Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Die zionistische Studentenschaft Die Exekutive der jüdischen akademischen Korporationen ist wieder energisch am. Werke. Der Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen soll in ein entscheidendes Stadium treten. Eine Deputation jüdischer Studenten urgierte nochmals bei den Rektoren der Technik und der Universität um die Erledigung der dringenden Frage- Die Rektoren versicherten' nochmals ihre Sympathie für den Kampf der jüdischen Studentenschaft um ihr Recht. In den Kreisen der zionistischen akademischen Korporationen herrscht eine der „direlrten Aktion" günstige Stimmung. Der Demonstrationsrummel vor der Universität im vorigen Jahre war ein ermunternder Anfang. Die Studentenschaft will auf diesem Wege fortschreiten, der gangbarer sei als der der Entsendung von Deputationen und Einbringung von parlamentarischen Interpellationen. Anläßlich des 60. Jahrestages der Märzrevolution begibt sich die zionistische Studentenschaft zum Grab der Märzgefallenen. Ein Kranz mit der Inschrift „Den Vorkämpfern der Volksfreiheit — die zionistische Studentenschaft" wird niedergelegt und am Massengrab sowie am Grabe Fischhoffs sollen Ansprachen gehalten werden. Russischer Brief (Von unserem Korrespondenten) Zur Konferenz der „Echt-russischen Leute* Die in den letzten Tagen stattgefundene Konferenz der „Echtrussischen Leute" in Petersburg endete mit dem vollsten Siege des Väterchen Dubrowin. Man verlangte von ihm keine Rechenschaft über das viele von den Wohltätern des Verbandes gespendete Geld, man wählte ihn sogar zum Hauptkommandanten der ganzen Verbandsarmee und zum Ehrenpräsidenten aller Abteilungen des Verbandes, zum Diktator, dem alle Verbändler Untertan sein müssen. Es ist doch merkwürdig! Die ganze russische Presse, sowohl die progressive wie auch die reaktionäre* .alle politischen Parteien bis zu den äußersten rechten aller Nuancen zeigen dieselbe Geringschätzung im Verhältnisse zu dieser quanjS?atiy und qualitativ minderwertigen Clique. Und doch muß man zugeben, daß diese Clique über Mittel verfügt, die es ihr. ermöglichen, ihre Integrität zu bewahren und Elemente zusammenzuhalten, die nichts weniger als die Fähigkeit einer Ideengemeinschaft besitzen können. Wie bekannt betrachtet sich der'. „Verband des russischen Volkes" als den einzigen und wirklichen Repräsentanten des „ganzen russischen Volkes", wie er sich in einem der von der Konferenz abgesandten zahlreichen Telegramme stolz genannt hat. Daß .aber seine Ideale keine Wurzel in den breiten Volksmassen gefaßt haben, zeigt sich deutlich m -dem Umstände, daß der Verband nur eine winzige Zahl der Deputierten in der Duma besitzt. Vor der Eröffnung der dritten Duma erklärte die „Russkoje Znamja", daß 180 Dumädeputierte im Sinne des Parteiprogramms arbeiten werden und daß die Mehrheit des Präsidiums aus Verbandsmitgliedern besteht In Wirklichkeit aber sind es kaum 10 Deputierte, die sich mit dem Verbände solidarisieren, und im Präsidium besitzt er gar keine Anhänger. , Und doch besitzt der Verband eine gewisse Kraft . . . Im Laufe einer ganzen Woche veröffentlichte die Presse Berichte aus der Konferenz, die" ein solches Chaos von verschiedenen unreifen Gedanken darstellen, daß sogar die mit dem Verbände sympathisierenden Zeitungen aus ihm nicht klug werden können. Und wahrlich ist es schwer, aus diesen unartikulierten Lauten einen Sinn herauszubekommen. Die Auflösung der Duma und des* Kabinetts Stölypin, die Ausrottung der „Fremdlinge", die Vertreibung der Juden nach der Insel Sachalin etc., das sind die in den zahlreichen Adressen an den Allerhöchsten Namen aufgestellten Forderurigen. Wie es scheint kann ein Verhältnis zu solchen Forderungen kein ernstes sein. Und doch besitzt der Verband viele Mittel und. große Kraft, die nicht unterschätzt werden sollten . . . Aus dem jüdischen Parteileben Die „Petersburger jüdische Volksgruppe" wurde legalisiert. Nach den Statuten bezweckt diese Gesellschaft die Verbreitung richtiger Nachrichten über Juden und ihre nationalen Institutionen, die Ausarbeitung von Mitteln zur Besserung Ihrer ökonomischen und rechtlichen Lage,. wie auch die Hebung des Bildungsniveaus. Die Gesellschaft hat das Recht, ihre