Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Wortschatz unmittelbarer, seine jüdisch-literarische Ausbildung vielseitiger als die Berschadskis. Letzterer war — im Geiste der obenerwähnten Sage — der Jochanan, der sich anmelden muß. Aber Berschadski war gründlicher, reifer und sowohl in seiner Vorbereitung wie auch in seinem belletristischen Scharfen organisierter als Steinberg. Er war noch sehr jung, als er seine ersten „Romane" geschrieben hat. In den Kreisen kulturarmer und anspruchsloser Leser und kleiner Schriftsteller erschauerte man vor Staunen: Romane — ganz modern — aktuelle Tagesfragen — eine Sprache, frei von dem sogenannten Musikstil und Reliquienkram. Das war ein Begeisterungsdusel. „B'ein Matoro" Berschadski's war noch kein Roman. Es war kaum eine Novelle. Die aktuellen Tagesfragen waren noch nicht gestaltungsreif, weil gärend, und mit der Befreiung aus den Banden der Tradition hatte es auch ein eigenes Bewenden. Man hat aufgehört, den Bibel-Musikstil zu schreiben, um eine andere. Phraseologie, die ganz fremd war, anzunehmen. Aber eins war sicher: Berschadski tritt schon in jenen ersten Novelletten, die er als Jüngling geschrieben hat, als-ein feiner Psycholog auf. Zum Erzähler, zum geschickten und angenehmen Feuilletonisten er gehörte der Redaktion des „Hazman" an — hat er sich erst im Laufe der Zeit ausgebildet. Berschadskis Stil schimmerte nicht, und seine Worte flammten nicht. Sein Stil war in der ersten Zeit knapp, hart und streng, von russischem Einfluß nicht frei. Mit der Zeit wurde dieser Stil reicher und leichter, aber die Sprache gewann keine Musik und keine ästhetische Anmut. B. betrachtete besser, als er malte, — und er hatte eine ganz eigentümliche Art des Betrachtens. Ich hatte manchmal den Eindruck, daß sich B. in die Seelen seiner Helden förmlich hineinbohrt, — oder daß er ängstlich sorgend herumlugt und in die Leere hineinschaut, um etwas herauszulesen. Er las auch'so manches heraus. . Natürlich ist ein Teil von dem, was er geschrieben hat, — ohne großen Wert, aber er hat auch leuchtende Schätze großer Begabung über die hebräisch Lesenden niedergeschüttet. Ich weiß nicht viel von seinem Leben. Es wird wohl etwas .übertrieben sein, wenn man phrasenhaft in pathetischer Aufwallung Berschadski zusammen mit Steinberg als Hungeropfer hinstellt Es läßt sich in dieser Richtung leicht schreiben und reden; der Groll, der gerechte Groll gegen ein gleichgültiges Volk macht sich in dieser Weise Luft, obwohl all' diese Strafpredigten schon tausendmal gehört worden sind, wobei die Lage noch schlimmer geworden ist, als sie war. Es heißt auch: die hebräische Literatur kann ihre Träger nicht ernähren. „Jargonisten" führten diesen Umstand als Beweis an, daß das Hebräische „sich überlebt hat". Zum Unglück haben aber Steinberg und Berschadski auch Jargon geschrieben. . . Also man kann vor Hunger sterben, auch wenn man Jargon schreibt. Und Jargon ist ja „die lebendige Sprache der Masse"! Gewiß ertrug auch B., wie viele von uns, manche Unbill eines harten Geschicks. Aber die Not dieses j'ungen, leistungsfähigen und alleinstehenden Mannes war nicht so groß, um ihn frühzeitig dem Grabe zuzuführen. Eine bösartige Lungenkrankheit hat den j'ungen Organismus besiegt. Also — entweder vor Hunger sterben, oder — einer Krankheit erliegen, oder auf anderen Gebieten arbeiten. Streuen wir himmelblaue jüdische Blumen auf die Gräber dieser beiden Trefflichen! Ein Schrecken erfaßt uns beim Anblick der frischen Gräber, — sinken wir alle in ewige Nacht mit unserem Schrifttum, mit unserem Heiligsten und Teuersten? Nichts kann betrübender sein als diese „Plage der Erstgeborenen", das Hinsterben des Nachwuchses, eine wahre „Makkas Bechoroth". . . Man darf nicht verzweifeln! Eine Konferenz für Jiddisch. Es heißt, eine Gruppe jiddischer Schriftsteller in New York beabsichtige, eine Konferenz wegen einer Festsetzung grammatischer Regeln für die jiddische Sprache einzuberufen. Als Versammlungsort