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Die Welt · 1908-03-20 · 12 (20.3.1908) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Hoffnung und frischem Mut auf den fernen Westen gerichtet haben, wo sie unter der freiheitlichen und menschenfreundlichen Verwaltung der Britischen Regierung ihr Leben leben und die Früchte ihrer Arbeit in Frieden zu verzehren hoffen. Trotz all den Verfolgungen und der Mühsal, die sie erduldet haben, sind sie körperlich ungebrochen und bestätigen in ihrem frischen Aussehen den Ausspruch des Schiffsarztes, daß Rumäniens Verlust Kanadas Gewinn sein werde. In diesem letzten Auswanderertrupp befanden sich besonders große Familien; die Durchschnittsstärke der Familien betrug acht Seelen. Ein Jude war darunter, der sechzehn Kinder sein eigen nannte, von denen sechs Söhne bereits in Kanada angesiedelt wären. Für die nächsten Tagen wird ein weiterer Trupp rumänischer Juden erwartet, der 300 Köpfe stark sein wird, und ihm sollen später noch 500 folgen. Das theologische Seminar Die jüdische Gemeinde Londons war einige Wochen in Aufregung wegen der Lage ihres theologischen Seminars, das als Jews' College bekannt ist. Die erste Ursache der Erregung war das Bekanntwerden der Tatsache, daß die besten Studenten des Colleges, auf deren Erziehung und Unterhalt so große Kosten verwandt werden, nach Beendigung ihres Studiums sich weigern, die Rabbinatslaufbahn zu beschreiten oder jüdsche Lehrer zu werden, sondern sich vielmehr weltlichen Berufen, zuwenden. Dazu kam die Erkenntnis, daß diejenigen Studenten, die ihrer ursprünglichen Laufbahn treu geblieben waren, sich als immer weniger geeignet für ihr Amt entpuppten. Allgemein neigte man daher der Ansicht zu, daß die Leitung des Instituts reformiert werden müsse. Die Gelegenheit ergab sich, als der bisherige Leiter, Dr. Michael Friedländer, der ungefähr 40 Jahre dem College vorgestanden hat, sein Amt wegen seines hohen Alters und seines geschwächten Körpers niederlegte. Sein Nachfolger wurde Dr. Adolf Büchler vom Wiener Seminar, der ursprünglich als Direktorialassistent in Aussicht genommen war. Indessen waren die Kritiker des Colleges mit dieser Reorganisation der Leitung allein nicht zufrieden. Die United Synagogues, eine Körperschaft, die aus Vertretern aller bedeutenderen Synagogen Londons besteht, hatten bisher dem College jährlich eine Subvention von £ 200 gezahlt. In diesem Jahre aber wurde die Bewilligung dieser Summe so lange ausgesetzt, als der Bericht eines besonderen Komitees ausstand, der von den United Synagogues eingesetzt worden war, um den Zustand des Colleges zu untersuchen. Der Bericht dieser Kommission, die ihren Arbeiten unter dem Vorsitz des bekannten Advokaten Albert M. Jessel mit großer Gründlichkeit nachgekommen war, verlangte die Abschaffung der Vorbereitungsklassen, zu der bisher Knaben im Alter von dreizehn Jahren zugelassen wurden, um auf den Besuch der Londoner Universität vorbereitet zu werden. Diese Verbindung von Elementarklassen mit solchen, in denen Universitätsunterricht erteilt wurde, in einer Anstalt, wurde schon lange unangenehm empfunden. Es ist klar, daß ein Barmitzwahknabe unmöglich garantieren kann, was seine religiösen Anschauungen zehn Jahre später sein werden. Nun besteht die Absicht diesen Fremdkörper, wie es namhafte Kritiker schon lange verlangt haben, aus dem Gebilde des Colleges zu entfernen, und man darf hoffen, daß die Zukunft des Seminars sich freundlicher und auch nutzbringender gestalten wird. Russischer Brief (Von unserem Korrespondenten) Aus der zionistischen Bewegung Ende Februar fand in einer der Städte der westlichen Gouvernements die zionistische Konferenz des Minsker Gouvernements statt, an der sich die Delegierten des Gouvernements und Gäste, unter diesen auch der Lehrer in der Kolonie Rischon-le Zion, Herr Witkin, beteiligten. Als Präsident der Konferenz fungierte eines der Mitglieder des Zentralkomitees. Die Konferenz hat folgende Resolution angenommen: 1. In Organisationsfragen: Die Konferenz beschloß, vier Rayonskomitees zu gründen, um die Arbeit intensiver und produktiver zu gestalten. 