aber habe die Geduld verloren, und Gott sei Dank, es gibt noch Menschen, die auch ihre Geduld verloren haben...... Die Geschichte der Blutbeschuldigung kennt bekanntlich manche Fälle, in denen der alte Aberglaube eine gerichtliche Untersuchung zur Folge hatte, immer aber — mit einer einzigen Ausnahme — hat. das Gerichtsverfahren die Grundlosigkeit des erhobenen Verdachtes ergeben. Nur uns Österreichern war die Schande dieser Ausnahme vorbehalten. Im Prozesse Hilsner geschah es zum ersten und einzigen Male, daß die Verurteilung, des Angeklagten wegen Ritualmordes in der Form Rechtens erfolgte. In der Form Rechtens, jawohl! In der Form Rechtens wurde dem Rechte der Geist ausgetrieben; in der Form Rechtens wurde das Rechtsverfahren zu einer wirkungslosen Zeremonie degradiert in der Form Rechtens ein Urteil gefällt, das den Irrsinn sanktioniert und in der Form Rechtens wird ein armer Teufel in Kerkerhaft gehalten, trotzdem seine Unschuld vor dem Forum der Wissenschaft schon längst erwiesen ist Man muß doch endlich einmal den Mut haben, das Ding beim richtigen Namen zu nennen und darum will ich Ihnen auch ganz offen sagen, warum die Regierung keine der an sie in der Hilsnersache gestellten Interpellationen bisher beantwortet-hat