Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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V -H^r-^H-^^ ■ DIE LT : "welche ihre Enkelin Rahel ihr gestern gebracht hatte. Ein Stückchen Wurst, etwas Weiß- und Schwarzbrot, eine fettige Flasche mit Öl, ein Krug mit Milch; ein paar Eier, einige Apfelsinen und — möge diese Tatsache den geneigten Leser nicht zu falschen Schlüssen verleiten — eine Flasche Kognak. Sie überblickte den Vorrat mit Befriedigung. Ihre Schwiegertochter war wirklich nicht von sanfter Gemütsart, aber sie besaß ein Herz, und der Schrank der alten Frau war "niemals leer. Der Fisch war gerade geeignet, ihn zum „Anbeißen" nach dem Fasten zu verwenden. Sie verschlang ihn gierig mit den Äugen und berührte ein saftiges Stück, das voll von Rogen war, mit dem Finger. Ah; es war noch frisch und zart; sein herrlicher Duft kitzelte ihren Gaumen. Sie schloß den Schrank und begann mit müden langsamen Bewegungen ihr Bett wieder in Ordnung zu bringen. Das Merkwürdige, das darin lag, daß* sie ihren •Geburtstag durch Fasten feiern mußte, hatte ihr oft zu-denken gegeben; aber sie fragte nie, warum das Schicksal die Dinge so bestimmte und nicht anders, :— auch wenn ihr etwas noch so ungerecht erschien. Die Vorschriften ihrer Religion hatten ihr stets bei allen Vorkommnissen ihres Lebens als Richtschnur gedient; und obschon sie ihr manchmal körperliches Unbehagen verursachten, so war dies nichts gegen das Gefühl des. Glücks, welches ihre Seele erfüllte bei dem Gedanken, daß sie einem höheren Gesetze gehorchte. Sie griff, nach einem Strumpf, an dem sie schon am Tage vorher gearbeitet hatte, und begann mit ihren" steif gewordenen Fingern zu stricken. Ab und zu ließ sie die Arbeit in den Schoß sinken, lehnte sich matt in ihren Sessel zurück und blickte ins Feuer. 1)ie Nadeln entglitten ihren Händen, sie ließ ein paar Maschen fallen. Das brachte sie wieder zu sich, und sie versuchte, in ihrer Arbeit f Drtzufahren: aber bald wurde sie wieder, sei es durch irgendeinen Schmerz, sei es durch einen Hustenanfall, darin gestört, und der halbfertige Strumpf ■ iiel zur Erde. Als der Knäuel sich dabei aufwickelte, bemerkte sie, daß die Rolle bald leer war und die Wolle zu Ende ging; und es kam ihr dabei der Gedanke, wie leer sie selber sei, und daß es mit ihr wohl auch bald zu Ende gehen würde. Sie versank wieder auf einige Zeit in Träumerei. Wie lange dieser Zustand dauerte, wußte sie nicht, •denn im Zimmer war keine Uhr. Es war behaglich, im Lehnstuhl zu sitzen und die kleinen Flämmchen zu beobachten, wie sie ineinander züngelten oder in die Höhe strebten, während ihre Gedanken gleichfalls ein eigenartiges Spiel trieben, sich bald kreuzten, bald auseinandergingen und sich wiederfanden. Sie wußte nicht, ob sie träume oder wache. Nur ab und zu empfand sie, daß die Bilder und Szenen, die sie in ihrer Phantasie vor sich sah, sich hin und wieder plötzlich veränderten, und daß dieses stets durch irgendein Geräusch auf der Treppe oder durch ein lautes Gelächter im Nebenraume veranlaßt wurde. — Endlich stand sie auf, hielt sich mit beiden Händen am Kaminsims fest und bewegte sich instinktiv zum Schrank hin. Ach, ein Tröpfchen von - jenem Kognak würde sie neu beleben! Sie zog den . Pfropfen aus der Flasche und atmete den Duft des Likörs tief ein. Dann machte sie, einem plötzlichen. Impulse folgend, die Flasche wieder zu