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Die Welt · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Staatszugehörigkeit besäßen, würden im allgemeinen nicht zugelassen. Es sei daher zu begrüßen, daß durch diese Verfügungdie Leute auf die ihnen drohenden Unannehmlichkeiten aufmerksam gemacht und so vor Schaden und den Kosten einer vergeblichen Reise bewahrt würden. Es ist klar, daß diese Antwort um den Kern der Sache herumgeht. Wenn wirklich die russische Regierung den Wechsel der Staatsangehörigkeit als strafbares Vergehen betrachtet, so ist nicht einzusehen, inwiefern die amerikanische Regierung nicht verpflichtet ist, für einen -ihrer Untertanen einzutreten, der wegen dieses Vergehens in Rußland verfolgt wird, das doch nach amerikanischen und allgemein-menschlichen Begriffen kein Vergehen ist Und anderseits, wie verhält es sich mit eingeborenen amerikanischen Juden? Warum werden ihnen keine Pässe nach Rußland ausgestellt? Unterstehen sie auch den russischen Gesetzen und kann die amerikanische Regierung auch für sie nicht eintreten? Und wenn das russische Gesetz sich auf alle Russen, gleichviel welchen Glaubens und Stammes bezieht, warum spricht die erste Verfügung nur von Juden? Liegt nicht der Schluß nahe, daß der amerikanischen Regierung bekannt ist. daß dieses famose Gesetz nur gegen Juden angewandt wird, und hat sie es nicht durch ihre Verordnung sanktioniert? Die Sache kam auch im Parlament zur Sprache, freilich ohne besonderen Erfolg. Immerhin hat die Debatte bewirkt, daß die Frage in den Mittelpunkt des Interesses gestellt wird, und sehr eifrig wird jetzt nach den Gründen gefragt, die das Staatssekretariat zu seiner unhumanen und unamerikanischen Stellungnahme veranlaßt haben können. Einige Zeitungen bringen die Rußlandreise des Staatssekretärs Taft damit in Verbindung. Die Lage in Marokko Das Deutsche Bureau der Alliance Isra&ite Universelle stellt uns nachstehenden Bericht des Allianceschulleiters Pisa zur Verfügung: Casablanca, 13. Februar 1908. In Ergänzung meines Schreibens vom 9. Februar teile ich Ihnen mit, daß 30 neue Flüchtlingsfamilien aus Settat gestern hier eingetroffen sind. Ihr Zustand war ebenso kläglich, wie der des Zuges vom 9. Februar. Die Zahl der Flüchtlinge ist nun auf 255 gestiegen, Männer, Frauen, Kinder. Die neu angekommenen 30 Familien hatten während des Bombardements der Kasbah Settat nicht verlassen wollen. Aber aus Furcht vor einem erneuten Angriff der Araber entschlossen sie' sich, den französischen Truppen bis Casablanca zu folgen. Alle sind einstimmig in dankbarer Anerkennung für die hochherzige Gastfreundschaft der Offiziere und Soldaten. Der Artilleriekommandant Massenet ließ Frauen und Kinder auf die Munitions- und Proviantwagen setzen, obwohl die Tiere recht ermüdet waren. Kapitän Vernier überließ sein Pferd einer armen blinden Frau und marschierte 5 Stunden lang neben ihr zu Fuß. Noch andere ähnliche Handlungen der Nächstenliebe werden berichtet. Heute besuchte mich Scheik Ben-Omar, der auf meine Empfehlung die Israeliten so wirksam geschützt hat. Mit ihm kam Herr Carl Ficke, der Doyen der Deutschen Kolonie. Sie bestätigten mir Punkt für Punkt den Bericht, den ich Ihnen ehegestern geschickt habe, und fügten einige Einzelheiten hinzu, die absolut zutreffend befunden worden sind. Bei dem Abmarsch der Franzosen nach der ersten Besetzung von Settat warfen sich die Araber auf den Mellah mit der Absicht, die Juden zu vernichten, weil sie die französischen Truppen begrüßt hatten. Etwa 40 Israeliten wurden getötet, dem Morden wurde erst ein Ende bereitet, als Scheik Omar in Person zum Schutze des Mellah sich dort einfand und eigenhändig einen Plüpderer tötete, um offenbar zu machen, daß er die Räuberei nicht dulden wolle. Dank dieser Haltung wurde den Übriggebliebenen das Leben gerettet. Scheik Omar hat mir versichert, daß viele Juden jenseits Settat zurückgeblieben sind und wahrscheinlich nach dem zweiten Abmarsch der Franzosen den Tod gefunden haben.. . Scheik Omar, der von den französischen Truppen gefangen genommen und dann wegen seiner loyalen Haltung wieder in Freiheit gesetzt worden war, ist im Begriff, nach Settat zurückzukehren. Er wird mir schreiben, ob die Rückkehr der Israeliten dorthin möglich sein wird. Is. Pisa. Fünfte Tagung der Deutschen Konferenz^ Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle Am Dienstag, 25. Februar, hat die aus den deutschen Mitgliedern des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle bestehende Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der A. I. U. ihre fünfte Jahrestagung in Berlin im Saale des Brüdervereins gehalten. Die zur Teilnahme Berechtigten aus allen Teilen Deutschlands und die Mitglieder des Berliner Lokalkomitees waren fast