Tätigkeit auf das ganze Gebiet des russischen Reiches zu erstrecken. . Hungersnot in den jüdischen Agrarkolonien Aus den jüdischen Agrarkolonien in den Gouvernements Ekaterinoslaw und Cherson kommen alarmierende Nachrichten über die dort herrschende Hungersnot. Besonders stark ist die Not in den Kolonien des Ekaterinoslawer Gouvernements, wo sogar einige Fälle des Hungertodes vorkamen. Die Kolonisten wandten sich an das Gouvernementskomitee mit der Bitte um Hilfe, wurden aber abgewiesen. — Aus Minsk wird gemeldet, daß die Verwaltung der örtlichen Agrarkolonie „Ica" beschlossen hat die Wirtschaft aufzulösen, da sie keine Einkünfte bringt. Die Zöglinge sind dadurch genötigt zu emigrieren. Aus der Duma In der am 8. Februar stattgefundenen Dumasitzung hat der Deputierte Sasonowitsch während seiner Rede über die Ursachen der Revolution bemerkt, daß unter anderen ausländischen Organisationen auch die „Alliance Israelite universelle" eine gewisse Rolle in der russischen Revolution gespielt hat Der Deputierte Nisselowitsch hatte in der Duma keine Möglichkeit diese Beschuldigung zu widerlegen und schrieb eine Antwort in der „Rjetsch". Außerdem erklärte er in seinem Briefe an die Redaktion des „Fraind", daß ein jeder gegen Juden gerichteter Angriff mit der größten Energie behandelt und widerlegt werden wird. Aus der Emigrationsbewegung Das Petersburger Informationsbureau für jüdische Emigration veröffentlicht interessante Angaben über die Geldsummen, welche von den nach den -Vereinigten Staaten ausgewanderten Juden nach Nordrußland gesandt worden sind. Im Laufe des Jahres 1907 haben die Emigranten 140 Millionen Rubel nach Europa gesandt und von diesen 13 Millionen nach Rußland. Von dieserSumme gehört die Mehrheit den jüdischen Emigranten, die ja bekanntlich die in Rußland gebliebenen Verwandten unterstützen. Nach dem Städtchen Ilja (Gouv. Wilna) kehrten im August und September vergangenen Jahres 19 Familien aus Amerika zurück. Dasselbe meldet man aus dem Städtchen Glebokie und anderen Städtchen des Gouvernements. Die lokale Gouvernementsverwaltung bekam Noten von den russischen Konsulaten in Amerika, daß viele jüdische Emigranten aus dem Wilnaer Gouvernement genötigt sind, infolge von Mangel an Lebensunterhalt nach Rußland zurückzukehren. Aus Petersburg wird mitgeteilt daß sich dort eine jüdische Gruppe organisiert hat, welche bezweckt große Fabrikunternehmungen zu organisieren, um der arbeitslosen jüdischen Masse des jüdischen Ansiedelungsrayons ein neues Arbeitsgebiet zu eröffnen. Die Genossenschaftsbewegung und die Juden Die Verbreitung von Genossenschaften ist von großem Schaden für die ökonomische Lage der Juden, deren Haupteinkunftsquelle der Kleinhandel und die Heimarbeit waren. Gegenwärtig, wo in jedem kleinen Städtchen Konsumgenossenschaften organisiert werden, geht der Kleinhandel einem jähen Ende entgegen, und die Juden sind genötigt, ihre Geschäfte zu schließen. Auch die Heimarbeit geht infolge der schnellen Entwickelung der Fabrikindustrie zugrunde, und die jüdischen Massen, die hauptsächlich von Heimarbeit lebten, verarmen immer mehr und mehr, da sie ja als Juden in die großen Fabriken nicht aufgenommen werden. Anfangs suchten die Juden Rettung in der Auswanderung, aber jetzt hört infolge der ökonomischen Krise in Amerika die Emigration auf und Tausende von arbeitslosen Juden bleiben im Lande. Aus meinem Notizbuch Die Siddurim-Kampagne in der deutschen Presse. Vor Monaten hat mich ein lieber Freund mit einem neuen Gebetbuche, Ritus Baden, bedacht Ich habe es schon zwanzigmal gelesen und hatte auch die Absicht, darüber zu schreiben, nur konnte ich es nicht über mich gewinnen, eine Rezension über ein Gebetbuch zu schreiben. Es kam mir ebenso lächerlich vor, wie ein Gebetbuch zu schreiben oder umzuarbeiten. Wenn in grauer Vorzeit die „Männer der Großen Synode" mit Prophetenmund und Sehersprache zum Volke redeten, und wenn diese Reden, durch Jahrtausende geweiht, noch jetzt, als Gebete weinend schluchzen oder jubelnd, schallen und wenn sie frommen Gemütern den Weg zum großen Wunderland der Seligen weisen, so steckt Größe darin. Aber wenn sich unsereiner jetzt daran macht, ein altes Gebet' nach seinem Ermessen öder nach einer Geschmacksrichtung, die