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Die Welt · 1908-03-20 · 12 (20.3.1908) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE3^ die Wahlreform des galizischen Landtags ausschauen wird, darüber belehrte uns wohl zur Genüge die Durchführung der Wahlen, für die selbstredend die polnischen Parteien verantwortlich sind, da der behördliche Apparat in den Händen der Polen ist. Wie die polnischen Behörden der Schlachta gehorchend ihre Pflichten dem wählenden Volke gegenüber auffassen, davon erzählte der ruthenische Abgeordnete Romanczuk in seiner Rede im Budgetausschuß manches lehrreiche. Er sagte: Die galizische Verwaltung führte die Wahlen ganz nach ihrem Willen durch. In den Mitteln, die sie dabei anwende, sei sie nicht wählerisch. Redner schildert die gesetzwidrigen Mittel, die bei der Verfassung der Wählerlisten zur Anwendung kamen. Die Listen wurden in zahlreichen Fällen nicht zur Einsicht aufgelegt, Reklamationen in der Regel nicht berücksichtigt. In solchen Gemeinden, wo man glaubte, daß der Regierung gefügige Wahlmänner würden gewählt werden, ließ man mehr Wahlmänner wählen, als der Bevölkerungszahl entsprach, im umgekehrten Falle weniger. Hunderte von Wählern wurden zur Wahlmännerwahl nicht zugelassen. Wahlmännerwahlen wurden mitunter plötzlich in einem anderen Lokale duichgeführt, als in demjenigen, in welchem die Wähler, und selbst die anläßlich der Wahl hingestellten Gendarmen warteten. In anderen Fällen wurden die Wahlen an einem früheren Tage vorgenommen als an demjenigen, für den sie ausgeschrieben waren. In einer Gemeinde waren die Wahlen für 9 Uhr anberaumt; die Leute fanden sich bereits um halb 9 Uhr ein. Der Wahlkommissär aber,. der schon um 7 Uhr erschienen war, erklärte, die Wahl sei bereits geschlossen. Auf die Beschwerde der Wähler, es sei ja noch nicht 9 Uhr, zog er seine Uhr und sagte: „Bei mir ist es schon 11 Uhr." (Heiterkeit.) Redner bespricht weitere Fälle von Fälschungen des Wahlresultats. Zeigt sich ein Gemeindevorsteher in Wahlangelegenheiten nicht gefügig, so findet man in der Gemeindeverwaltung etwas nicht in Ordnung und der Gemeindevorsteher wird suspendiert. Redner richtet schließlich an den Minister des Innern die Anfrage, ob demselben das Vorgehen der galizischen Landesbehörden anläßlich der letzten Landtagswahlen bekannt sei, und was er vorzukehren gedenke, um diejenigen, welche sich Gesetzesübertretungen haben zu Schulden kommen lassen, zur Verantwortung "zu ziehen, und in Zukunft derartige Gesetzesübertretungen unmöglich zu machen. Angesichts dieser alle Grundsätze des Verfassungslebens verhöhnenden Willkürherrschaft, die dort, wo es sich um dieschwächsten, 4. h. um die Juden handelt umso rücksichtsloser wütet, wird die Niederlage der "Jüdischen Nationalpartei bei den Landtagswahlen wohl verständlich. Die Orthodoxie in der Jüdischen Nationalpartei Die politische Organisation des jüdischen Bürgertums wird der mit Naturnotwendigkeit heranreifenden Auseinandersetzung zwischen jung und alt, zwischen orthodox-religiös und freisinnig nicht entgehen. Seit langem schon verlangen die strenggläubigen Elemente der Nationalpartei eine größere Einflußnahme auf die Führung. Die radikalen Gebärden der jüngeren Parteigänger, die bis nun den größten Einfluß auf die Entwicklung der Partei besaßen, behagen den religiösen Bürgern nicht, die die Majorität der Wählerschaft hinter sich glauben. Auch die Jüdische Nationalpartei steht vor einem „Kultur"kampf. Die verbrauchten Argumente werden ins Treffen geführt; die verrosteten Waffen aus den uralten Rüstkammern werden geholt. Hie — Klagen über das verletzte religiöse Gefühl, über das Draufgängerische der Jungen; da — Kassandrarufe über die Gefahr derKlerikalisierung, der Unterordnung nationaleflnteressen unter religiöse Rücksichten. Das sonderbare dieses unausbleiblichen Kampfes ist seine von vornherein feststehende Ergebnislosigkeit Zu ernstlichen Weiterungen, Spaltungen kann es nicht kommen. Beide Gegner sind aufeinander angewiesen und werden willig oder verdrossen zusammenhalten. Die Gefahr entsteht nur dann, wenn der „Kulturkampf" in einen Kampf gegen die Kultur und für die Kulturlosigkeit ausartet. Christlichsoziale in der Bukowina Die häufigen Reisen des Ministers Geßmann nach der Bukowina waren zwar keine Argonautenfahrten, aber nicht ganz ergebnislos. Am 1. März hielt der „Deutsche Volksverein", dessen Leiter Dr. Wiedmann ist, eine Versammlung ab, in der der Anschluß an die christlich-soziale Partei beschlossen wurde. So „rächt" sich Dr. Wiedemann an den Juden, die ihn bei den Landtagswahlen fallen ließen. Märzfeier der zionistischen