Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Vizepräsidenten Isaak Schlesinger, zum Kassierer H. Klein, zum Sekretär M. Hirschberger. In den Ausschuß wurden gewählt die Herren Dr. A. L. Lederer, Rudolf Groß, Leopold Stein und Emanuel Marberger. England In seiner jüngsten Sitzung beschloß der Vorstand der English Zionist Federation, einen neuen Aufruf für den Parteifonds zu erlassen. Bei der demnächst stattfindenden Gerichtsverhandlung wird sich die English Zionist Federation offiziell für die Abänderung vertreten lassen. Amerika Mr. A. H. Frömenson, der bekannte jüdisch-englische Journalist, macht zurzeit eine zionistische Propagandatournee durch den Süden und Westen der Vereinigten Staaten. Mr. Frömenson, der jüngst erst von einer schweren Krankheit genesen ist, ist ein ausgezeichneter Redner und sehr fähiger Organisator, und es kann nicht zweifelhaft sein, daß seine Reise für jede Gemeinde, die er berührt, von Bedeutung sein wird. Mr. Frömenson wird ganz besonders Gewicht darauf legen, die Zionisten einer Stadt untereinander näher zu bringen und einen engeren Anschluß der Vereine an die Federation zu bewirken. Am 8. d. sprach Mr. Frömenson in Newport, am 12. in Portsmouth und am 15. in Norfolk. Für den 17. und 19. waren Versammlungen in Augusta vorgesehen; dann wird Herr Frömenson nach Jacksonville und Atlanta gehen, auch sind Besuche der Städte Birmingham, Montpomery, New Orleans und Texas vorgesehen. Australien Mit besonderer Genugtuung verzeichnen wir die Meldung australischer Zeitungen, wonach in Sydney Bestrebungen vorhanden sind, die auf Gründung einer zionistischen Ortsgruppe hinzielen. Der gute Erfolg des Melbourner Frauenvereins hat die Gesinnungsgenossen in Sydney ermutigt, den langgehegten Plan der Gründung eines Lokalvereins nunmehr in die Wirklichkeit umzusetzen. Wir wünschen diesen Bestrebungen von Herzen Erfolg. NACHRICHTEN ^T^\ Das Reformgebetbuch in Baden gefallen Die von den Zionisten und Gesetzestreuen Badens gemeinsam organisierte Opposition gegen das vom Gr. Oberrat der Israeliten der nächsten Synode zur Einführung vorzulegende Reformgebetbuch siegte in dem am Sonntag stattgefundenen Wahlkampf mit 15 Mandaten gegen sechs Mandate, von denen fünf Freunden der Gebetbuchvorlage und eins einem bedingten Freunde derselben zufielen. Die Majorität der Gegner des Reformgebetbuches in den einzelnen Wahlbezirken war mitunter eine überaus große; die Wahlbeteiligung betrug teilweise 100 " o! Am bemerkenswertesten ist der Sieg in Karlsruhe, dem Sitz des Oberrats, wo die Gegner des Reformgebetbuches mit s/s Majorität siegten, obgleich die gesetzestreue Richtung in Karlsruhe seit einigen Jahrzehnten aus der badischen Organisation ausgetreten ist und deshalb am Wahlkampf nicht mitwirken konnte. In Karlsruhe wurden zwei Zionisten gewählt. Durch das Wahlergebnis kann selbstverständlich die Vorlage des Oberrats von vornherein als gefallen betrachtet werden. Der positive Erfolg wird in einer Stärkung des jüdischen Pflichtbewußtseins liegen, da ein Interesse an jüdischen Dingen durch den seit Monaten tobenden Kampf im ganzen Lande geweckt wurde, wie er in solcher Stärke in Baden bisher überhaupt noch nicht beobachtet worden war. Es wird unsere Aufgabe sein,, nach Kräften mitzuwirken, daß diese neue Kraft jetzt — da der Friede innerhalb der Organisation gewährleistet erscheint — in jüdischem Sinne nutzbar gemacht wird. Plan einer jüdischen Ansiedlung im Sudan Zu den vielen jüdischen Siedelungsprojekten, die neuerdings wie Pilze aus der Erde schießen, um im allgemeinen auch ebenso zu vergehen, ist ein neues getreten, das einer jüdischen Ansiedlung im Sudan. Der „ Jewish Chronicle" berichtet darüber aus Alexandrien folgendes: Verflossene Woche kehrte der Chiefrabbi von einer Reise in den Sudan zurück. In Assuan hat er nur 4 jüdische Familien gefunden und noch einige jüdische Händler, die . im Innern des Landes Handel treiben. Die Stadt hat eine sehr hübsche Synagöge, die aus einer Stiftung des verstorbenenJBarons Nathaniel von Rothschild errichtet wurde, der einige Jahre hindurch dort Winteraufenthalt zu nehmen pflegte. Von dort ging er nach Wadi Haiffa, wo keine Juden wohnen, und