vollzählig erschienen oder harten legitimierte Vertreter entsandt Vom Zentralkomitee in Paris war dessen Geschäftsführer delegiert. Den Vorsitz führten die Präsidenten der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, Geheimrat Goldberger-Berlin und Charles L. Hallgarten-Frankfurt a. M., die den ausführlichen und mit allseitiger Zustimmung aufgenommenen Rechenschafts- und Arbeitsbericht für das Jahr 1907 erstatteten und den Arbeitsplan für 1908 entwickelten. Mit Befriedigung wurde festgestellt daß die Zahl der Mitglieder im vergangenen Jahre wieder um Tausende gewachsen ist dank der von der vorigen Tagung ^beschlossenen und inzwischen fast vollständig durchgeführten strafferen Zentralisierung, einer eifrigen Propagandatätigkeit durch Vorträge und der Verbreitung des Organs der Konferenz- Gemeinschaft, der illustrierten Monatsschrift „Ost und West". Im Laufe des Jahres 1907 sind 48 neue Lokalkomitees der Alliance geschaffen, 21 bestehende erweitert worden. Die helfende, aufrichtende und unterrichtlicheTätigkeit der Alliance Israelite Universelle blieb auch im vergangenen Jahre weltumfassend: in 142 Elementar- und Vorbereitungsschulen für Knaben und Mädchen, in Handwerker¬ und Ackerbauschulen, die über 3 Erdteile verbreitet sind, werden 45 000 Zöglinge unterrichtet, vielfach auch gekleidet und gespeist. Für dieses Hilfswerk hat die Alliance im ordentlichen Etat 1 l/s Mill. Francs aufgewendet. Mit besonderer Genugtuung wurde die Mit teilung entgegengenommen, daß in den jüngsten Tagen wieder in Constantinopel-Galata eine Alianceschule mit deutscher Unterrichtssprache eröffnet worden ist. — Durch den Geschäftsführer des Pariser Zentralkomitees Herrn Bigart wurde davon Kenntnis gegeben,, daß die Falascha-Expedition der Alliance bereits bei dem Negus von Abessynien eingetroffen ist und daß die Alliance, sobald die Ratsamkeit sich ergeben hat, alle erforderlichen Maßnahmen zur erziehlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Hebung der Falaschas treffen wird. Die Tätigkeit der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft war vornehmlich auch den räumlich näherliegenden Arbeitsfeldern zugewendet: den durchwandernden russischen Glaubensgenossen, und namentlich den Ausgewiesenen widmete sie ihre unterstützende und fördernde Fürsorge. — Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft erörterte eingehend und in bejahendem Sinn die Frage der Ausdehnung beziehentlich Einführung deutschen Sprachunterrichts in einzelnen Allianceschulen, u. a. in Marokko, . und der durch besondere Umstände uni ein Jahr verzögerten Entsendung von Zöglingen des Pariser Lehrerseminars der Alliance nach Deutschland zum Zweck der Erlernung der deutschen Sprache. Dem allgemeinen Bericht schlössen sich die Sonderberichte _ der einzelnen Bezirks-, Provinzial- und Landeskomitees an. — Ober die von Herrn Professor Phüippson gegen die Alliance gerichteten Angriffe ging die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft unter Billigung der vonden Präsidenten des Zentralkomitees und der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft seinerzeit veröffentlichten. Erklärung zur Tagesordnung über. lg2SNOTIZEN Eine jüdische Universität in Jerusalem Im „Jewish Chronicle" veröffentlicht der Dozent für rabbinische und talmudische Literatur an der Universität Cambridge, Mr. Israel Abrahams, einen Vorschlag wegen Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem. Uns ist ja ein solcher Plan nichts Neues, gehört er doch zu den ersten Plänen praktischer Art, die im Anschluß an die zionistische Bewegung aufgetaucht sind. Um so mehr dürfte es interessieren, zu erfahren, was ein außerhalb unserer Bewegung Stehender über diese Idee zu sagen weiß. Herr Abrahams führt u. a. aus: „Wie verhält es sich mit der Frage einer jüdischen Universität? . Das erste Argument dafür muß meines Erachtens aus der gegenwärtigen Lage der jüdischen Studien gezogen werden. Es gibt. eine große Zahl jüdischer Seminare in verschiedenen Ländern, aber ihr Einfluß ist durchweg lokaler Art. Es gab eine Zeit, wo das Seminar in Breslau Studierende aus jedem Teile der Erde anzog. Der Ruf von Frankel und Graetz waren zum Teil dafür die Ursache, aber ebenso auch der Umstand, daß das Breslauer Seminar, das 1854 gegründet wurde, das erste seiner Art und längere Zeit auch das einzige war. Allmählich indessen errichteten Budapest Berlin, Wien, London, Cincinnati, Florenz, New York und andere Städte ihre eigenen Seminare, und seit dieser Zeit ist kaum mehr eines von ihnen international. Die Studenten jeder einzelnen Anstalt gehören durchweg einer Nationalität an. Keine von ihnen steht an der Spitze und überragt die andern, es existiert keinerlei Hegemonie,

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