Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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: DIE&ELT : No. 10 Was sprecht Ihr da?" Sie zerrt ihn aufgeregt beim Ärmel: „Was verflucht Ihr sie? Was hat. Euch mein Chanele Schlechtes getan?" „Verbrannt hätte sie werden : mögen!", schreit Mone zornig, „und das schreibt noch Briefe! Ein offener Täufling!** Basche wurde kreidebleich und begann am ganzen Leibe zu zittern. „Was ist geschehen, Gott im Himmel? Lest, Reb Mone -•— ich will wissen! Ihr wißt etwas: Was wißt Ihr? Was ist das dort für eine Heirat? Lest, ich bitt' Euch, Reb Mone!" Sie faßte ihn am Ärmel und blickte ihn mit angstvoll aufgesperrten Augen an. Schwer und keuchend ging ihr Atem. „Was soll ich lesen? Das ganze Städtchen weiß es auch ohne ihren Brief, sagte Mone plötzlich entschlossen. „Was weiß man? Sprecht! . . . Chanele hat sich doch nicht getauft, he?" ~ Und während sie das sagte, erschrak sie selbst auf den Tod vor ihrer eigenen Rede. „Was red' ich für tolles Zeug, Vater im Himmel!", dachte sie bestürzt, und von neuem ging ein Zittern durch ihren Körper. Mone antwortete auf ihre Frage mit einem Kopfschütteln. „Wie? Was?", flüsterte sie, ängstlich, es könnte sie sonst jemand hören, „was schüttelt Ihr mit dem. Kopf? Sie hat sich . . . Reb Mone, wie schlecht Ihr seid!", schreit sie plötzlich und faßt ihn wieder in t höchster Bestürzung am Ärmel, „kein Herz habt Ihr, keine Spur von Mitleid! . . . Was quält Ihr mich? Was hab" ich Euch getan?" Mone zuckt verlegen die Achseln und seufzt auf. „Basche, Ihr mögt gesund sein", sagte er endlich mit gepreßter Stimme, „wie könnt Ihr glauben, daß ich Euch quälen will? Wer Euch quälen will, der möge selbst heimgesucht werden! . . . Im Gegenteil, ich hab" Mitleid mit Euch. . . Glaubt mir, ein Stück Gesundheit •kostet mich das alles. . . Denn Chanele ist doch bei mir wie ein eigen Kind gewesen. . . Und gerade sie muß so was Schreckliches tun! ..." Er wandte den Kopf ab und seufzte tief. Sie hörte ihm zu, fassungslos, betäubt, mit stieren Blicken und offenem. Mund. Sie rang die Hände und ließ den Kopf sinken und blieb so einen Augenblick stehen. Dann hob sie wieder den Kopf und sah mit einem seltsam-verzerrten Lächeln zu Mone auf: „Lest", sagte sie mit erstickter Stimme, „lest!" Und Mone las : „Liebe Mutter, ich glaube, Du wirst schon indessen erfahren haben von meiner Verheiratung mit einem Christen. Mütterchen, ich weiß, es ist für Dich das größte Unglück. Aber glaub" mir, daß ich Dich nicht weniger lieb habe als früher, nein, noch mehr, noch tausendmal mehr! Wenn Du wüßtest, was mich dieser Schritt kostet, — aber wie soll ich Dir'das zu verstehen geben? Ich müßte mein Herz aus dem Leibe nehmen und es Dir schicken anstattdieses Briefes. Mütterchen, genug und genug hab" ich gelitten, bis ich mich entschlossen habe, ihn zu heiraten, gelitten, weil ich Dich vor Leid bewahren wollte. Glaub"--nicht, Mütterchen, daß ein Christ nicht ein Mensch ist wie ein Jude, — alle Menschen sind Brüder ..." „Genug", schrie Basche auf mit gellender Stimme und packte Mone bei der Hand, „genug, genug! Vater im Himmel — ein schönes Ende!". . . ■ Sie blieb für Augenblicke starr, plötzlich sprang sie auf mit einem heiseren, falschen Lachen, am ganzen Leibe zitternd wie ein Blatt. „Warum hat er geschwiegen?" schrie sie in sinnloser Aufregung, die Hände zusammenschlagend, „es ist doch auch seine Tochter! . Seine einzige Tochter! . . Ich will heute auf den Friedhof laufen und sein Grab aufreißen! . . Was mir auf dem Herzen brennt, will ich zu ihm hinunterschreien . . Keine Ruhe wird er vor mir haben, "keine Ruhe . . Wo ist er gewesen, wo ist mein Mosche gewesen? Warum ist er nicht vor Gottes Thron hingefallen?" ... Sie rang die Hände über dem Kopf und stöhnte wie eine Verwundete: „O Chanele, o Chanele!" . . Plötzlich zerrte sie Mone am Arm. „Reb Mone", schrie sie, „das ist doch aber . . , zeigt mir, wo sie das schreibt, daß sie einen Christen geheiratet hat!" . Mone zeigte ihr die Stelle im Briefe. Sie nahm den Brief in "die Hand und starrte auf jene Zeile. Genau so wie die andern Zeilen und genau so wie die andern Briefe! . . Sie ließ den Brief fallen, stierte zur Decke und sagte: „Gott, Du bist gerecht und Dein Urteil ist gerecht!" Dann ließ sie wieder den Kopf sinken. Plötzlich liefen ihre Blicke über ihre Bluse, jäh zerrte sie an der Bluse und riß sie mit zitternden Fingern ein. „Gott ist ein gerechter Richter", sagte sie langsam mit dumpfer Stimme, setzte sich auf den Fußboden, umfaßte die Knie mit beiden Händen und ließ den Kopf sinken, der schwer hinabfiel ... Aus meinem Notizbuch Ulmo. — Eine interessante Geschichte für die Snobs, die den „Figaro" lesen. Ein Nebbich-Snob. Selten ist der Jude ein wirklicher Sünden-Kraftmeier. Es fehlt ihm die Knorrigkeit, der Trotzsinn, das Urwüchsige — es fehlt ihm dahinter eine Reihe von Ahnen, die tüchtig geritten, gekämpft und — gesoffen hätten. . Das leichte, fremde Leben lockte ihn. Das schöne lebendige Leben zog ihn von der Disziplin. Eine „Grisette", wie sie die Straße zu Tausenden auf- und niederwälzt, beherrschte ganz den nur mit spärlichen Mitteln ausgerüsteten jungen Marineoffizier. Selten ist ein echter Sünder einer Grisette gegenüber so sentimental, wie ein jüdischer Schlemihl. Sie führte ein üppiges Wohlleben. Zu den Reizmitteln - einer ausschweifend angekränkelten Sinnlichkeit gehörte auch das Opium, und da gingen alle Bande los. Der vernarrte Liebhaber und Opiumraucher, nicht grundschlecht, aber schwachköpfig, windelweich, verblendet, sinnesberauscht, der Außenwelt gegenüber verschlossen, griff zu kindischen, blödsinnigenMitteln, photographierte Dokumente und „wollte" sie an auswärtige Mächte verkaufen. Er schloß die Augen, wie Unerfahrene und Schwachnervige bei einer Bergwanderung zu tun pflegen, was die Gefahr natürlich erhöht-. Er Keß sich in Korrespondenzen ein, die dem Einfaltspinsel als zweckmäßig erschienen. Wie ein dummer Schulbub wurde er abgefangen. Sein Kartenhaus stürzte über ihm zusammen. Zur Besinnung erwacht, hörte er nicht auf zu weinen. Er wurde zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurteilt. Nicht mit Dämonie aufzuwarten, keine Spur Von Größe. Es bleibt nur das Gerippe eines — Melodramas?