Studentenschaft in Wien Freitag den 13. März, dem 60. Jahrestag der Märzrevolution in Wien, versammelten sich (trotz der bedeutenden Entfernung des Zentralfriedhofs und des ungünstigen Wetters) mehr als 200 Studenten [ELT ' No. 12 und begaben sich im Zug zum Massengrab auf der katholischen Abteilung, wo sie einen Kranz mit blauweißen Schleifen, mit der Aufschrift: „Die zionistische Studentenschaft den Freiheitskämpfern von 1848" (in deutscher und hebräischer Sprache) niederlegten. Dr. Buckermann hielt am Fuße des Obelisken eine Ansprache. Die zionistische Studentenschaft, meinte der Redner, hat die Ideale des Jahres 1848 — die Völkerbefreiung und Kampf gegen die Reaktion — übernommen. Wir ehren die Toten in unseren Farben und in unserer Sprache, v/eil in dieser Sprache zuerst das Wort gesprochen ward: „Du sollst nicht Sklave sein". Die zionistische Studentenschaft holt sich von diesem stillen Grab eine Losung für den Kampf des Lebens. Das Wort heißt: „Freiheit, freies Volk, ein freies Land". Hierauf begab sich der Zug zum Grabe Fischhofs, auf der. israelitischen Abteilung, wo med. Th. Kohn eine Ansprache hielt Der' Redner feierte Fischhof als denjenigen, der das erste freie Wort in Österreich gesprochen und die richtige Formel für die Befreiung der Völker gefunden hat — die nationale Autonomie. Die Konstituierung des Nationalvereins Der „Jüdische National verein" für Österreich hat sich nunmehr konstituiert. In den Ausschuß wurden gewählt: Dr. Lanzer zum Obmann, Dr. Kadisch, I. Obmann Stellvertreter, Abg. Dr. Gabel, II. Obmann Stellvertreter, Herr Leopold Sitz mann, Kassierer, Dr. Hugo Buckermann, Schriftführer. Ferner die Herren Boiko, Strauß, Dr, Margulies, Frisch und Hammer. Brief aus London The Herzl Society Der erste Schritt zur Gründung der Herzl Society ist bereits getan worden. Verflossenen Sonntag fand im Trocadero-Restaurant eine öffentliche Versammlung statt, an der ungefähr 50 bis 60 Personen teilnahmen. Diese Zahl ist natürlich noch nicht sehr ermutigend, wenn man auch in Betracht ziehen muß, daß das jüdische Bewußtsein hierzulande noch sehr wenig entwickelt ist, und sicher auch manche, die der Gründung des neuen Vereins sympathisch gegenüberstehen, an diesem Abend persönlich verhindert waren. Obgleich in den Einladungen deutlich gesagt worden war, daß der neue Verein absolut unabhängig sein solle, hatten doch manche Leute Angst daß der Verein lediglich eine neue Filiale der zionistischen Organisation darstellen solle. Anderseits fehlten auch viele hervorragende Zionisten, deren Verehrung Theodor Herzls ihre. Anwesenheit eigentlich hätte erwarten lassen. Die Diskussion wurde eröffnet von Reverend A. A. Green, der warm für die intensivere Pflege jüdischer Ideale, eintrat und bekannte, daß die Synagoge nicht mehr in der Lage sei, den jüdischen Gedanken wach zu halten. Mr. Israel Cohen bedauerte, daß der Name „Maccabaeans", der doch geboren worden sei von kampffrohen Verteidigern der jüdisch-nationalen Sache, von einem Klub usurpiert' sei, der zionistischem Geiste feindlich sei und seine Pforten nur mit Widerstreben und Mißtrauen Dr. Herzl geöffnet habe. Die bestehenden Organisationen der englischen Judenheit seien zu ängstlich in der Behandlung jüdischer Fragen. Es müßte Aufgabe der hier zu bildenden Herzl Society sein, sich zu einem solchen Zentrum der öffentlichen Meinung zu entwickeln, daß die offiziellen Körperschaften nicht unbeeinflußt davon bleiben könnten. Auch sei ein Bedürfnis für eine Vereinigung vorhanden, die in enger Verbindung mit jüdischem Leben und jüdischer Tätigkeit in den andern Ländern stehe, die allen jüdischen Geistesgrößen, woher sie auch kämen, gastliche Aufnahme im Lande bieten und allen Arbeitern im Dienste der jüdischen-Sache ihren Tribut zollen solle. Die Diskussion war noch sehr lebhaft, u. a. sprachen auch die Herren L. J. Greenberg und Joseph Cowen. Zum Schlüsse wurde eine Resolution angenommen, die die Gründung der Vereinigung zum Ausdruk bringt und die Wahl eines Ausschusses bestimmt, der einer demnächstigen Versammlung einen Statutenentwurf vorlegen soll. Rumänische Auswanderer Das Bild der rumänischen Auswanderung, das vor mehreren Monaten sich vor uns entrollte, kehrt plötzlich in neuer Auflage zu uns zurück. Mehr als hundert Juden haben jetzt eben wieder London passiert, das allmählich zu einem Hospiz auf dem Wege der rumänischen Judenauswanderungnach Kanada wird. Es waren wieder lauter gesunde, kräftige, intelligente Menschen, deren Lebensglück in ihrem Geburtslande vernichtet worden .ist und die nun ihre Blicke mit neuer

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