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Die Welt · 1908-03-13 · 11 (13.3.1908) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nonnen erlaubten aber der Mutter unbedingt nicht den Zutritt zum Kinde, und erst die Iptervention eines Rechtsanwaltes bewirkte es, daß man der Mutter gestattete, mit ihrer Tochter zu sprechen. Die Unterredung konnte aber nur in Anwesenheit von zwei Nonnen stattfinden, welche das Kind hüteten, und beide Parteien verständigten sich getrennt durch eine breite Barriere. Auch ein Polizeikommissar mußte anwesend sein, der dem Kinde verboten hat mit der Mutter jüdisch zu sprechen. Selbstverständlich erklärte die Tochter, daß sie nach Hause nicht zurückkehren will, weil — wie es schon ein anderer Fall mit einer gewissen Lea Gangler bewiesen hat — die Nonnen einen Druck auf die jungen Mädchen ausüben und ihnen sogar suggerieren, daß man nach Hause nicht zurück- ' kehren darf. Die Israelitische Union in Wien will die "Angelegenheit im Parlament behandeln lassen; wir zweifeln aber, ob die österreichische Regierung sich entschließen wird, jüdische Kinder vor allzugroßer christlicher Liebe zu schützen. Wiener Brief (Von unserem Korrespondenten) Der innerösterreichische Distriktstag Sonntag den 8. d. M. fand im ehemaligen Kongreßbureau die Fortsetzung des Distriktstages der innerösterreichischen Zionisten statt. Der einzige Punkt der Tagesordnung war die Wahl eines neuen Distriktskomitees. Nach einer kurzen Debatte, in deren Verlauf Herr Low an die zurückgetretenen Distriktskomiteemitglieder eine warme Aufforderung richtete, eine Wiederwahl anzunehmen, wurde zur Wahl mittels Stimmzettel geschritten. In das neue innerösterreichisch-zionistische Distrikskomitee wurden gewählt: Herr Max Markus zum Obmann, Dr. E. M. Zweig. Obm.-Stellvertreter, ferner die Herren: Ing. R. Stricker, Hermann Müller, Anton Low, Dr. L. Meisel, Dr. Bernhard, Dr. Löhner, Gold und Stockei. Es gelangen nunmehr einige Resolutionen zur Verhandlung. Dr. Wald mann bedauert, daß in letzter Zeit mehrere Gesinnungsgenossen in Blättern das Wort ergriffen haben, die dem Zionismus feindlich gegenüberstehen. Das Parteiorgan stehe für jede gutmeinende und ehrliche Kritik offen. Seine Resolution lautet: „Der innerösterreichische Distrikstag konstatiert, daß die „Neue Nationalzeitung" in gar keiner Beziehung zur zionistischen Partei steht." Es müssen die Gesinnungsgenossen in der Provinz erfahren, daß das Landau-Blatt kein zionistisches Organ ist. Lubetzky und Stein sind gegen jede Aktion, die es den gegnerischen Zeitungen ermöglichen, sich als unschuldig verfolgte; aufzuspielen. Winterstein beantragte eine verschärfte Resolution: „Der innerösterreichische Distriktstag betrachtet die Wirksamkeit der „Österr. Wochenschrift" und der „Neuen Nationalzeitung" als schädlich für die zionistische Organisation und erklärt es für unvereinbar mit der Zugehörigkeit zu derselben, jene Blätter durch Mitarbeiterschaft Nachrichtendienst oder sonst irgendwie zu fördern." Die Resolution wird angenommen. Herr Litzmann bringt eine Resolution zur Hilsner-Affäre ein, die lautet: „Der Distriktstag der innerösterreichischen Zionisten erklärt sich entschieden gegen jede Aktion, welche die Begnadigung Hilsners anstrebt, und beharrt auf dem Verlangen nach der Wiederaufnahme des* Prozesses." In der Begründung meint der Redner, man müsse Recht verlangen, nicht Gnade. In der ltbhaften Diskussion wendet sich Herr Bondy gegen die Resolution. Die Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens sei bei den gegebenen parlamentarischen Verhältnissen nicht so sicher wie die Begnadigung. Man dürfe sich nicht gegen eine Aktion wenden, die wir prinzipiell nicht billigen können, die aber dem armen Hilsner helfen will. Fleischer: Die riesige Agitation für die Begnadigungspetition ist nicht die Form, Gnadengesuche einzureichen. Die Aktion sieht reklamenhaft aus. Die Blätter, die die Begnadigungsparole aufgegriffen haben, wollen die parlamentarische Aktion des Jüdischen Klubs für die Wiederaufnahme des Prozesses durchkreuzen. Groß warnt, in dieser heiklen Frage gegen den Strom zu schwimmen; man solle sich zu den Rachmonesgefühlen der jüdischen Bevölkerung nicht in Widerspruch setzen. Die Aktion geht offiziell von der Mutter aus, man stehe lieber abseits, als durch Gegenagitation direkt zu provozieren. Die Resolution Litzmann wird schließlich "angenommen, jedoch beschlossen, zur Versammlung mit der Tagesordnung „Die Begnadigung Hilsners", — die von Herrn Dr. Elbogen nach dem Sophiensaal für den 18. d. M. einberufen ist, — keinen Redner zu entsenden. Stockei tritt für