Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. .11 D I E l Treppengeländer fest und gelangte so auf die erste Stufe.. Sie glaubte, ihre Knochen zerb'rächen. Eine schreckliche Müdigkeit überkam sie; aber das klagende Weinen des Kindes spornte sie ^an, und so erzwang sie sich Schritt für Schritt den Weg nach oben, bis sie endlich ihr Ziel erreichte. Die Tür war ein wenig geöffnet, und als sie sie ganz aufmachte, sah sie in ein Zimmer, welches durch eine Kerze schwach erleuchtet war. Erst blieb alles still, und sie bemerkte ein zerlumptes Bett, einen alten Tisch und einen zerbrochenen Stuhl. Kaum aber hatte sie einen Schritt ins Zimmer hineingetan, als abermals das Weinen ertönte; wie sie jetzt sah, stand heben dem Kamin, in dem ein schwaches Feuer brannte, doch ganz in Dunkel gehüllt, eine kleine Wiege. Als sie sich ihr näherte, streckte ihr das Kind die Händchen entgegen. Sie beugte sich über das Kleine, murmelte ein paar beschwichtigende Worte und trocknete seine kleinen nassen Wangen. „Ach, du kleiner Schreihals, was willst du?" fragte sie und ordnete die Decke der Wiege. Aber das Kind fing, wieder zu schreien an. Es strampelte mit den Füßen, und eine Flasche schlug gegen den Rand der Wiege. „Ah, jetzt verstehe*ich," sagte die alte Frau, indem sie die Flasche zur Hand nahm und sah, daß sie ganz leer war, „Du willst zu trinken haben, du kleiner Schreihals! Sei ruhig, und du wirst befriedigt werden." ' Sie vergaß alle ihre Schmerzen und ihren Hunger, nahm das Licht zur Hand und suchte im Zimmer nach Milch. Aber sowohl die Kanne als auch der Topf waren leer, und auch im Schrank war nichts zu finden. Da kam ihr ein Gedanke: sie mußte zurück in ihr Zimmer und ihre Milch heraufholen. „Sei ruhig, ich binbald wieder zurück," sagte sie, und das Jiilflose Geschrei des Kindes erweckte in ihrem alten Herzen all' die mütterlichen Gefühle vergangener Tage. Von dem einen Gedanken, das Kind zu sättigen, ganz erfüllt, tastete sie sich wieder die Treppe hinunter und kam, ohne innezuhalten, in ihr Zimmer; dort nahm sie den Krug mit Milch aus dem Schrank, ihre Hand zitterte, sie schlürfte die Mauer entlang und begann zum zweiten Male den mühsamen Aufstieg. „Ruhig, ruhig, ich komme", rief sie mit schwacher Stimme, als sie endlich wieder das Zimmer erreichte. Sie goß etwas Milch in den Topf und setzte ihn aufs Feuer. Dann beugte sie sich wieder über das Kind in der Wiege und begann ein Lied zu summen. Es war lange, lange her, seitdem sie dies zuletzt getan hätte! Die Worte fielen ihr nach und nach ein, und die Melodie-kam allmählich in ihr Gedächtnis zurück; „Wir spielen jetzt noch kurze Zeit, Dann geht das Kind zur Schule fort, Dort lernt es fleißig Gottes Wort, Die Thora, die das Herz erfreut." Das Kind' hörte ernst zu, als ob es alles verstünde, und sie war so mit ihrem neuen Schützling beschäftigt, welcher sie an ihren verstorbenen kleinen Sohn erinnerte, daß sie fast die Milch vergessen hätte. Zum Glück kam sie noch zurecht, um. sie am'Oberlaufen zu verhindern. „Na du kleiner Kerl, jetzt wirst du wohl still und ruhig werden," murmelte sie. Sie goß die Milch in die Flasche und setzte den £ELT , 9 Gummipfropfen wieder hinauf. Aber die Flasche war heiß", und instinktiv setzte sie den Pfropfen an ihre Lippen, um die Milch zu kosten. Sie saugte ein- oder zweimal und. fühlte deutlich eine Erfrischung. Dann als sie die Flasche dem Kind in den Mund steckte, wurde sie plötzlich von schrecklichen Gewissensbissen überfallen, — sie hatte „angebissen", noch bevor sie die Megillah gehört hatte. Sie war einer Ohnmacht nahe und sank in einen Stuhl neben der Wiege. Sie hatte eine Sünde begangen, — eine Sünde, nachdem sie den ganzen Tag über sich so tapfer gehalten hatte. Es war zwar schon Nacht, aber sie war gewohnt, die religiösen Vorschriften mit einer Strenge auszuüben, wie nur der es kann, der Gewissen hat und von Oberzeugung beseelt ist: und da sie die Milch getrunken, noch bevor sie die Megillah gehört hatte, fühlte sie, daß ihr Fasten ohne Gültigkeit war. Aber ihre- Handlung war unabsichtlich geschehen, fast unbewußt, und sie konnte ihr sicherlich nicht als Schuld angerechnet werden. Wie oft hatte sie nicht ihren Mann, der im Talmud sehr bewandert war, über die verschiedenen Grade von Sünden disputieren hören, über den Unterschied zwischen einer Handlung, die vorsätzlich, und einer solchen, die unabsichtlich getan war. Der Singsang seiner durchdringenden Stimme klang ihr jetzt in den Ohren. Sie sann hin und her, ob sie wirklich eine Sünde begangen hatte oder nicht, ihre Empfindungen "schwebten zwischen Verzweiflung und Erleichterung hin und her, und im Einklang mit ihren Gefühlen begann sie die Wiege zu schaukeln . . wie froh das Kind jetzt war! — es ahnte nichts von den Kämpfen, die es ihr verursacht hatte. Sein zufriedenes Aussehen tat ihr so wohl, daß sie ihm wieder ein Wiegelied sang: „O Kinderjahre, Zeit des Glücks, v Warum müßt ihr entrinnen? Kein Vogel fliegt so schnell wie ihr, Kein Auge sieht euch fliehn von hier, Ihr eilt so rasch von hinnen." Ihre Stimme wurde schwächer und schwächer und sie versank wieder in Schlaf. IV. Als die Mutter des Kindes zurückkehrte, wurde sie durch den Anblick, der sich ihr bot, aufs höchste beunruhigt. Aber sie war bald Herrin der Situation und sah, daß hier mit größter Vorsicht zu Werke gegangen werden , wußte, sie eilte hinunter und stand dem endlich . erschienenen Kantor gegenüber. „Schnell", Ihre Mutter ist in meinem Zimmer," sagte sie, „sie schläft." Sie gingen beide leise hinauf und standen stumm vor dem Anblick, der sich ihnen bot.. „Wie kam sie hier herauf?" fragte der Kantor. „Ich mußte ausgehen, und das Kind hat wohi geschrien, und da ist sie wohl heraufgekommen, um zu sehen, was da los ist." Die Frau ging an die Wiege. „Sie hat dem Kinde eine Flasche Milch gegeben," sagte sie voller Erstaunen, „hier ist ihr Krug." Der Kantor ging hinunter, um Hilfe herbeizuholen, denn er wollte seine Mutter wieder in ihr eignes Zimmer bringen. „Sind Sie das, Dr. Falk?" fragte er, als er einem -Manne auf der Treppe begegnete.