Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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6 Di EHIELT No. 12 Die Proselytin Als ich an einem Sonntag im Judenviertel photographierte, stand ein hübsches Judenmädchen von* 14 bis, 15 Jahren neben mir und machte mir Vorwürfe, daß ich am Sonntag Photographien aufnehme. Erstaunt erkläre ich ihr, daß ich nicht Christ, sondern Jude sei; im übrigen, was kümmere sie, die Jüdin, sich um die Heilighaltung des Sonntags? Darauf die Antwort, sie sei nicht Jüdin, sondern Christin. Noch größeres Erstaunen meinerseits, da das Mädchen ein typisch jüdisches Gesicht hatte. Endlich klärt sich die Sache dahin auf, daß sie von jüdischen Eltern stammt, aber getauft ist. Ist es nicht bezeichnend, wie diese junge Proselytin bereits zur Eiferin wird? Die Sprache Daß die Bedeutung des Hebräischen als Umgangssprache in Jerusalem (wie übrigens auch in den jüdischen Kolonien) in den letzten 10—15' Jahren erheblich zugenommen hat, daß insbesondere die Jugend sich mit besonderer Liebe des Hebräischen annimmt, darüber herrscht nur eine Meinung. In den Kolonien hört man die Kinder auf der Straße fast nur Hebräisch sprechen, und manche Eltern haben von ihren Kindern das Hebräische erlernt und sprechen es jetzt mit ihnen. In der Mehrzahl der Kolonien ist das Hebräische die Unterrichtssprache und zugleich die einzige Sprache, die in der Schule gelehrt wird. Neben dem wiedererwachten Nationalitätsbewußtsein kam der Verbreitung der hebräischen Sprache der Umstand zustatten, daß für die in Massen einwandernden Aschkenasim das Hebräische das einzige Mittel war, um sich mit den eingesessenen Sephardim zu verständigen. Die Ausbreitung des Hebräischen ist auch für die Fernerstehenden bereits bemerkbar geworden. Als ich dem deutschen Konsul in Jerusalem sagte, wie nahe verwandt das Jüdische dem Deutschen sei und wie also durch die jüdischeEinwanderungin Palästina auch die Zahl der deutsch sprechenden oder wenigstens -verstehenden Personen zunehme, erwiderte er: „Es ist nur fraglich, ob nicht in absehbarer Zeit das Jüdische vom Hebräischen verdrängt werden wird." So weit ist es freilich noch nicht. Noch immer ist die Zahl der jüdischen Familien, in denen das Hebräische die Umg*angssprache bildet, sehr klein, und eine erhebliche Vergrößerung der Zahl ist erst zu erhoffen, wenn die jetzt auf "den "Schulbänken sitzende Generation zur Familiengründung geschritten sein wird. So erwünscht die Verbreitung des Hebräischen ist, so darf man sich übrigens doch auf der andern Seite der Einsicht nicht verschließen, daß die Erlernung des Hebräischen als einzige Sprache gewichtige Bedenken gegen sich hat. Sie zwingt das Kind, sich die Kenntnis der anderen Sprachen (z.B. des Arabischen oder Jüdischen) außerhalb der Schule anzueignen; denn mit dem Hebräischen allein kann es nicht zurechtkommen, sobald es nur einen Kilometer von den jüdischen Ansiedlungen entfernt ist. Wenigstens das Arabische als die in Palästina herrschende Sprache müßte m. E. neben dem Hebräischen in den Elementarschulen gelehrt werden. Für die Mittelschule muß dann noch mindestens eine europäische Sprache hinzukommen. Aber welche soll dies sein? Drei europäische Sprächen streiten sich in Jerusalem um die Herrschaft: Das Deutsche, das in der Lämmelschule, das Englische, das in der Evelyn Rothshild School, und das Französische, das in der Schule der Alliance IsraeJite Universelle gelehrt wird. Jede dieser drei Sprachen hat ihre Vorzüge. Das Deutsche ist infolge seiner Verwandtschaft mit dem Jüdischen am leichtesten erlernbar und wird von den jüdischen Einwanderern, wenn nicht gesprochen, so doch jedenfalls verstanden. Das Französische ist die herrschende europäische Sprache im Orient. Das Englische ist die am meisten verbreitete und noch immerweiter fortschreitende Weltsprache; England ist (in El-Arisch) derjenige europäische Staat, der- Palästina am nächsten benachbart ist, und es hat sich der Juden stets mit besonderer Wärme angenommen. Für das Englische spricht auch, daß die Zahl der unter englisch sprechenden Völkern lebenden Juden beständig zunimmt und sich zwischen diesen und den palästinensischen Juden durch Zu- und Abwanderung vielleicht in Zukunft engere Beziehungen knüpfen werden. Es gibt schon heute in Palästina eine ganze Anzahl Juden, die einige Zeit in Amerika oder Südafrika gelebt und die englische Sprache von dort mitgebracht haben. Sicherlich werden auch von den vielen jungen Leuten, die heute aus Palästina nach Amerika und Australien auswandern, manche nach Palästina zurückkehren. Jedenfalls ist das Englische die einzige der drei Sprachen, die auf diese Weise Zuwachs zu erwarten hat; denn aus Frankreich oder Deutschland ist auf Zuzug nicht zu rechnen. . Wohltätigkeit Die Wohltätigkeit in Jerusalem ist. ein eigenes Kapitel für sich. Der Bedeutung nach steht an erster Stelle die Chalukka, über die ja bereits eine ganze Literatur für und wider besteht. Ohne den demoralisierenden Einfluß einer jeden Art von Almosen zu unterschätzen, glaube ich doch, daß in Palästina viel Geld noch viel schlechter verwendet worden ist als für die Zwecke der Chalukka. Ohne die Chalukka gäbe es heute keine jüdische Majorität in Jerusalem. Von den verschiedensten Seiten wurde mir mitgeteilt, daß es bei der Verteilung der Gelder durchweg gewissenhaft zugehe und daß die Verdächtigungen gegen die Gaboim (Spendenverteiler) unbegründet seien. Die Verteilung der Chalukka erfolgt nach Kopfteilen durch die^Kolelim (Landsmannschaften). So gibt es für einzelne Staaten (Ungarn, Deutschland, Holland) oder für einzelne russische und österreiche Gouvernements, oder Städte besondere Kolelim. Jeder Kolel sammelt die Spenden in seinem Bezirk und führt eine Liste der. durch früheren Aufenthalt in seinem - Bezirke zu ihm gehörigen Juden. Der Kolel sorgt auch meist für Krankenbehandlung und Ber erdigung seiner Mitglieder. Alle Kolelim zusammen bilden wieder eine Vereinigung, den Kolel Kolelim zur Besorgung gemeinsamer Angelegenheiten. Von der Chalukka abgesehen, leidet die Wohltätigkeitspflege in Jerusalem wie übrigens in ganz Palästina an zwei Hauptmängeln. Erstens an der Zersplitterung der Kräfte. Während europäische Städte mit einer viel größeren Bevölkerung als Jerusalem mit einem Krankenhaus, einem Waisenhaus, einem Alterheim auskommen, hat man in Jerusalem davon allein für die Juden immer mindestens je ein halbes Dutzend und vergrößert durch diese Dezentralisation die Kosten um ein Vielfaches. Zweitens aber wird aus der Wohltätigkeit von vielen Leuten einfach ein Gewerbe gemacht. In Europa beginnt man die Wohltätigkeit mit einem Griff in die eigene