Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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„Ja, ich will Ihre Mutter besuchen. Ich nehme, an, daß sie gefastet hat, obgleich ich es ihr verboten habe;" Sie traten in das kahle Zimmer ein und hoben die alte Frau sanft in die Höhe, trugen sie herunter, und legten sie auf ihr Bett.;Ich wäre schon vor einer Stunde hier gewesen*" sagte der Kantor, „aber ich wurde an das Sterbebett eines Mannes gerufen." „Ich: hoffe, daß dies hier -nicht, ein ähnlicher ■Fall werden wird," sagte der Doktor und flößte der Frau etwas Kognak ein. Sieöffnete ihre Augen. „Gerson, warum kommst du so spät? fragte sie hastig. „Haben Sie die ganze Zeit über gefastet?" fragte der Arzt und fühlte nach ihrem Puls. „Ja . . . nein ... ja. Ich weiß es selber nicht" stammelte sie. Ein Tropfen Milch — von dem Kind — unabsichtlich.. Aber ich will essen, ich bin fast verhungert. Schnell, die Megillah, dann will ich essen." Der Kantor fing an, die Geschichte Esthers mit •fröhlicher, Stimme zu verlesen, mit einer Stimme, welche sich von der Düsterheit der Umgebung sonderbar abhob. Die Äugen der Frau waren geschlossen; ihre Lippen bewegten sich, als ob sie den Text mitsagte. Aber der Kantor war kaum bis zum Namen Vaschti gekommen, als die tiefen Atemzüge seiner Mutter ihm geigten, daß sie in festen Schlaf gesunken war. Brief aus Galizien (Von unserem Korrespondenten) Die letzten Landtagswahlen - Die letzten Wahlen zum galizischen Landtag brachten den Zionisten — vtie wir schon berichtet haben— eine schwere Niederlage. Die allgemeine politische Situation hat sich nämlich im Lande ■diesmal so gestaltet, daß es den Zionisten unmöglich war, in mehreren jüdischen Wahlbezirken selbständig aufzutreten, da sonst ein Verlust jedweder jüdischer Vertretung im Landtage drohte. Die Leitung der national-jüdischen Partei sah sich daher gezwungen, von ihren eigenen Kandidaturen in Lemberg und Stryj. abzusehen, .^und auch in anderen Wahlbezirken, wie Drohobycz, Brzezany usw. •konnte keine ernste. Agitationsarbeit aufgenommen werden wegen des ungeheuren Terrors der Behörden und der Schikanen, welche die jüdischen Wähler zu erleiden hätten. Die öffentliche Stimmenabgabe und das Kurienwahlsystem erwirkten daher, daß in einer Stadt wie Stanislau, wo bei den allgemeinen Reichsratswahlen der zionistische Kandidat fast alle jüdischen Stimmen auf sich vereinigte, der konservative Polev. Bilinski und in Brzezany-Zloczöw ein Nationaldemokrat mit erdrückenden Majoritäten gewählt wurden. So kam es auch, daß ein Dr. Löwenstein in Lemberg ohne -einen zionistischen Gegenkandidat selbstverständlich leicht gewählt wurde und auch Dr. Fruchtmann sein Slryjer Mandat behaupten, konpte. In Krakau wiederschlossen die „Unabhängigen Juden" ein Kompromiß mit den polnischen Demokraten, welches ihnen ein Mandat sicherte; - der Kandidat dieser Partei, Dr.„Landau, erlangte, auch-trotz der starken Agitation ■ der Antisemiten und der mit ihnen verbündeten „Stanczyken" (Konservativen) eine sehr ansehnliche Stimmenahzahl ■ und erschien gewählt. Alle drei galizischen Handelskammern 'wählten diesmal lauter Juden; es wurden in dieser Kurie wiedergewählt: Dr. Kolischer aus Lemberg und Josef Sare. aus Krakau; die Handelskammer in Brody entsendete Dr. Rittel. Im neuen. Landtage werden :also sechs Juden sitzen, was für die jüdische Bevölkerung einen Gewinn von zwei neuen. Mandaten bedeutet. Der Landtag wird auch weiter zionistenreiri sein, ,.da die genannten sechs Abgeordneten lauter Assimilanten sind,' die auf das schärfste den Zionismus bekämpfen. Beteuerte doch erst vor kurzem ihr jetziger Wortführer, Dr. Löwenstein, auf polnischen .Wählerversammlungen, daß er, wie' einst Dr. Goldmann', der Begründer der Assimilationspartei, das Lemberger Mandat nicht annehmen würde, wenn man ihn als „jüdischen" Abgeordneten wählen will. „Wenn ihr mir aber als ehrlichem, patriotischem Polen das Mandat schenken wollet, bin ich euer Kandidat" Nicht allzuviel Gutes hat daher die jüdische Bevölkerung von diesen Vertretern zu erwarten, welche direkt jedwede Interessengemeinschaft der; Juden leugnen, besondere. jüdische Forderungen nicht* anerkennen wollen und die jüdische Bevölkerung hur als Anhängsel der Polen betrachten. Um so schwerer fühlen wir,die Niederlage, welche Dr. Brau.de, der zinistische Kandidat in Brody, erlitten hat Wie unentbehrlich scheint uns , nämlich in den gegebenen Verhältnissen'ein ehrlicher Kämpfer um die Zukunft des Judentums, der im