und ging ans Fenster, um hinauszublicken. Die Sonne war "bereits untergegangen, und sie No. ii: schauteauf die enge schmutzige Straße hinab, auf welcher sich ärmlich aussehende Leute hin--und herbewegten. Einige Kinder spielten in. der Gasse so froh, als ob sie in einem Parke spielten. Ein lahmer Mann humpelte mit einem. Korb voll Zitronen daher. Ein hübsches junges Mädchen mit schwarzen Zöpfen kehrte mit einem Sack voll halbfertigen Kleidungsstücken in die Werkstatt ihres Vaters zurück; jetzt-kam eine Frau vorbei, welche einen Handwagen mit merkwürdig'geformtem Backwerk vor sich hinschob. Esther betrachtete dieses sich fortwährend verändernde Bild, aber ihre Gedanken waren bei ihrem Sohne, und sie dachte darüber nach, wie lange sie wohl noch zu warten haben würde. Es wurde dunkler und dunkler, und als sie jetzt wieder auf die Straße hinabsah, bemerkte sie die hagere Gestalt des Rabbiners der nahen Synagoge, welcher, begleitet von seinen zwei Söhnen, schnellen Schrittes nach dem Bethause eilte.. Jetzt konnte es nicht mehr sehr lange dauern. Aber sie war vom Stehen müde geworden, , ihr Hunger wurde immer grimmiger; und so hinkte sie nach ihrem Armstuhl zurück und verfiel in Schlaf. III. Was war das? Sie erwachte mit einem Ruck und - blickte ängstlich umher. Gespenstige Schatten huschten, durchs, Zimmer, in dem es ganz dunkel war, denn das Feuer glimmte nur noch. Ein trauriges, gebrochenes Weinen hatte sie geweckt; es verstummte ab und zu, um bald darauf mit doppelter Kraft zu ertönen. Sie horchte gespannt äuf. Es war das Schreien eines Kindes — unartikuliert und krampfhaft — und schien von oben zu kommen,____Wie lange hatte sie so geträumt? Oder träumte sie noch immer? Nein, der Schrei war Wirklichkeit, es war keine Vorspiegelung der Phantasie. Es mußte wohl das Kind der armen polnischen Frau sein, die erst vor wenigen Tagen angekommen war, um ihren verschollenen Mann zu suchen. Das Kind schreit so, dachte sie bei sich, undweiß doch noch nichts von den Sorgen seiner Mutter und von den Kämpfen, die es selbst erwarten. Sie 'versuchte, aufzustehen, aber sie fühlte sich ganz verwirrt,, schwach und müde.. Sie sank wieder in den Stuhl zurück und murmelte: Wann wird er endlich kommen? Es mußte schon sehr spät sein, das Feuer war schon ganz niedergebrannt, und sie hatte das Gefühl, als ob sie lange und tief geschlafen hätte. Der Gottesdienst war sicher schon längst vorbei! . . . . Wieder ein Schreien des Kindes, klagend, langanhaltend. Vielleicht war die Mutter ausgegangen und hatte das Kind schlafend zu Hause gelassen. Sie mußte hinaufgehen, nachsehen! Mit dem ganzen. Aufgebot ihrer Kräfte hielt sie sich am Kamirisims fest, und erhob sich langsam, ach, wie sehr sie hungerte! Sie wankte zum Tisch und zündete mit zitternden Händen die Lampe an. Dann sank sie aufs Bett zurück und hätte sich am liebsten hingelegt. Kam er denn noch immer nicht, um sie von ihren nagenden Schmerzen zu befreien?,.....Wieder drang der Schrei des Kindes durch die Nacht. Sie ergriff das Geländer des Bettes und zwang sich, vorwärts zu kommen. Schritt für Schritt, bis sie die Tür erreichte. Sie öffnete sie weit und horchte. Das Kind schrie noch immer, aber seine Stimme wurde schwächer und schwächer. .:. . . Waren denn alle andern Leute im Hause taub? Sie tastete sich durch den Flur, die.Wand.entlang^ bis sie zur Treppe kam. Dann hielt sie sich am