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Die Welt · 1908-03-13 · 11 (13.3.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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noch ,Dicht.:ganz entnationalisierte Juden angehören, von jedem Abkommen mit den' Ziönisten .abhalten, indem sie sogar diesen mit Denunziationen vor. den Polen, drohen. ..Pieser Zwiespalt, zwischen den „bedingten" und „konsequenten" Assimilarijten'..wird" zugleich damit, daß sich jetzt mehrere Mitglieder dieser Partei, dem Sozialismus, andere wieder der Bauernpartei zugewendet: haben, wahrscheinlich einen gänzlichen Zerfall der „jüdischen Landesorganisation" herbeiführen. . Diese Organisation, welche vor den'Wahlen gegründet wurde, um den Zionismus zu, bekämpfen, existiert übrigens schon seit einer längeren Zeit nur auf dem Papier. Haß gegen die Ziönisten kann offenbar nicht auf .die Dauer das ganze und einzige Programm — einer . Partei — ausmachen.'. ... Ein antisemitischer Rabbiner' : Die letzten Laridtagswahlen brachten auch eine "interessante, tragikomische Episode. Dr. Jeheskiel Caro, der erste Rabbiner und Prediger in Lemberg, hat ein Wahlplakat des antisemitischen Kandidaten, Universitätsprofessors Dr. Ry dt gier, unterschrieben und sich für,diese Kandidatur mit aller Kraft eingesetzt. Dr. Rydigier war der einzige Kandidat in Lemberg, welcher sich als katholischnationaler um ein Mandat bewarb und der allgemein als Politiker wie auch als Professor als offener Antisemit bekannt ist Seine .Kandidatur .unterstützte einzig und allein ein'katholisches Komitee, welches seit einigen Jahren in Lemberg als Stütze eines finsteren und reaktionären Antisemitismus gilt Sogar die Kahalsclique in Lemberg, die wahrhaftig nicht zu den Fortschrittsparteien gerechnet werden kann, wollte es diesmal -nicht verstehen, wie Dr. Caro dazu kam, einen Antisemiten so eifrig zu unterstützen. Für die Judenschaft Lembergs war es ein köstlicher Witz, die Unterschrift des Dr. Carö in einer Reihe mit ausgesprochenen Judenfeinden lesen # zu. können ■ und ihn selbst als Agitator der katholischen Klerikalen in den Straßen der Stadt zu sehen. Dr. Caro wird aber trotzdem auch weiter jüdischer Rabbiner und Prediger in der Hauptstadt Galiziens bleiben. „Unabhängige Juden*' Man spricht jetzt in Galizien immer mehr von der politischen Partei der „unabhängigen Juden", welche letztens einen großen Erfolg erlangte, indem ihr Kandidat Dr. Ignatz Landau in Krakau im Kompromißwege mit den polnischen Demokraten ein Landtagsmandat eroberte. Diese neue Partei hat eigentlich nur einen lokalen Charakter. Ihr Gründer und Führer Dr. Groß, ein junger energischer Advokat, in Krakau, stellte, sich vor einigen Jahren in , heftige Opposition gegen den dortigen Kahal, der sich mit Leib und Seele den Konservativen verkauft hatte, und es gelang ihm durch eine tüchtige Agitation, die Juden für sich zu gewinnen. Dr. Groß gründete nun eine netie Partei unter dem Namen „Unabhängige Juden", welche aber nur in Krakau festen Fuß faßte. .Die neue. Partei ging Hand in Hand mit den fortschrittlichen Demokraten, und als diese bei den letzten Reichsratswahlen mit den Konservativen ein Bündnis geschlossen hätten, trat Dr. Groß aus ihrem Exekutivkomitee aus,' kandidierte im jüdischen Wahlbezirke in Krakau . auf ein selbständiges Programm und wurde auch mit einer großen Majorität dank der Unterstützung der Sozialdemokraten gewählt Das 'Verhältnis dieser Partei zu den Deriiokraten scheint sich aber letztens wieder verbessert zu haben,' und-bei den Laridtagswahlen konnte es. schon zu einem Kompromiß zwischen den beiden Parteien kommen. ' . Trotz allem besitzen'die „unabhängigen Juden'" nureine lokaleBedeutung, und es ist sehr zweifelhäftob sie sich jemals über die Stadtmauern Krakaus hinauswagen werden. Was di^ftarteTüntf ihre Fährer nämlich kennzeicjmet, ist derMangel aneinerpolitischeri Konsequenz und breiten politische^ Horizonten., Die Unabhängigen verdammen die Assimilation der Juden, stellen aber' kein national-jüdisches Programm auf und begnügen sich mit kleinen unbedeutenden Forderungen für das galizische; Judentum. Sie-betrachten'sich.'nicht'als Polen und gehörten trotzdem dem.; Exekutivkomitee einer fein-polnischen Partei an. Sie fordern dfe'rechtifche Anerkennung der judischen Sprache und hegen zugleich die Oberzeugung, daß die „volle Gleichberechtigung"" die; AssimÜation'; der' Juden auf das beste fördern wird.. Sie heben überhaupt nur. solche Forderungen hervor, welche die politische Anerkennung, der jüdischen /Nationalität nicht voraussetzen, und "bekämpfen die national-jüdische Politik der Ziönisten mit denselben Waffen' und Mitteln .wie die Assimilatibnspartei aus der „Jüdischen Laridesorganisation*'. Die fortwährende Akzentuierung mancher populärer Forderungen . der jüdischen Bevölkerung und die unermüdliche Agitationsarbeit ihres Führers hat ihnen in Krakau eine' "ernste (politische; Stellung eingeräumt Bei den Reichsratswahlen wollten' ihnen zwar' die Ziönisten das jüdische