soll Czernowitz in der Bukowina, ausersehen worden sein. An sich könnte eine ordnende Kollektivkraft im Chaos des Jiddisch mit Sympathie begrüßt werden, aber die Idee ist wirklich zu phantastisch. Die Schriftsteller von New York werden in Czernowitz Gesetze schmieden, — wird sich jemand nach diesen Gesetzen richten? In Rußland wird das Jiddisch vom Russischen, in Polen vom Polnischen, in England und Amerika vom Englischen beeinflußt, Wortschatz und Grammatik zugleich. Wie kann es denn anders sein? Ist eine Isolierung denkbar? Und eine Zentralisation etwa mit einer Akademie? Träume, Träume— Semper aliquid haeret Bei der Polemik mit dem jüdischen Deputiertenpaar wurde in diesen Aufzeichnungen gesagt: Man überschätzt den Wert der Verteidigungsreden; man vergißt, daß die anderen noch mehr reden können. — Jeder Tag bestätigt diese Wahrheit Das Oktobristenorgan „Golos Moskwy" betreibt das . Handwerk des Judenschimpfens mit der Beflissenheit eines Haman Hamanorum gerade auf dem Punkte der Aushebungsfrage, bei der Nisselowitz so recht hatte. Tatsächlich entziehen sich die Juden Rußlands dem Militärdienste nicht sondern im Gegenteil, sie siellen ein zu hohes Kontingent; es wird von ihnen mehr verlangt, die Matrikel sind ganz wirr usw. Vor mir steht wie lebendig der alte, kluge Hirschel Rabinowicz, wie er seine „Statist. Etiudy" über diese Frage schrieb. Ich sah ihn damals oft in Petersburg, und er war sicher, die Anklage des Sichentziehens der Juden von der Militärpflicht durch dieses Buch einfürallernal aus der Welt zu schaffen. „Unser Freund", der Minister der Volksaufklärung, Deljanow, der damals, bevor er Graf geworden ist als liberal galt, versprach, die Arbeit Alexander III. vorzulegen. Nichts ist daraus geworden. Hirschel Rabinowicz hat das persönliche Ehrenbürgerrecht bekommen und nach seiner Art Witze darüber gemacht. Jetzt kämpft Nisselowitz mit diesen Waffen, aber er hat ebensowenig Erfolg beim „Golos Moskwy", wie Hirschel unter Alexander III Jeder Jude vergißt daß er mit einem Gegner zu tun hat der, wenn er irgendetwas als unbestreitbar akzeptiert hat, nie davon abgehen wird. Jeder Jude hat einen Hang zum Grübeln, Sezieren Zergliedern, Aufstöbern, aber der Durchschnittsrusse hat eine. Summe von Vorstellungen und Dogmen, an denen er nicht rütteln läßt Hat er sich einmal an die Phrase gewöhnt der Jude entziehe sich dem Militärdienste, so kann man noch so viele Kalkulationen, Ziffern und Tabellen machen, — er bleibt bei dem seinigen. Wozu sollte er sich den Kopf zerbrechen, wenn ss seinem Geschmacke und seinen Interessen besser paßt bei seiner „Ansicht" zu bleiben? Der Prozentrechner. Ich sah ihn einigemal in W-, wo er Kurator des dortigen Lehrbezirkes war. Ein hoher, steifer, ernst dreinschauender Mann germanischer Abstammung und so echt russisch, wie kaum ein Russe, pflegte er, so oft man ihn um eine humane Berücksichtigung, um eine Ausnahme für einen jüdischen Schüler oder Studenten gebeten hat, darauf hinzuweisen, daß er nichts tun könne, da „alles vom Ministerium in Petersburg abhängig sei." Nun -ist dieser große steife Mann Minister der Volksaufklärung geworden, und seine Hauptsorge besteht darin, die prozentuale Norm strikte einzuhalten. Ein Mathematiker für Prozente! Mit dem Rechenstift in der Hand sitzt er und rechnet: 100 Russen — also in Moskau 3 Juden, in Charkow 5 usw. Es kommen auch Brüche dabei heraus. Hat das Ministerium der Volksaufklärung in einem Lande, wo die Aufklärung so hoch steht wie in Rußland wichtigere Sorgen? „Sechsundsechzig Helden" nennt ein wohlmeinendes Blatt, die jüdischen Wähler in Brody, die für Herrn Dr. Braude stimmten. Ich würde für Herrn Dr. Braude nicht nur selbst stimmen, sondern auch agitieren, und ichkann sehr-gut begreifen, welchen Schikanen zionistische Wähler sich seitens gewisser Kreise fanatischer Polen aussetzen usw. Aber mit der Bezeichnung „Helden" sollte man nicht so leichtsinnig herumschleudem, denn unwillkürlich verfällt