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Die Welt · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nein, nicht einmal so viel — höchstens eine lächerliche Opium-Salon-Pantomime. „La belle Leison" ist nicht das Exemplar einer Hetäre, einer gefährlichen, wilden Katze, die einen starken Mann bezwingen, überfallen, nach sich1 ziehen kann.' Und er — wie sklavisch er auf dem Boden kroch! Nicht lebenskräftig/ nicht einmal schändlich feige — gar nicht! Ein armer dummer Junge. Ich glaube in diesem Fall auch etwas Typischjüdisches zu sehen. Natürlich nicht vom Standpunkte der antisemitischen Hetzpresse, die .Je juif" schrie und geiferte. Dieses Gebrüll ist gemacht. Gegen Ulmo könnte'man 10—20—30, wieviel man will, Verratsfälle von Nichtjuden aufstellen. Aber hier steckt etwas anderes: die Antithese des Juden —, das entjudete, schwache, weichliche, nachahmende. Wesen, ohne sittlichen Halt. Nicht so ist der Jude, wenn er Jude bleibt. Hoch trägt ihn sein Ideal über den Schlamm des Sumpfes. Des Lebens Bürde drückt ihn zu Boden, aber die Seele steigt wie der Adler gegen den Himmel. In. dem Juden verkörpert sich der tiefe Ernst des Lebens. Oft sehwach am Leibe, aber mächtigen Geistes, mit karger Nahrung, Armut und unter erbitterten Feinden, mit den geringsten Forderungen an die Welt, wandert er seinen Weg. Der typische Jude ist ein Mensch, der mit Mühe und Kampf seine Familie ernährt, an seinen Eltern hängt, gewappnet gegen die Aufwallungen der tierischen Natur, streng und besonnen. Die Auflösung unserer sittlichen Kräfte fördert solche, glücklicherweise vereinzelte Dekadenzerscheinungen, wie Ulmo, an den Tag. "Das Unwillkürlichjüdische kommt hier nur in dem Mangel des Starken, des Teuflich-frechen, zum Ausdruck.« Wenn ein Esterhazy so etwas macht, so macht er es mit großer Geste, mit. verbrecherischer Tüchtigkeit. Er verspürt keine Reue und läßt sich nicht so schnell packen. Er läßt sich auch nicht von einer einzigen und so elenden „Grisette4" bestricken. Nein, ich bin entschieden der Ansicht, daß Dionysos kein jüdischer Gott ist, und will ihm ein Jude dienen, so ist dieser Dienst stümperisches, nachäffendes Flickwerk. * * . Die Komödie der Enthüllungen. — Schnell wurde ein anderer auch zu einem Juden gemacht: ein Herr mit deutschem Namen, österreichischer „Nationalität", der um Wasser- und Luftschiffe herumgeschnüffelt haben soll. Dieser Wasser- und -Luftmensch wurde schnell abgeschoben. Situationsstoff für die Zeitungen, ein Fressen für eine halbe" Woche. "Interviews, Abbildungen, Karikaturen, das „Judentum" polterte in der Hetzpresse einige Tage — bis zum ersten Dementi, von dann ab schon leiser, so nur aus Hartnäckigkeit. All diese Verratsgeschichten sind geradezu köstlich. Gott, wie leicht man verraten wird! Es erinnert schier an den, Buckligen, der ganz erstaunt war, als er auf seinem Bilde die Spur seines Buckels entdeckte. Woher wußte es der verdammte Maler? . Es existiert eine ganze, Menge von Dingen, die man leicht erkennen kann, .wenn man nur die Augen offen hält^ Ein Schiff, ein Luftballon wird gebaut, ein neues Gewehr fabriziert, man zeigt es aller Welt, man versendet die Prospekte und Beschreibungen an sämtliche Techniker — mit der Aufschrift „streng vertraulich^ — und dann tut man ganz verblüfft, daß irgendeiner etwas erfahren hat. ..'; Wie sagt Henry Maret? „Wie konnte der Herr von der zweiten Etage, zum Teufel, wissen, daß ich hier musiziere?" fragte ein Herr, der auf der dritten Etage wohnte und fortwährend musizierte. An ihren Früchten usw. — Im August v. J. verabschiedete ich mich in Scheveningen von einem „Diplomaten**. Ich will nicht prahlen. Er war — wenn ihr wollt — der Korrespondent des Gehilfen eines Unter-Unterstaatssekretärs. Deshalb konnte man sich mit ihm gut unterhalten. Wann werdet ihr Zion erlangen? fragte er ironisch schmunzelnd. Jedenfalls, erwiderte ich ernst, früher, als Ihr den Weltfrieden! Ich möchte jetzt dem guten Mann begegnen und ihm die Frage stellen, welche von beiden Ideen eine „Utopie" ist? Freilich wird Zion nach einem Kongresse nicht „erlangt": die Sache ist viel zu groß und schwierig, und sie soll auch nicht wie das große Los gewonnen, sondern erarbeitet werden. Aber man rückt doch immer näher. Nach jeder Friedenskonferenz hingegen bekommen wir just das Gegenteil — den Krieg! Einmal war es der spanisch-amerikanische, ein anderes Mal der südafrikanische, wieder ein anderes Mal der russisch-japanische, jetzt wieder der Krieg in Marokko, immer nach einer Friedenskonferenz. Wenn darin nicht Humor liegt, dann gibt .es überhaupt keinen. Oberall wird der Krieg verurteilt. Das ist eine ausgemachte Sache. Die Zeit ist nahe, wenn die Menschen, in herzlicher Brüderschaft vereinigt, die Segnungen eines' unwandelbaren Friedens genießen werden. Und doch klammert sich dieses Gespenst von- Krieg an das Leben mit all seinen Krallen. Es hört nicht auf, von sich reden zu machen, ganz als ob es gar nicht zum Tode verurteilt worden wäre. Bald ist -es Amerika, das Japan mit einem Kriege bedroht, bald ist es Rußland gegen die Türkei, und bald ist es Österreich mit den Eisenbahnschienen. Alle rasseln mit den Säbeln, ganz wie im ersten Akt von „Lohengrin". Nur Frankreich „dringt friedlich ein". Es werden dabei Berberenmassen niedergeknallt, aber tut nichts! „La pai-x, la douce paix!" Wie man einst' von Neapel zu sagen pflegte: Sieh" . Neapel und stirb, so sagt man jetzt den Marokkanern: seht die Zivilisation und sterbt! „Warum reden sie nicht? —'Die Judenschaft Rußlands hat im ganzen zwei Deputierte in der Duma: Herr Nisselowitsch-Riga und Herr Friedemann-Poniewisz. Nunsoll aberdieses Dioskurenpaar für 20 Deputierte,ja für 6 Millionen Juden sprechen! Man fragt nicht: Ist es menschenmöglich, kommt es nicht vor, daß man um das Wort bittet, und daß man es nicht, erhält, ist es — technisch — nicht von der bestimmten Zeitdauer vou . der Liste, vom Präsidium und dergl. abhängig? Sie, sind da und sollen reden! Und haben sie nicht geredet, dann "schreibt man, wie man jetzt schreibt... Es hat sich in den letzten Jahren ein Stil herausgebildet! Es wäre vielleicht gut,"wenn die Herren, von denen jeder 3 Millionen Juden vertritt,, gesprochen hätten. Denn ein Herr. Sazonow geiferte, die russische Revolution sei ein Werk der „Alliance". Auf die Geschicke ~des jüdischen .Volkes wird aber der Umstand,.

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