Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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AUSWANDERUNG Wenn man die Auswanderung unter dem Gesichtspunkte der Lebenserfahrung und der Alltagsbeobachtung betrachtet, so zerfällt das für ihre 'Bezeichnung; geprägte Schlagwort: „notwendiges Obel" in ein Nichts. Die Auswanderung ist kein Übel an sich; im Gegenteil, sie ist oftmals nicht nur nützlich, sondern geradezu segenbringend. Die Fremde besitzt für den Auswanderer eine pädagogische Bedeutung, sie erst macht in ihm den ganzen Menschen wach und läßt ihn seine verborgene Energie entfalten. Man braucht nicht gar zu weit zu suchen, um diese 'Tatsache wahrzunehmen. Die Klagen der Arbeiter in jedem Lande über die unerträgliche Konkurrenz der fremden Elemente beweisen dies zur Genüge. Der Italiener, der Pole, der Chinese sind in Deutschland oder in Amerika Arbeiter, die an Zähigkeit und Arbeitskraft die eingeborenen Genossen weit übertreffen. Diese selben Leute, die in Deutschland, oder in Amerika zu fleißig arbeiten, galten in ihrer Heimat als träge und störrisch. In Deutschland, besonders in den östlichen Provinzen, sind die sogenannten „Sachsengänger~ bekannt. Es sind große Scharen russischer Untertanen, die alljährlich in diese Provinzen kommen, oder richtiger, wie eine Wäre über die Grenzen transportiert werden. Lässig und in ihrem Äußern verwahrlost sehen sie aus, wenn sie ankommen; aber kaum sind sie im fremden Lande, so genügt eine kurze Zeit, um andere Menschen aus ihnen zu machen. Sie arbeiten tüchtig bei einem Lohn, der dem inländischen Arbeiter unmöglich für die bescheidenste Existenz hinreichend sein könnte, sie erhalten sich gesund und legen sogar einen gewissen Sparpfennig zurück. So begegnet man auch in Polen den Auswanderern aus Galizien, den „Krakauern" oder den „Bergleuten"; so begegnet man in "Nordrußland den „Jaroslawcy" und im Süden den „Großrussen". Air diese Elemente zeigen eine Arbeitskraft und Arbeitslust, die ihnen in ihrer Heimat zu fehlen schienen. Doch schien es nur so. Im Grunde waren die Kräfte vorhanden; es fehlten nur stärkere Antriebe. Die Fremde erzieht auch den Juden. Für den wohlerzogenen tüchtigen ist diese Erziehungsschule nicht notwendig, zuweilen auch schädlich, aber diese Auslese bildet — unter allen Völkern — eine geringe Minderheit. Der Massenjude leistet in London an Arbeit und Lebensenergie mehr als in einem kleinen Städchen Litauens oder Podoliens, Es heißt: der polnische Jude bedarf der Kultur. Dies ist natürlich wahr, aber auf dieses Thema angewandt, ist dies nur ein Schlagwort. Nicht nur der polnische Jude in England, sondern auch der Engländer in Polen muß tüchtiger sein, als er in seiner Heimat war. Die Notwendigkeit, sich an die neuen Verhältnisse anzupassen und den Einheimischen Konkurrenz zu bieten, führt zu einer intensiveren, manchmal zu einer ganz verzweifelten Anspannung aller Kräfte und Fähigkeiten. Nicht nur im Einzelleben der Menschen, sondern auch in der Geschichte der Länder und Staaten müssen die Wanderungen als günstige Erscheinungen - betrachtet werden. Wie könnten Kolonien ohne Wanderungen entstehen? Und daß in der Regel die Kolonie das alte Mutterland an Fleiß und Reichtum überragt, ist zweifellos schon ein Gemeinplatz geschichtlicher Studien geworden. Von jeher waren es die Kolonien, die dem Handel, dem "Gewerbe neüe Quellen erschlossen: die griechischen Städte der kleinasiätischen; Küstewaren wohlhabender als Altgriechenland; die größten Kapitalisten Altenglands können doch nicht so im; Golde wühlen wie die Börsenfürsten Jungämerikas. Die ganze Weltgeschichte ist eine Geschichte der Kolonien. Griechenland war eine Kolonie; Rom war es. Und noch ein Umstand ist bemerkenswert. Je jünger die Kolonie, um so fruchtbarer ihre Tätigkeit. "Haben sich die Kolonisten erst ganz ihrer neuen Heimat angepaßt, so werden sie bequem, faul, indifferent wie der Eingeborene, der nie die Grenzen seiner Heimat verließ. Der Jude in London, nachdem er schon aus dem Eastend via Nord nach dem Westend übergegangen ist, fühlt sich schon so, sicher, daß seine Energie erschlafft: er rät sogar den anderen Juden ab, nach England zu kommen, trotzdem er selbst, sein Vater oder sein Großvater vor einiger Zeit zu den Ankömmlingen gehörte. Es verliert eben der Bequeme die Vorzüge des Fleißes und der Genügsamkeit und wird von dem Energischen überwunden. In unserer Volksgeschichte waren die Wanderungen eine fortlaufende Erscheinung. In keinem Volke hat der Wandergeist sich reiner verkörpert als in dem unsrigen. Aber es waren Wanderungen, die aus einem Mittelpunkt ausgingen und nach demselben wiederzukehren pflegten; Der Mittelpunkt war das verheißene oder das tatsächlich besessene eigene Land. Solange ein Mittelpunkt vorhanden ist, sind die Wanderungen nützlich, anregend, belehrend. Trostlos werden die Wanderungen, wenn dieser Mittelpunkt fehlt. Noch trostloser gestalten sie sich, wenn ihnen der Geist fehlt. Das kolonisierende jüdische Volk, auch das jüdische Volk in der Diaspora, solange es in sich konzentriert ist, ist nicht das Wandervolk der christlichen Ahasversage. Es repräsentiert vielmehr die prächtigste Blüte der gesunden, lebenzeugenden Bewegung _ und Ausdehnung. Es hat seine Persönlichkeit, zu jener vornehmen Höhe entwickelt, auf der sein Ich — sein Egoismus— nach mehr als bloß kleinlichen Zielen verlangt. Es setzt seine Kraft, seine Energie, sein Tun lür andere als persönliche Zwecke ein, weil seine Individualität darnach begehrt,, weitere Kreise zu ziehen als die der eigenen, einzigen, begrenzten und kleinen Ichlichkeit. So waren die Wanderungen der Quäker und Puritaner, so waren die - Bewegungen jüdischer Kolonisation von einem Zentrum, aus, gleichviel vom nationalen Staat oder vom weniger starken, aber immerhin noch nationalen Exilarchat. Man war darauf bedacht, die Einheit zu erhalten, man war von einem eigenen heimatlichen Geiste beseelt, und man ging in die Fremde, um mehr Raum zu finden, vielleicht auch um tüchtiger zu werden und um wiederum auch für die Gesamtheit, für die Heimat dann mehr leisten zu können. . * . . Ohne diese Triebfeder ist die Auswanderung ein rein persönliches Unternehmen. Es ist das natürliche menschliche Bestreben seinem Ich, seinem Selbst möglichst alles das zuzuführen, was ihm Befriedigung gewährt und was es im neuen Orte zu finden hofft. Deshalb sind die Versuche, die Auswanderung ohne nationale Fürsorge nach den gewöhnlichen Nützlichkeit-