Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 12 DIEMKE LT Tasche, hier ist man wohltätig mit geschlossenem Beutel. Ich rede nicht von den Leuten, welche gewerbsmäßig Bettelbriefe für sich selbst, für die Drucklegung ihrer •Schriften etc. schreiben, sondern von jenen, welche für irgendein Institut betteln. Wie man in Europa irgendein Erwerbsgeschäft aufmacht, so begründet in Jerusalem oft irgend jemand, mag er dazu fähig und berufen sein oder nicht, einbeliebigesWohltätigkeitsinstitut, und zwar häufig ganz ohne Mittel oder mit ganz unzureichenden Mitteln. Alsdann geht — mit Hilfe des Kredites für Briefmarken, den alle europäischen Postämter in Jerusalem den als guten Schnorrern bekannten Juden gewähren, — eine Flut von Bettelbriefen für das Institut nach Europa, meistens mit dem Erfolge, daß sowohl für das Institut als für den Stifter etwas übrig bleibt, so daß er sich selbst mit Gehalt anstellen kann. Manche wollen übrigens für sich selbst nicht einmal pekuniären Vorteil haben, sondern handeln mit dem Bestreben, als Vorsteher eines Instituts größeres Ansehen zu erwerben. Jeder jüdische Besucher Jerusalems erhält von den jüdischen Wohltätigkeitsanstalten Einladungen zum Besuche der Anstalt, und es gilt als selbstverständlich, daß er bei dem Besuche sein Interesse nicht nur durch die Besichtigung, sondern auch durch eine Geldspende dartut. Erstaunt war ich übrigens, mit welchem Mangel an Gewissenhaftigkeit die Besucher regelmäßig der Anstalt ihre Zufriedenheit in dem ausgelegten Gastbuche bezeugten, obwohl die Besucher dazu gar keine Sachkenntnis hatten und die Anstalt auch durchaus nicht gut war. Landschaftliche Umgebung Man kann der Umgebung Jerusalems in bezug auf landschaftliche Schönheit nicht gerade ein Loblied singen, man kann aber auch nicht sagen, daß sie ganz ohne Reiz sei. Im Umkreise von 15 km befinden sich ungefähr 10 Orte, welche nach deutschen Begriffen lohnende Ausflugspunkte wären, meist Quellen oder Berghöhen mit Aussicht. Freilich führt der Weg dahin in der Regel durch Steinfelder, von denen die Sonne sengend zurückprallt. Im Frühjahr mag auch hier alles grün und schön sein; ich kann nur berichten, wie ich es im Juni und Juli gefunden habe. Einigermaßen erschwert werden übrigens die Ausflüge, wenigstens im Sommer, dadurch, daß man der Hitze wegen nicht vor 4 oder 5 Uhr nachmittags aufbrechen kann und dann bei der Kürze der Zeit einen Wagen oder ein Reittier benutzen muß, wenn man bei Tageslicht noch etwas sehen will. Was in Jerusalem täglich von neuem Entzücken hervorruft, das ist die Farbenpracht kurz nach Sonnenuntergang. Zuerst zeigt sich am Himmel ein geradezu überirdisch hell glänzender Lichtschein, der bald in ein fahles Gelb übergeht. In Deutschland sieht man gelegentlich* einen ähnlichen Farbenton am Himmel; dann flüchtet alles in die Häuser, denn ein schweres Gewitter ist im Anzüge. Hier, macht das düstere Gelb bald einem unbeschreiblich zarten japanischen Rosa Platz, und dieses wieder wird von einem glühenden Rot abgelöst. Wie von flüssigem Golde gekrönt, heben sich die Zinnen der Stadtmauer, in die Luft, und fem am Horizont ragt inmitten des feurigen Rots die scharfe Silhouette des Grabmals Samuels bei Rama empor. Ganz allmählich verblassen dann die Farben, und die Nacht sinkt hernieder. Jerusalemische Abende und Nächte! Was die Sonne am Tage versengt, erweckt die. Kühle des Abends zu neuem Leben. Das ist der große klimatische Vorzug, den Jerusalem seiner Höhenlage verdankt. Entzückend sind die Nächte, in denen der volle Mond am Himmel steht. Nie hätte ich geglaubt, daß unser Erdtrabant eine solche Flut von Licht herniedersenden kann, wie er es hier tut. Man kann dabei