2. Die Organisation der Kreise: Die Lokalkomitees sind unverzüglich zur. Organisation zionistischer Kreise verpflichtet. Angesichts der. jetzt herrschenden Verhältnisse dürfen diese Kreise nur eine beschränkte Zahl Mitglieder umfassen. Jeder Kreis sendet in das Stadtkomitee je einen Vertreter. Auf diese Weise besteht nunmehr das Stadtkomitee aus Vertretern der Schekelzahler und derjenigen der Kreise. - 3. Die Finanzinstitutionen: a) allgemeiner und russischer Parteifonds, b) Nationalfonds, c) die Bank, . d)- das Odessaer Komitee, e) der Schekel. 4. Bei jedem Rayonkomitee und großen Zentrum wird ein Korrespondent angestellt, der die Korrespondenz mit Odessa und Jaffa führen soll. 5. Über die Presse: a) Die Konferenz erachtet es für notwendig, eine billige Tageszeitung mit zionistischer Chronik herauszugeben. 6. Über Iwriah: Jedes Stadtkomitee ist verpflichtet, eine Abteilung der „Chowewe sfat Eiwer" zu gründen, um das Programm der „Iwriah" im Leben zu realisieren. 7. Ober die nationale Arbeit: Die Konferenz meint, daß die aktive Teilnahme an allen jüdischen philanthrophischen und Erziehungsinstitutionen der Diaspora zu den direkten Pflichten eines jeden Zionisten gehört, und fordert alle Genossen des Gouvernements zur intensiven Arbeit in solchen Institutionen auf. Außerdem beschloß das Komitee, eine Abteilung des Emigrationskomitees und der „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung" zu gründen. Aus der Emigrationsbewegung In den nächsten Tagen erscheint der Jahresbericht der Minsker Jüdischen Emigrationsgesellschaft, aus der wir einige interessante Daten anführen wollen, die sich auf 10 Monate des vergangenen Jahres beziehen. Vom 1. März 1907 bis zum 1. Januar 1908 beabsichtigten 1881 Personen, unter diesen 669 Männer, 532 Frauen und 680 Kinder, nach Amerika zu emigrieren. Nach ihrem Alter lassen sie sich folgendermaßen einteilen: 1041 Personen von 15 bis 45 Jahren, über 45 Jahre — 160 Personen. In der allgemeinen Zahl der Erwachsenen machen die Männer 55 "/o und die Frauen 45 °/o der Gesamtzahl aus. Das überwiegende Element der Auswanderer bildeten Handwerker und Kleinhändler; die Zahl der Handwerker betrug 456, die der Kleinhändler 140. Die anderen Emigranten sind Lehrer der hebräischen Sprache, Schuljugend und Leute von unbestimmter Beschäftigung. Den Emigrationsort bilden: New York für 606 Personen, andere Städte der Vereinigten Staaten für 229; nach Kanada und Argentinien 46, nach Palästina 35. Angesichts dessen, daß die Mehrheit der Emigranten aus den kleinen Städtchen kommen, organisierte das Bureau in 59 Städtchen des Minsker Gouvernements sogenannte Filialabteilungen, in denen die Emigranten die nötigen Informationen und Ratschläge bekommen. Das Bureau organisierte einige Vorlesungen, um die künftigen Emigranten mit der Lage der Juden in Amerika bekannt zu machen. Die Interministerielle Kommission übergab dem Handelsministerium das Gesetzprojekt über Emigration mit der Motivierung, daß eine vollständige Freiheit der Emigration nach ihrer Meinung unzulässig ist, und daß das Gesetzprojekt in diesem Sinne verbessert werden muß. Der Verlag „Zionistische Kopeken-Bibliothek" hat während 7 Monaten 9 Broschüren in der Zahl von 200 000 Exemplaren erscheinen lassen. In den letzten Tagen hat der Verlag die zweite Auflage der Broschüre von Rabinowitz „Far wos Erez-Israel"? (30000 Exemp.) veröffentlicht Die Organisation der Begnadigungen Die früher vereinzelten Fälle der Begnadigung von Pogromanstiftern sind allmählich zu einem System ausgewachsen. Die Vereine der Echtrussen führen ein förmliches Konto über die begnadigten und noch nicht begnadigten Mörder und Plünderer. „Alle müssen begnadigt werden!" — das ist die Parole. Wo die Verurteilten selbst, oder die Gerichte, oder die lokalen Echtrussenvereine es nicht wagen, mit Begnadigungsgesuchen an die Krone heranzutreten, gibt die Zentralorganisation die Anregung dazu oder unternimmt es auf eigene Faust. Jetzt dürfte es schon klar sein, daß es sich nicht um einen Barmherzigkeitsakt für einzelne Personen, sondern um eine- Legalisierung des Pogroms in den Augen der Bevölkerung handelt

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