Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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: &LE3§gELT : 10 : Es ist eine gefährliche Agitation, die hinter dem Rücken der Regierung zwischen der schwarzen Demagogie und den „Sphären" getrieben wird. Im Jahre 1883, während des Ignatiewschen Regimes, nach der Pogromserie, die mit Balta begann und in Nishni-Nowgorod zum Nö. 12 (vorläufigen-) Abschluß gekommen ist war nur ein einziger Fall einer Begnadigung : Zwei minderjährige Plünderer aus Jelissawetgrad sind nach ihrer Verurteilung infolge eines Gesuches freigesprochen worden. In diesem. Jahre sind die Banden in zweiunddreißig Orten begnadigt worden! FEUILLETON DIE MACHT DER PERSÖISTLICHKEIT Der Geheime Hof rat (und Wirkliche vortragende Rat im Unterrichtsministerium) Professor Sommer war der Redner des dritten intimen Vortragsabends, den der „Verein zur Förderung künstlerischer Kultur" . veranstaltete. Es war, wie es in der Terminologie der Vereinsberichte lautet, „ein äußerst zahlreiches und distinguiertes Publikum, das den geistreichen Ausführungen des bekannten Vorkämpfers für individuelle und Volkskultur mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte. Man sah ..." Doch ich bin kein Tagesreporter und habe Muße, die Sache ausführlicher zu erzählen. Da muß ich denn zuerst berichten, daß der Geheime Hofrat wirklich geistreich sprach — trotz einem Reporter. Die besondere Feierlichkeit seiner Stilistik erzeugte in dem intim-vornehmen Raum die Atmosphäre der gewissen stillen Getragenheit. Und der Redner, Wort für Wort behutsam und zärtlich wählend, wie man kostbare Juwelen mit sorgsamen Fingern dem Etui entnimmt, tränkte sich selbst immer von neuen mit der Weihe, die er um sich herum fühlte. Und so zog er seine feinen Gedanken wie Perlen an einer Schnur auf. Von der Macht der Persönlichkeit sprach er: Wie sich durch zahllose Lustren und viele Geschlechter flüchtige psychische Energien sammeln, um sich in den Großen, den Heroen, den Heiligen, den Künstlern in unerhörter, wunderbarer Weise zu sammeln. Und wie dann diese gewaltige konzentrierte Seelenkraft wieder, ausstrahlend von den Großen, tausendfach in Tausenden Seelen sich breche und die flüchtig gewordene wieder sich zu den heuen Wundern der genialen Persönlichkeit verdichte. Jedes Individuum sei so gleichzeitig ein Beet und eine Stufe für die großen Menschen. Und je höher Erkenntnis und Reife des Individuums für diese zwiefache Funktion, um so reicher sei die wirkende Kraft der Persönlichkeit, die Kulturkraft des einzelnen, um so voller und tiefer die Macht des aus den vielen erzeugten Genies, das dann über Zeit und Raum hindurch wirke: „Allüberall umschweben ihre Schatten uns, Schönheit im Blick und gütiges Wort im Munde" . . . Und dann sprach er von den Größten, den morgenländischen Propheten und Religionsverkündern, von Sokrates und Plato, von Cäsar und Giordano Bruno, von Shakespeare und Goethe, von Napoleon und von Spinoza und Kant, Wort für Wort, Pointe für Pointe wägend, um zu schließen mit der ethischen Forderung an den Kulturmenschen zur Förderung seines Ich, zur Durchbildung des Persönlichen, des Vollmenschentums im Individuum. Der Hofrät hatte geschlossen, und mit einem verbindlichen Lächeln, das im Augenblick von seinem durchgeistigten, bartlosen Gesicht die feierliche Ernsthaftigkeit der' letzten Stunde nahm, danWte er für den Beifall, der gedämpft von gesellschaftlich erzogenen Händen gespendet wurde. Und mit demselben Lächeln wandte er sich seiner schönen, eleganten Frau zu, die an seiner Seite saß. Man sah, er war mit sich zufrieden, es war ihm. gelungen, zu sagen, was er sagen wollte. Der Vereinsvorsitzende eröffnete nach dem üblichen Dank die Diskussion. Aus dem Kreise der Professoren, Akademiker, Fabrikanten, Bankiers und Großkaufleute, die das Publikum bildeten, meldete sich zunächst ein Architekt. Das ganze Unglück unserer Zeitj sagte er, seien die Großstädte. Die Gartenstadt (deren Apostel er war), meinte er, - würde wieder Konzentrierung des Menschen auf sich, Ruhe und Schönheit bringen. Und dann lief er immer weiter weg vom Thema' und sprach statt über die Genies, über den modernen Baustil. Beifall. Der Geheimrat lächelt verbindlich .... Ein Hochbau-Ingenieur entgegnete ihm, daß die Großstadt unentbehrlich sei für den modernen Menschen,. und sprach dann in kühnem Gedankenschwunge vom Thema_ fortstürmend über Unterseebote und über die neue Ära des lenkbaren Luftschiffes. Beifall. Der Geheimrat lächelte verbindlich. Es erhob sich sodann ein langer, blasser Herr mit unsagbar spitzem Knebelbart und, lies eine erhitzte Rede gegen die „Leichenvertilger" los: Der Vegetarianismus allein müsse das nächste Programm aller zivilisierten Völker sein. Beifall . . . Der Geheimrat lächelt verbindlich . . . Ein Fabrikant meldet sich zum Wort. Er knüpft, wie er sagt, an den Vorredner an und schimpft in saftigstem Berliner Skat-Jargon über die Ramsch-Bazare und Warenhäuser, die die Sittlichkeit des Gewerbes zerstören und den Ungeschmack züchten. Beifall und verbindliches Lächeln des Geheimrats . . . Ein Student meldet sich, sein kindliches, vollbackiges Gesicht, das ein Schmiß seltsam putzig macht, nimmt den verzweifelt-ernsten Ausdruck einer unerhörten Draufgängerei an, die er im Busen nicht mehr zurückhalten kann. Und er sprudelt einige das syntaktische Gehege wild durchbrechende Sätze hervor: Subjekt, Prädikat, Relativwort muß wechselweise das Wort „Juden" vertreten. „Die Juden haben uns . . wenn wir die reine germanische Sittlichkeit erhalten wollen, dann müssen wir vor allem die „Juden" . . ., denn die Juden sind, an allem schuld." Lebhafter Beifall lohnt den jungen Enthusiasten, ein Beifall, der sogar kräftiger und ehrlicher klingt als der, den der Vortragende selbst hatte „verzeichnen" können. Ein junger Mann in einer Ecke ruft: „Das ist eine Gemeinheit! Das soll ein Kulturabend sein!" und verläßt den Saal. Lachend oder neugierig blicken die Anwesenden dem abziehenden jüdischen Studenten nach. Ein junger, jüdischer Mann