Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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meldet sich zum Wort. Der Vorsitzende zeigt mit aufgetragener Verlegenheit auf seine Uhr und dann auf den Geheirnrat. Der Geheimrät' lächelt. Aber nicht wie früher. Ein verzerrtes, in verzweifelter Muskelanspannung erzwungenes Lächeln. Die schöne Frau Geheimrat schwingt den Fächer, mit dem sie vorher lässig gespielt hatte, mit sekundenschnellen Schlägen vor das],sGesicht, das plötzlich von glühender Röte überzogen worden war und jetzt bleich war wie Gips . . . Zwei Damen, die ihr schräg gegenübersitzen, wispern miteinander, indem sie blitzschnelle Blicke über ihre Fächer hinweg auf die Geheimrätin werfen ... „Wollen Sie nicht das Schlußwort sprechen?" fragt der Vereinspräsident den Geheimrat. Der Geheimrat erhebt sich. „Nur ein kurzes Schlußwort, meine Verehrten I Die Herren Vorredner sind zwar recht weit vom eigentlichen Vortragsthema abgewichen, aber sie haben uns eine dankenswerte Fülle von Anregungen geboten ..." Er stockte. Seine Stimme klang unsicher, die feierliche Tragkraft fehlte, die höfliche Stille, der Zuhörer hatte nichts mehr von schöner Spannung, es war eine leise, schwirrende Unruhe in der Stille . . . Und der Vortragende schloß schnell: „Wie immer wir im einzelnen. denken, meine Verehrten, erhalten wir uns immer -und überall das Ideal des Vollmenschentums, den Willen zur Macht — der Persönlichkeit!" Ein hastiges, formelles Bravo aus den Reihen der Zuhörer, die sich schnell von den Sitzen erhoben, dem Ausgang zu, und nach dem anschließenden Speisesaal, wo das „gesellige Souper" die Mitglieder des „Vereins zur Förderung künstlerischer Kultur"* erwartete . . . Auch der Herr und Frau Geheimrat erhoben sich. „Fahren ..wir nach Hause,' Leo," flüsterte die Frau Geheimrat ihrem Gatten zu, — „ich fühle mich nicht ganz wohl ..." „Ach, Sie wollen nicht bleiben, gnädigste Frau Geheimrat," sagte der Vereinsyorsitzende, der neben dem Geheimrat stand, „das Souper ist immer das Gemütlichste ... „Ich kann wahrhaftig nicht, ich habe solche Kopfschmerzen . „Dann natürlich," sagte der Präsident verbindlich, „schade, sehr schade! Lassen Sie mich Ihnen nochmals danken, Herr Geheimrät, es war wirklich ebenso schön wie interessant!" Und dabei schüttelte er dem Geheimrat kräftig die Hände und verabschiedete sich mit einem Handkuß von der Gnädigsten. Schweigend stiegen Herr und Frau Geheimrat die Treppen hinunter. Er dachte wohl daran, daß das „Vollmenschentüm" und der „Wille zur Macht der Persönlichkeit" manchmal recht brutale Stöße, erhalten durch konträre physische Einwirkungen, — sie wahrscheinlich desto weniger philosophisch-abstrakt : „Wie mich diese Frau Professor Weber und Frau Pastor Hetlmut angeschaut „haben! Am liebsten hätten sie wohl in den Saal geschrien: Die Geheimrats sind ja eigentlich auch Juden. Die paar Jahre, die sie" getauft sind! . . . ." Sie vermieden es, sich anzublicken. Sie wußten ja, daß sich ihre Gedanken in einem Punkte trafen. Schweigend stiegen sie in den Wagen, der sie vor dem Portal erwartete, und fuhren nach Hause, in die Villa „Kalliope" ... B'li Schern. Aus meinem Notizbuch — Jehuda Steinberg. — Nichts als Plag* und Mühe währendeines vierzigjährigen „Lebens". Hebräischer Lehrer in einem kleinen Städtchen in'Bessarabien, in der Nähe der rumänischen Grenze. Das fieinesche Wort vom Dreielend des „armen, kranken Juden" ist nichts gegen diese Kombination: Jude, Lehrer, hebräischer Lehrer, in einem Mauseloch