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Die Welt · 1908-03-20 · 12 (20.3.1908) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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: DI£3§£E'LT : No. 12 rücksichten zu regeln, ganz verfehlt. Ist keine Zentralidee vorhanden, so bleibt als einzig entscheidendes Moment das Bedürfnis, der Standpunkt, die Gesinnung - des einzelnen Auswanderers. Der eine ist religiös — man muß bei ihm also in der Wahl des Ortes dieses Moment berücksichtigen, der andere ist es nicht, — und da müßte eigentlich eine Informationsbehörde ihn so einzurichten suchen, daß das für ihn subjektiv gar nicht vorhandene Moment unberücksichtigt bleiben soll. Aber der Boden wankt, und die Behörden fühlen, daß, wenn sie gar kein Interesse für das Judentum haben sollen, so bleibt kein Halt für ihr Tun. Man kämpft gegen eine Zentralidee, die man aber nicht entbehren kann. Wenn wir in Palästina die Bedingungen geschaffen haben werden — und sie können geschaffen werden, das hängt nur von der jüdischen Gesamtheit ab! — die das Land mit seinen Peripherien geeignet machen werden, einen beträchtlichen Teil unseres Volkes aufzunehmen, dann haben wir alle Vorzüge der Wanderung in einem einzigen großen Werke vereint. Materielles und Ideales verschmelzen sich, Egoismus und Altruismus, Einzelbestrebung und nationales Wiedererwachen bilden ein einheitliches, harmonisches und natürliches Tätigkeitsgebiet. N. S. REISEEINDRÜCKE IN UND UM PALÄSTINA II. Bilder aus Jerusalem und Umgebung Im alten Judenviertel Von der engen Straße, auf der Kehricht und Abfälle liegen, führt eine Tür oder besser ein Mauerloch, durch das man nur gebückt schreiten kann, in einen langen, engen Gang, in dem ein wahrhaft pestilenzialischer Geruch ist. Sogar meine, in dieser Hinsicht nicht mehr verwöhnte Nase wird, dadurch empört. Der Gang führt auf einen Hof von 6—S qm, von dem aus an jeder Seite ein oder zwei Eingänge in Zimmer führen. Jedes von ihnen beherbergt eine ganze sephardische Familie. Auf dem Hof wird in einem flachen Kübel Wäsche gewaschen, an einer Leine hängen kleine Stücke schlechten Fleisches, das heute in der Sonne trocknen und morgen als Schabbes-Mahlzeit dienen soll. Frauen und Kinder kommen bei unserem Erscheinen neugierig aus den Zimmern hervor. Die Frauen sprechen weder Arabisch noch Hebräisch, sondern nur Spaniolisch, und eine Verständigung mit ihnen ist unmöglich. Sie sind verhältnismäßig sauber gekleidet, und auch die Zimmer, deren ganze Möblierung aus den Betten besteht, die nach arabischer Art auf dem Fußboden liegen, sind zwar außerordentlich armselig, aber reinlich. Wir gehen weiter und kommen in einen größeren Hof. Auch hier sind viele Wohnungen, die ausschließlich von sephardischen Juden, jedoch nicht mehr den allerärmsten, bewohnt werden. Die Wohnungen bestehen aus 2—3 Zimmern und kosten etwa 200 Frcs. jährliche Miete. Davon werden wieder einzelne Zimmer für 100—120 Frcs. aftervermietet. Die Zimmer — wiederum ganz arabisch möbliert — sind mit Matten auf dem Boden bedeckt und machen einen sehr sauberen Eindruck. Dabei soll der Mann der Familie, die aus der Frau und drei Kindern besteht, als- Ladenangestellter nur 10 Frcs. wöchentlich verdienen. Ein junger Jude sitzt lesend auf dem Hofe. Was liest er? Goethes Wahrheit und Dichtung. Mein Erstaunen mildert sich, als ich höre, daß er ein Schüler des Lehrerseminars ist. Neben einer Synagoge befinden sich mehrere Häuser, die von unten bis oben nur Chedarim und Jeschiboth enthalten. Oberall sitzen die kleinen Jungen in den finsteren engen Stuben, in denen es unsauber und unordentlich aussieht. Aus einem Abort dringt ein schrecklicher Geruch herüber, ohne daß es irgend jemand zu bemerken scheint. Hier müssen die Kinder auf die Dauer krank und kurzsichtig werden. Wir steigen die schwankende Holztreppe empor und treten in eine Jeschiba ein. 50—60 Juden vom Jüngling bis zum Greise in allen möglichen Trachten sitzen hier und lernen mit der bekannten schaukelnden Körperbewegung teils leise, teils laut in den alten Schriften. Jemenitische und bucharische Juden Die jemenitischen Juden in Jerusalem sollen ungefähr 700 erwachsene Männer und 2000 Seelen zählen. Sie sprechen Arabisch als Umgangssprache, sind ,vor etwa 25 Jahren allmählich nach Jerusalem eingewandert und wohnen zusammengedrängt in kleinen schlechten Häusern an verschiedenen Punkten der Stadt. Sie sind an ihrem nach Araberart glatt geschorenen oder rasierten, mit einer bunten Kappe bedeckten Kopfe, von dem die langen, dicken Schläfenlocken herunterhängen, leicht erkennbar. Sie zeigen Beimischung von Araberblut und haben durchweg eine stark brünette Hautfarbe. Sie bilden in Jerusalem die unterste soziale Schicht der jüdischen Bevölkerung und sind fast die einzigen Juden, welche in den schwersten Berufen, z. B. als Steinhauer, Lastträger tätig sind und wegen ihrer Genügsamkeit und Arbeitsamkeit erfolgreich mit den Arabern konkurrieren. In Gegensatz, zu den armen und ungebildeten Jemeniten stehen die bucharischen Juden. Sie sind in der Mehrzahl wohlhabend, oft sogar sehr reich und haben ein eigenes Stadtviertel mit schönen Häusern und breiten Straßen aufgebaut, in dem es außerordentlich viele Synagogen, Lehrhäuser und Schulen gibt. Sie sind sehr fromm und intelligent, meist große, robuste Gestalten, gelegentlich mit mongolischem Bluteinschlag. Die Frauen sehen weniger schön aus als die Männer, was vielleicht mit der plumpen, dicken Kleidung der Frauen zusammenhängt. In den Lehrhäusern sitzen die alten Männer fast den ganzen Tag über, machen es sich dort allerdings bequem, indem sie das Lernen öfters durch ein Schläfchen oder den Genuß von Kaffee unterbrechen. Ich sah, wie zwei alte Juden miteinander über den alten hebräischen Schriften saßen. Der eine las vor, der andere, der blind zu sein schien^ bezeugte durch beifälliges Schütteln des Kopfes oder durch gelegentliche Einwürfe seinen Anteil, — ein wunderbares Bild. Freilich kann man es in Osteuropa jeden Tag sehen, aber das Merkwürdige ist eben, daß auch diese Juden unter einem ganz andern Himmel genau die gleiche Liebe zum alten Schrifttum bewahrt haben. 2

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