Landtage die Assimilatibnswut des Herrn Löweristein et consortes lahmlegen würde.. Diese Niederlage fühlten wir um so empfindlicher, als wir uns bis zum letzten Moment der Täuschung hingaben," daß wenigstens diesmal der Terror in Brody nicht so schrecklich sein würde. Es kam aber anders,, als wir erwarteten. Zur Wahlkbmmission wurde kein einziger zionistischer Vertrauensmann zugelassen, ,:der. Steuerinspektor und Bezirkshauptmannsstellvertreter drohten. persönlich jedem jüdischen -Wähler mit den schwersten Maßregeln,, wenn er es wagen sollte, für Dr. Braude zu stimmen. Auch der. dortige Kultusvorsteher Bloch stellte sich eifrig in den Dienst um das ^bedrohte - Polentum" zu retten, und benutzte, alle Mittet um die Anhänger der zionistischen Kandidatur zu terrorisieren.'. Kein Wunder ^also, daß gegenüber solchen . mächtigen Gegnern unser Kandidat fallen mußte. Die allgemeine Zusammensetzung des neuen Landtages hat .in bezug auf seine Judenpolitik keine wesentlichen Änderungen gebracht. . Die polnischen Konservativen bilden hoch immer die stärkste Partei und verfügen .über die Hälfte der ganzen AbgeördnetenzahL Diese Partei ist zwar nicht ausgesprochen .antisemitisch; sie verfolgt aber bekanntlich — eine konsequent asemitische Politik, die überhaupt von jüdischen Bedürfnissen nichts wissen will. Auch die Bauernführer aus der polnischen „Volkspartei" bilden eine geschlossene Gruppe von Agrariern, welche die Entwicklung und den Wohlstand der galizischen Landwirtschaft nur in dem Herausdrängen der Juden aus den. Dörfern sehen. Diese beiden Parteien aber, die bei den Wahlen ein Bündnis geschlossen haben, werden im "Landtage feine große Majorität besitzen, welche sicherlich nicht zum Wohl des galizischen• Judentums tätig sein wird. Neue Parteiformationen im Assimilantenlager Bis jetzt waren die galizischen Assimilanten treue Diener der polnischen Schlachta oder auch der „gemäßigten" und prögrammlosen Demokraten,, die in den Städten die Oberhand besaßen;'" es war dies ein treuer ewiger Dienst welcher auf die tyrannische Unterjochung der jüdischen Bevölkerung zugunsten der herrschenden Partei gestützt für. die „Führer*? Ehrenstellen und vortreffliche Einkünfte brachte. Die Demokratisierung der Gesellschaft schreitet äbersogar in Galizien immer vorwärts, und.es ist nicht ausgeschlossen, daß nach einer gewissen Zeit die Gewaltpolitik des polnischen Adels ein trauriges Ende nehmen wird. Daher sind .die Assimilanten, die ihre Macht immer auf die Regierungspartei stützen, schon jetzt gezwungen, sich nach neuen, Herren umzusehen, denen ihr Sklavendienst willkommen sein wird.. Das ist der Grund dafür, daß; sich Dr. Aschkenase, einer der Führer der Polen-Juden, plötzlich als Anhänger der Volkspartei der polnischen Bauern erklärte. Die Volkspartei ist nämlich seit den Reichsratswahleri in die Größe gewachsen, und sie wird in der nächsteh Zeit — wie es scheint — aus der Opposition, die sie. bis nun gegen den Adel trieb, zuliebe "der. gemeinsamen, agrarischen. Interessen ' in' die Regierungspartei als Verbündete der Konservativen übergehen.' Dr. Aschkenase ist — wie Verlautet — .offiziell in \ die .Volkspartei eingetreten. Was einen Juden, dessen Nation in sejner überwiegenden Majorität eine .' Städtebeyölkerung'bildet, .mit den'" übrigens, antisemitisch gesinnten polnischen "Bauern verbindet kann uns gar nicht .einleuchten. Dr- Aschkenase, der auch* Herausgeber .des Organs der. Assimilaritenpartei, 'de'r.„Jednosctt (Einigkeit) ist,, be'geht überhaupt gern politische ' Unmöglichkeiten.. Als'oppositiohellet, radikaler JDemokrat hat er sich;wähfend der Reichsratswahlen ^öiit der konservativ-reaktionären '„Rada navodowä*? verbunden, nur unx die Zionisten zu'bekämpfen. Er erlitt aber damals, in Stryj' «ine schmähliche Niederlage; während der zionistische Kandidat Dr. Salz. mit . einem Sozialisten, in die Stichwahl kam. Nach den Wahlen : ward; aber der geistige Kopf .'der Juden-Polen : wieder. ein ausgesprochener Oppositioneller. ' Er ist einer der gehässigsten' Gegner des Zionismus, der. zusammen; mit seinem-Genossen Feldstein vor keinem Mittel zurückscheut um unsere Partei zu vernichten.. Die., beiden genannten Herren .'greifen., sogar oftmals zur Denunziation, uminsbesondere die zionistischen Lehrer und. Schüler vor den polnischen Behörden anzuklagen. Sie sind, es auch, weiche , zusammen mit dein Redakteur der „Jedhosc", Merwin, einem zynischen, haltlosen Individuum,.den - gemäßigten Flügel der Assimilanten, dem ältere Führer und