Trennung des Schekels und der Parteisteuer ein. Durch die Fusion ierung dieser für zwei verschiedene Institutionen zu entrichtenden Beiträge hat die Schekeleinkassierung aufgehört, eine Werbung und Agitation für. das Baseler Programm zu sein. Thau bedauert, daß in Wien keine Schekeltage organisiert werden. Die Resolutionen der Vereinigung Bar-Kochba, die vom Distriktskomitee eine energische Palästinaagitation und die Begründung von Share-Klubs verlangen, werden angenommen. Eine Resolution, die die Dezentralisierung des Zionistischen Zentralvereins und die Restaurierung der Bezirksvereine verlangt wird abgelehnt. - Die Verbindung „Libanonia" verwahrt sich in einem an den Distriktstag gerichteten Schreiben gegen die vorigen Sonntag beschlossene Erklärung, daß die „Libanonia" nicht der zionistischen Parteiorganisation angehört. Antrag auf Ubergang zur Tagesordnung wird angenommen. Es wurden noch einige interne Punkte besprochen und hierauf der Distriktstag geschlossen. Der „Jüdische" Kolonisationsverein" in Wien . Der Vortrag Dr. Ruppins im „Jüdischen Kolonisationsverein" über die wirtschaftliche Lage der Juden in Palästina lenkt wiederum unsere Aufmerksamkeit auf -diese Organisation. Es ist keine zionistische Körperschaft die, wenn auch von ausgezeichneten Juden, aber Nichtzionisten geleitet wird. Es muß daher um so mehr dankbar und mit Nachdruck hervorgehoben werden, daß der Verein •eminent zionistische Arbeit leistet Es ist.das höchste Lob, das . wir ihm spenden können. Zunächst berührt wohltuend die Planmäßigkeit mit der der „Jüdische Kolonisationsverein" für die Verbreitung von Palästinakunde sorgt Von dem Verein wurden Professor Warburg, Dr. Oppenheimer und nunmehr Dr. Ruppin zu Vorträgen über Palästina eingeladen. Es wird durch diese Veranstaltungen die Wahrheit von der Brauchbarkeit Palästinas für die Kolonisation in Kreise getragen, die uns sonst fern stehen und unr zugänglich sind. Der Verein steht nicht auf dem Boden des Baseler Programms. Er ist aber keineswegs mit palästinensischen Wohltätigkeitsvereinen zu verwechseln. Der Kolonisationsverein lehnt jede Philanthropie ab. Er ist nicht für zionistische Politik, aber auch nicht für Almosenpolitik. Er will kolonisieren, hat aber nicht den überflüssigen und schädlichen Ehrgeiz, auf eigene Faust vorzugehen. Wie die Namen der von ihm eingeladenen Referenten zeigen, ist der Kolonisationsverein bereit, Siedelungsunternehmungen des zionistischen Palästinaressorts zu unterstützen und zu fördern. Die Leiter des Kolonisationsvereins erkennen, daß im großen Werke der Ablenkung des jüdischen Emigrationsstromes nach Palästina und. seinen Nachbarländern die Zusammenfassung aller wirkenden Kräfte, der Zusammenschluß aller tätigen Organisationen Vorbedingung ist Der Verein ist bereits zu einer ansehnlichen Organisation emporgewachsen und umfaßt eine ziemlich bedeutende-Anzahl von Mitgliedern. Wenn man ihre Liste durchblickt erstaunt man, in welchen scheinbar ganz assimilierten, das jüdische Volkstum verpönenden Kreisen der Gedanke einer jüdischen Besiedelung Palästinas durch jüdische Massen — denn das ist der Zweck des Vereins — werbend wirken kann. Der ..Jüdische Kolonisationsverein" ist die Frucht der sich allmählich bahnbrechenden Erkenntnis, der sich große, auch nichtzionistische Körperschaften -nicht, verschließen könnten, daß die Kolonisation die einzige Form ist die die zerstörend wirkenden Kräfte der Emigration für eine höhere Entwicklung dienstbar macht. Daß sich diese Männer intuitiv nach Palästina wenden, zeugt für ihren vorausschauenden Blick. So wollen wir nun der Hoffnung Ausdruck geben, daß der „Jüdische Kolonisationsverein" von Palästinakunde zur Palästinaarbeit übergehen möge. Eine österreichische Orientexpedition Der Naturwissenschaftliche Orientverein (Obmann Graf Bugnoy) ensendet eine österreichische Orientexpedition nach Mesopotamien. So ergreift der Gedanke des Baron Aehrenthal, — die günstige Lage Österreichs „zwischen dem Herzen Europas und dem neuer Blüte entgegengehenden Orient" für die wirtschaftliche Expansion des Reiches auszunützen, — immer weitere Kreise. Den um die Lieferung neuer Absatzgebiete besorgten Industriellen eilten nun die österreichischen wissenschaftlichen Korporationen zu Hilfe. Die Österreicher glauben schon an die Zukunft des nahen Orients. Vielleicht wird das auch die österreichischen Juden überzeugen: Es ist kein Ding der Unmöglichkeit, daß sich schließlich so ein Wiener Quai-Jud' im Interesse der österreichischen Exportförderung; für die Besiedelung Palästinas einsetzt ...

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