Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No, 1.1 DIE3^€LT TAANITH ESTHER Eitie Purimgeschichte Von ISRAEL COHEN (Aus dem englischen Manuskript übersetzt von Noemi Baneth) I. . Die Zeit war ihr langsam vergangen; der eine Tag schien eine Ewigkeit,..— denn noch niemand hatte sie heute auf ihrem Krankenlager aufgesucht. Sie lag nun schon fast eine Woche darnieder, und der Doktor hatte ihr — in der ihm eignen freundlichen Art —aufs bestimmteste eingeschärft, daß sie ohne seine Erlaubnis, das Zimmer nicht verlassen dürfe. In letzter Zeit war sie sehr gealtert und. oft von Krankheiten .heimgesucht worden. Sie konnte sich nicht genau darauf besinnen, wie alt sie sei, — ob 82 oder 83 Jahre. Sie wußte nur, daß ihre Zweifel, ob sie ein Jahr älter oder jünger sei,, vor zehn Jahren begonnen hatten, — nach ihrer ersten schweren Krankheit. Damals war sie aus einem häßlichen Traume erwacht, und alle ihre Gedanken waren verwirrt. . Seit jener Zeit bestand sie auch darauf,, allein zu wohnen und verließ das Haus ihres Sohnes und ihrer zanksüchtigen Schwiegertochter, — sie wollte unabhängig sein, ihre eigne Herrin im eignen Hause, — und wenn es auch ein noch so bescheidenes war. Der Doktor hatte sie erst gestern besucht und ihr gesagt, daß sie noch immer zu schwach sei, um den scharfen Frühlingswinden trotzen zu können. „Aber die Megilläh, — wie kann ich denn die Megillah morgen abend hören?" fragte sie, und ihre Augen waren voller Furcht auf den Arzt gerichtet. „Die Megillah muß zu Ihnen kommen, liebe Frau, und Sie könnenHaman hier mit der Feuerzange schlagen", anwortete der junge russische Arzt, und Seine Gedanken weilten in diesem Augenblick in seinem russischen Heimatsstädtchen, und er gedachte der Purimfeste vergangener Jahre. „Essen und trinken Sie nur recht viel," fügte er noch hinzu, „und bereiten sie sich einen echten Freudentag,. — dann werden sie bis. 120 Jahre leben. „Heute werde ich Ihren Rat befolgen, aber morgen ist ein Fasttag, Taanith Esther," erwiderte sie. „Was will das sagen!" antwortete er. „Sie sind alt und kränklich; und Sie dürfen Ihr. Leben nicht in Gefahr bringen. Sie brauchen nicht zu fasten." „Ach, mein Sohn", sagte-sie und schüttelte ihren Kopf, „Sie reden Unsinn. Dieser Fasttag ist mein Fasttag. Ich wurde an ihm geboren und heiße Esther, und von meinem zwölften Jahre an'habe ich stets an ihm gefastet. Manchmal kommt es mir vor, als ob ich auf diese Art Buße dafür tue, daß "ich geboren wurde. Das sagte auch immer mein Mann, Gott hab' ihn selig." Dann blickte sie auf ihre dünnen, fleischlosen Hände, welche im Scheine des Kaminfeuers fast durchsichtig waren, und sagte: „Mein Körper ist zwar alt und schwach, aber mein Herz ist noch stark und voller Glauben und Vertrauen zu Gott, und ich werde nicht von dem Wege weichen, den ich mein ganzes Lehen hindurch gewandelt bin." So hatte sie es mit eisernem Willen durchgesetzt, zu fasten, obgleich sie dem Tag mit Furcht entgegensah. Ihr Sohn, der gefeierte Vorbeter der kleinen Synagoge in der Nähe ihres Hauses, hatte ihr versprochen, sofort nach dem Abendgottesdienst zu ihr zu kommen, um ihr die Megillah vorzulesen. Denn bevor dies nicht geschehen war, hätte sie keinen Bissen zu sich genommen. Sie wußte und fühlte, daß sie sehr krank war, und daß der Rat des Doktors vielleicht nicht unberechtigt war. Aber — schließlich das Leben hatte ihr nicht so viel Freudiges gebracht, als daß sie den Wunsch gehabt hätte, es um jeden Preis zu verlängern. Und dann — da sie die Spanne Zeit, die es dem Menschen vergönnt ist, auf Erden zu weilen, fast überschritten hattet so mußte sie sich jetzt vor allem auf das zukünftige Leben vorbereiten. II. Es war bereits Mittag, als sie sich mühsam von ihrem Lager erhob, denn sie wollte sich nicht den schweren Tag dadurch erleichtern, daß sie versuchte,, ihn zu verschlafen. Ihre Glieder waren steif, und . ihr ganzer Körper wurde ab und zu von einem heftigen Husten durchrüttelt. Ihre Hände zitterten, als sie den Kaminrost reinigte, um Feuer zu machen. Und als das Holz endlich zu knistern anfing und sich dann auch .die Kohlen entzündeten, streckte sie ihre knochigen Finger aus, um sie zu wärmen und rieb ihre Hände schwach und-kraftlos aneinander. Sie blieb auf einem niedrigen Holzstuhl sitzen, bis alle Kohlen sich in eine flammende rosige Glut verwandelt hatten, und ihr Blick war so unausgesetzt auf das Feuer gerichtet, daß vor ihrem geistigen Auge allmählich die verschiedenen Erlebnisse ihres langen ereignisvollen Daseins aus den Flammen auftauchten. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, denn es war Mittagszeit, und das kleine düstere Häuschen, in welchem zwanzig verschiedene Familien eng beieinander wohnten, strömte die gemischtesten Düfte aus neunzehn verschiedenen Küchen aus. Sie war überzeugt davon, daß sie die einzige im ganzen Hause war, welche den Fasttag hielt, wie es das Gesetz vorschrieb. Sogar der Religionslehrer aus dem ersten Stock mußte wohl eben bei seinem Leibgericht, Kartoffelsuppe, zu Tische sitzen, obgleich er erst am Abend vorher die Gesetze des Fasttages seinen Schülern erklärt hatte. Sie hielt sich am. Kaminsims fest und machte den anstrengenden Versuch, aufzustehen, — dabei hatte sie das Gefühi, als ob alle ihre Knochen brächen. Der zerbrochene Spiegel .über dem Kamin zeigte ihr ein eingesunkenes Gesicht, dennoch war er ihrem Herzen teuer: denn wenn sie in ihn blickte, so sah sie wenigstens einen Menschen, — andere bekam sie nicht allzu oft zu sehen. Mit mädchenhafter Eitelkeit ordnete sie ihren Scheitel und betrachtete die Runzeln, welche ihr ganzes Gesicht durchfurchten, die eingefallenen gelben Wangen und die dünnen vertrockneten Lippen, mit dem' Gefühl eines Menschen, welcher dem einzigen Freund, den er hat, gegenübersteht. Die Tür ihres Schrankes stand offen, und sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, seinen Inhalt prüfend zu überblicken. Nur die unterste Reihe hatte für sie Interesse, denn diese eine Reihe genügte, um ihren kleinen Vorrat an Speisen aufzubewahren; die obern Fächer hätte sie auch nicht erreichen können. Da stand eine kleine Schüssel mit gebratenen Fischen,