kam nachts um 11 Uhr. in Chartum an. Er wurde von den Spitzen der Behörden und fast der gesamten jüdischen Bevölkerung Chartums und Omdurmans empfangen. Omdurman, wo er sechs Tage blieb, hat mehr als 40 jüdische Familien, arabische und spaniolische; nur drei sind Aschkenasim. Man stellte ihm Herrn Benzion CostL vor, einen Juden aus Magnesia (asiatische Türkei), der während der Schreckensherrschaft des Mahdi unter Todesdrohungen gezwungen wurde, zum Islam überzutreten und eine sudanesische Sklavin zu heiraten.' Jetzt ist die ganze Familie Costi zum Judentum zurückgekehrt Der Chiefrabbi versammelte alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde und bestimmte sie, einen Arbeitsausschuß einzusetzen. Hierauf kehrte er nach Chartum zurück, wo ihm der Generalgouverneur Sir Reginald Wingate seine Zufriedenheit über diese Gründung aussprach und den Wunsch ausdrückte, daß die russischen Juden, die ihr Heimatland verlassen müssen, in den Sudan kämen und hier Ackerbaukolonien gründeten, gleich denen in Palästina und Argentinien. „Sagen Sie Ihren Glaubensgenossen in Europa und Amerika, daß der Sudan das beste Land für Ihre unglücklichen Brüder ist, und daß England nicht verfehlen wird, ihnen zu helfen und ihnen alle Erleichterungen zu gewähren." Der Chiefrabbi hat wie verlautet, den großen jüdischen Korporationen Mitteilung von diesen Tatsachen gemacht. Übrigens hat schon vor zwei Jahren Mr. Abraham Galante, Herausgeber der Zeitschrift La Vara, den jüdischen Institutionen eine Denkschrift über die Möglichkeit einer jüdischen Ansiedelung im Sudan unterbreitet. Antijüdischer Wohnungsboykott in Boston Der „American Israelite" berichtet von einem Wohnungsboykott der in Boston gegenüber Juden ausgeübt wird und der sich bereits sehr bemerkbar macht. Nicht nur, daß eine ganze Anzahl Hotels sich weigern, jüdische Gäste aufzunehmen, auch die Vermieter von Privatwohnungen wollen keine Juden als Mieter haben. Es wirkt tragikomisch, daß der „American Isfaelite" eine Zeile später mit Emphase davon spricht, daß in Amerika keinerlei Judenfrage existiere und daß die amerikanischen Juden ganz und gar Vollberechtigung genössen. Amerikanische Einwanderung im Januar 1008 - Das. amerikanische Handelsuud Arbeitsamt veröffentlicht soeben eine Tabelle über die Einwanderung im Monat Januar 1908. Darnach betrug die Gesamteinwanderung aus Europa in diesem Monat 22 331 gegen 45 601 im Vorjahre, d.h. 23 270 weniger. Aus Österreich wanderten 2294 gegen 5984, aus Rußland 8283 gegen 11 625 ein. Zurückgewiesen wurden insgesamt 816 Personen. Die Gesamteinwanderung aus allen Erdteilen betrug 27 220, 17 947 Männer und 9273 Frauen. Im ganzen hat sich während der vier Monate Juli bis Oktober 1907 die Bevölkerung Amerikas durch Zuzug von Fremden, - nach Abzug der Weggezogenen, um 273 446 vermehrt - Gegen den „Judeneid* Jassy. Großes Aufsehen erregt hier der Kampf gegen die barbarische überlieferte Form des Eides more judaico, der von Gg. Rabbiner Dr. Niemirower mit Eifer und Ausdauer geführt wird. Da Dr. Niemirower standhaft seine Mitwirkung bei einer solchen Eidesleistung verweigerte, wurde er vom Friedensrichter in eine Geldstrafe genommen. Auf seine Berufung hin forderte ihn der Tribunalpräsident auf, seinen Standpunkt in einem Memorandum darzulegen. Wie die Tageszeitungen melden, droht der Staatsanwalt mit einer Anklage wegen Rebellion; die gesamte Judenschaft Rumäniens verfolgt das Auftreten Dr. Niemirowers mit leidenschaftlichem Interesse und erhofft vom Kassationshof ein gnädiges Urteil. Die Aufrollung der Hilsner-Affäre (Originalbericht) (Nach Schluß der Redaktion eingegangen) Vor-neun Jahren wurde Leopold Hilsner zweimal. wegen Ritualmordes zum Tode verurteilt jedoch begnadigt. Die. Todesstrafe wurde in lebenslängliche Kerkerstrafe umgewandelt. Als der oberste Gerichtshof das erste Urteil kassiert, hatte, hieß es, das oberste Tribunal des Reiches sei von Juden gekauft. ..So hoch gingen die Wogen der Erregung- Demi der Hilsnerprozeß war keine Rechtssache, sondern eine politische Machtprobe des . Antisemitismus. Durch diesen Prozeß - sollte ein Jude wegen Mordes, begangen aus rituellen Grüuden, verurteilt werden. Mit Hilsner