Mandat strittig machen; der zionistische Kandidat erlitt aber eine Niederlage. Die Feindschaft gegenüber den Ziönisten trieb Dr. Groß und seihe Partei auch anläßlich der letzten Kultusratswahlen zu einem Kompromiß mit den jüdisch-polnischen Konservativen aus dem Krakauer Kahal. . Statt sich mit der zionistischen Opposition zu vereinigen, welche der bisherigen Mißwirtschaft der verschiedenen Cliquen ein Ende machen will, zogen es die „Unabhängigen" vor, sich mit ihren heftigsten Gegnern zu verbinden, nur um die Ziönisten zu isolieren. Wie eine Seifenblase verschwand also ihr radikaler Demokratismus, und wir brauchen wohl nicht lange zu warten, um ihre Auflösung in einer polnischen Partei zu erleben. Eine Enquete über die wirtschaftliche Lage der galizischen Juden. Es verlautet daß der galizische Landesausschuß schon nächstens eine Enquete veranstalten wird, die sich mit den Ursachen des ungeheuren Elends der galizischen Juden befassen soll. Wie bekannt hat im letzten Landtag Abg. Dr. Löwenstein die Veranstaltung "einer solchen Enquete beantragt, und der Landtag^ welcher damals vor neuen Wahlen stand, nahm einstimmig eine diesbezügliche Resolution'an. Daß die ungemein traurige ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung dem Staate und Lande am Herzen liegen soll, unterliegt keinem Zweifel. Verliert doch die jüdische Masse immer mehr ihre bisherigen Erwerbsquellen, und von Tag zu Tag wächst die Zahl derjenigen, welche auf die öffentliche Unterstützung und Almosen angewiesen sind. Die ökonomische Hebung des Landes welche allmählich vor sich geht drängt die Juden aus dem Handel heraus, welcher bis nun die einzige Beschäftigung der jüdischen Bevölkerung war. Das Land besitzt aber keine eigene Industrie, und so sind die Juden gezwungen, alljährlich in Tausenden Galizien zu verlassen und nach Amerika zu emigrieren. Die überbleibenden darben in den. ärgsten Verhältnissen, und ganze jüdische Städtchen leiden den schrecklichsten Hunger.. Ob aber die Enquete, welche der galizische Landtag einberufen soll, in dieser Hinsicht Wandel schaffen wird, soll noch dahingestellt bleiben. Dr. Löwenstein verspricht sich zwar von ihr viel Ersprießliches; wir aber können unseren Pessimismus nicht verheimlichen. Hat doch der galizische Landtag schon einmal in den 90er Jahren eine ähnliche Enquete veranstaltet, schöne und sogar manche sachlichen Beschlüsse wurden gefaßt und nichts ist bis heute geschehen, um wenigstens einen Beschluß wirklich zu realisieren. Auch darum wollen wir nicht an die Erfolge dieser Enquete glauben, weil wir ja doch den Landtag in: seiner alltäglichen Arbeit sehen und konstatieren, daß er nicht nur Liebe und Mitleid den Juden gegenüber nicht kennt sondern -daß er sogar, wo es nur möglich ist, direkt "die jüdischen Interesse« schädigt und Tausende Juden um ihr Brot bringt. . i Auch die Zenfralregierung in Wien wurde auf die Judenfrage in Galizien aufmerksam gemacht Der „Jüdische Klub" hat seinerzeit dem Ministerpräsidenten Beck die Lage der-jüdischen Bevölkerung geschildert und von ihm ein Versprechen erlangt, daß 'er die Frage,- die ihm bis nun ganz unbekannt war, studieren wird, um dann eine Aktion einzuleiten, welche die wirtschaftliche Hebung der galizischen Juden bezwecken wird. Vielleicht steht auch, die bevorstehende Einberufung der Enquete mit diesem Versprechen des Ministerpräsidenten in Zusammenhang, welcher aus seiner „passiven Neutralität" zu einer wohlwollenden Sympathie für die Juden wie er sich diesbezüglich ausgedrückt hat übergehen will. — - - Immerhin wäre es schon jetzt, angezeigt daß die Leitung der zionistischen Partei für diese Enquete entsprechende Vorbereitungen treffen soll. Wahrscheinlich werden nämlich auch Repräsentanten unserer Partei zu dieser Enquete eingeladen werden, und es wäre unbedingt nötig, daß unsere Experten mit einem fertigen statistischen Material und konkreten Anträgen kommen sollen. Entführung eines jüdischen Mädchens . In .Galizien stehen noch immer. Entführungen jüdischer Mädchen in christliche Klöster auf der Tagesordnung. Sie haben sogar bei uns schon aufgehört eine Sensation zu sein, 'da sie zum alltäglichen jüdischen Leben im Lande gehören. Die eifrigen Nonnen und unermüdlichen „Seelenretter" vollführen ihre „christliche" Arbeit immer rücksichtsloser, da die t Regierung ihnen in der Regel . Schutz gewährt. Konnte doch' schon vor einigen Jähren ein •österreichsicher Minister Pietak dem verzweifelten Vater eines entführten Kindes antworten;. „Vor der Tür des Klosters hört ' die Macht des Staates auf." Insbesondere aber jetzt wo Gessmann und Lueger in Österreich herrschen, können wir sicherlich nicht von der Regierung mehr Gerechtigkeit auch für die Juden verlangen. — Da haben wir also einen neuen Fall zu verzeichnen. Die minderjährige Anna Drachler wurde vor sechs Wochen in ein christliches Kloster nach Krakau entführt Nur durch einen Zufall erfuhr der Vater, wo sich seine Tochter jetzt aufhält. Die

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