in Rußland, in der Nähe Rumäniens, arm und krank. Eine solche Fülle von Leid und-Pein konnte kein Dichter erfinden. Das Leben überflügelt die dichterische Phantasie. So etwas kann man nicht erdichten, sondern als Dichter erleben. Ein solcher Dichter war Jehuda Steinberg. Ich war vielleicht der erste, dem dieser treffliche Schriftsteller vor etwa 12 bis 15 Jahren seine Manuskripte zugesandt hat. Sein Hebräisch klang damals noch nicht so hell und rein, aber ich erkannte den kommenden Meister. Es war die weiße Blüte des Talents. . . . Dieses Talent wuchs und wuchs, denn Jehuda Steinberg war kein Lufthebraist und kein Glücksgenie, — er arbeitete schwer und lange. Man merkte es an seinen Aufsätzen, Feuilletons und kleinen Skizzen, daß er an den großen und alten Quellen schöpfte. Das Schönste an Stein bergs Schöpfungen ist die edle, künstlerische Form eines modernen Hebräisch, das zugleich auch sehr korrekt war. Er war nicht, einer derjenigen, die an der Pforte raunend stehen bleiben und nur durch die Spalten die Kleinode schauen. Er war einer der wenigen, die in das Innere hineindrangen, — die auch unangemeldet hineindringen können. Er war einer der treuesten Diener, die in unserer Literatur arbeiteten, und doch, ich möchte ausrufen: Hoi, odon! Kennt ihr unsere altjüdische Legende vom „Herrn und Diener?" Einstmals — so erzählt die Sage, war der Sohn des R- Jochanan ben Sakkai schwer erkrankt, und dieser bat den Chanrna, er solle sein Gebet zu Gott emporsenden, daß der Kranke genesen möge. R. Chanina "tat seinen Kopf zu den Füßen des Kranken und betete heiß und innig, und der Kranke genas. Da sprach R. Jochanan: „Hätte ich meinen Kopf auch in die Erde getan, es hätte nichts-" genützt." Da meinte sein Weib: So ist R. Chanina hervorragender als R. Jochanan?" „Laß dir sagen," — erwiderte ihr R. Jochanan, „und merke dir: R. Chanina gleicht dem Diener eines Königs; wie dieser keiner besonderen Erlaubnis bedarf, um vor seinen Herrn zu treten, so ist auch R. Chanina ein Diener Gottes und tritt vor ihn, so oft es ihm beliebt. Ich aber bin wie ein Minister, der nicht jeden Augenblick vor seinen König tritt, wie ein Diener es tut. Deshalb habe ich R. Chanina angegangen, für mich zu beten." So war Jehuda Steinberg schon in den ersten Jahren. Er bereicherte sein Wissen; sein Geschmack verfeinerte sich, seine Arbeit gewann immer mehr Inhalt Er schrieb auch jidisch, — mit derselben Herzlichkeit, aber sein eigentliches Gebiet blieb das Hebräische. In eine jüdische Märchenwelt versunken — und der Geist sternenhell, streute er viele schöne Perlen aus. Von Armut und Unglück war das Leben Jehuda Steinbergs verklärt. Als der Pogromsturm über Kischinew kam, lebte er noch in Leowo. Ich sah ihn kurz darauf, und er erzählte mir, wie er ein Jahr lang jede Nacht unter seinem Kopfkissen eine eiserne Hacke — ein Selbstwehrinstrument — versteckt hielt. Er wurde noch ärmer, und. ein physisches Leiden, das vielleicht eine Folge des Hungerns war, fraß ihm tief ins Mark. Eine unheilbare Krankheit brachte diesem edlen und begabten Menschen einen qualvoll müden Tod. Er hinterläßt Frau und Kinder ganz unbemittelt. Die gewöhnliche Tragödie eines hebräischen Schriftstellers. , S. Berschadski. Der zweite Verlust, den die hebräische Literatur erlitten hat ist der Tod des hochbegabten jungen Novellisten und Publizisten Berschadski. Es ist schwer, abzuwiegen, welcher von den beiden höher stand, und folglich, welcher Verlust größer ist Die hebräische Form Steinbergs war intimer, sein