ohne Anstrengung lesen, und von den weißen Mauern der Häuser fällt das Licht beinahe grell zurück. Ein Spaziergang, den ich einst bei Vollmond bis. nachts um 3. Uhr an die Klagemauer, die in tiefer Einsamkeit dalag, und rings um die Stadtmauer gemacht habe, zählt zu dem Schönsten, was ich je erlebt habe. Die engen Jerusalemer Gäßchen mit ihren Straßenbogen, ihren Toren und bewachsenen Mauern waren von unbeschreiblicher Schönheit. Selbst der Schmutz und die Zeichen des Verfalls, die am Tage häßlich wirken, übten einen eigentümlichen zauberischen Reiz aus. Jeder Baum und jeder Stein schienen ihr Alltagskleid abgelegt zu haben und in neuer schöner Sprache zu reden. Wiener Brief (Von unserem Korrespondenten) Rudolf Nassau Rudolf Nassau ist' gestorben. Im Alter von 30 Jahren. Er hatte es im Leben nicht gern, sich selbst hervorzutun. Schweigend und zurückgezogen rang er auch mit dem Tode. Die wenigsten von uns, die wir das Glück hatten, uns seine Freunde nennen zu dürfen, wußten davon, daß Rudolf Nassau schwerkrank darniederliegt. Dann kam die herzzerreißende Nachricht.. . Unser Schmerz ist so innig, daß wir nur in den einfachsten Worten ihm Ausdruck geben können. Gibt es denn trostloseres, als ein Menschenleben, voll Kraft und Lebenslust, frühzeitig geknickt, niedergetreten zu sehen... Rudolf Nassau weihte seine Jugend und sein geistiges Können dem Zionismus. Die zionistische Bewegung in Mähren und Schlesien verdankt seiner hinreißenden Agitation ihr Entstehen. Ein stählerner Charakter, von unbeugsamem Stolz, von jedem Obermut und Eigensinn frei, ein vortrefflicher Kamerad, treuherzig und geradlinig, ein feuriges Temperament, voll unbändiger Kampfeslust — so wird Nassau im Andenken derer fortleben, die an ihm mit Liebe hingen. Er war. ein geborener Journalist, wuchtig, unwiderstehlich im Angriff, geistessprühend und von beißender batyre. Er war langjähriger Mitarbeiter dieser Zeitschrift und bis zum Jahre 1908 leitender Redakteur der „Jüdischen Zeitung". Schon vor einigen Jahren erkrankte er und ging nach Ägypten und Palästina zur Erholung. Nicht nur einmal bedauerte er im Freundeskreise, daß es ihm nicht vergönnt war, in Palästina zu bleiben. Die Schönheit des Friedhofs in Rischon-Lezion war sein Lieblingsthema bei der Schilderung seiner palästinensischen Reiseeindrücke. . - Vor wenigen Monaten zog er sich zurück, um seine Doktorprüfung zu. machen. Nach zehnjähriger aufreibender Arbeit wollte er sich eine Lebensposition sichern. Am 15. März trugen ihn seine treuen Jorianer und zahlreiche Freunde zu Grabe. Rudolf Nassau verdient der Vergessenheit, der so viele namenlose Helden der Gesinnung verfallen, entrissen zu werden. Der Gedanke, daß er nicht spurlos seinen Lebensweg gewandelt, daß er der Ewigkeit einen Strahl abgerungen, mochte seinen letzten Kampf verklärt haben. , . . „Galizische Wahlen" Sie sind im Laufe der Jahre eine europäische Berühmtheit" geworden und sichern dem Lande, wo die polnischen Schlachzizen ihre staatserhaltenden Grundsätze betätigen, aie ehrende Bezeichnung „Halbasien" für Jahre hinaus. Als im vorigen Jahre Björnstjerne Sjörnson den Polen Galiziens, richtiger den herrschenden Klassen des Pölentums vorgeworfen hat, daß sie, da sie selbst einer unterdrückten Nation angehören, brutale Unterdrückungspolitik gegenüber anderen Nationen treiben, da entrüsteten sich Sienkiwicz und Paderewski und versicherten feierlich, die Polen würden ällerort und allezeit für ajje demokratischen Freiheiten eintreten. Sie verlangen allgemeines Wahlrecht für den „Seijn* in Russisch-Polen. . Wie großmütig! Nun sie haben bereits einen in Galizien. Wie steht es hier mit der Demokratie der polnischen Schlachta? Wre