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Die Welt · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 10 o (('□□□□□□ DIE LT FEUILLETON GELOBT SEI DER GERECHTE RICHTER! Übersetzt aus dem Jüdischen jies ,L. Kobrin (Schluß) Plötzlich rauschte das Städtchen auf von einer seltsamen Neuigkeit, die aus Amerika gekommen war. Von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Betstube zu Betstube flog die Neuigkeit, daß ■ Chanele Basche Chajer in New York mit einem Christen Hochzeit gemacht habe. Mone erzählte jedem, der es hören wollte, daß für ihn die Sache keine Überraschung sei. Aus ihren Briefen sei ihm ganz klar geworden, daß es so ein Ende nehmen müsse. ... Nur Basche wußte nichts von dieser Botschaft. Lange schon hatte sie keinen Brief von Chanele bekommen und sie weinte heimlich heiße Tränen und härmte sich das Herz ab. In den kurzen Sommernächten setzte sie sich auf ihr Bett, und beim Schein des Mondes, der durch ein kleines Fensterchen in ihre Kammer fiel, blickte sie dann auf die weißen, beschriebenen Blättchen Papier, Chaneies Briefe. Und obwohl sie nicht lesen konnte, wußte sie doch den Inhalt jedes einzelnen Briefes. „Da schreibt sie, daß sie gut in New York angekommen ist, hier von den zehn Rubeln; in diesem Brief schreibt sie zornig, in diesem noch zorniger. Aber gegen wen ist sie eigentlich aufgebracht? Wahrscheinlich ist ihr schwer zumute, so läßt sie an irgend jemanden ihren Zorn aus. . . Wegen nichts und wieder nichts wird sie doch nicht Menschen so beschimpfen! . . ." Und Basche rückte die Briefe ganz nahe an die Augen und starrte angespannt auf die engen Zeilen, als müßte sie den Grund herauslesen können, warum Chanele so aufgebracht sei gegen die Menschen —. aber sie kam nicht weiter. „Blind, blind", flüsterte sie schmerzlich, „könnt' ich lesen, ich hätt's schon erraten!" In der letzten Zeit bekamen dann ihre Gedanken eine neue Richtung. So lange kein Brief von Chanele! . . . Gott weiß, wie's ihr dort geht, ob sie gesund ist? . : - (sie hatte Angst, nur an die Möglichkeit zu denken). „Gott, mein Lieber, Einziger", murmelt sie, indeß ihr die Tränen über die Wangen rinnen, „wenn wirklich meinem Chanele von Dir dort drüben irgendein Unglück bestimmt ist, laß es lieber auf mein Haupt fallen! . . . Vater im Himmel, straf lieber mich statt Chanele! . . . Ach, mein Kopf soll das nur aushalten, mein Kopf! . . ." . Und so pflegte sie mit sich und Gott zu sprechen, bis der Morgen herankam. Dann erst schlief die gequälte Mutter ein. Abends aber pflegte sie vor der Türschwelle zu sitzen und auf den Postboten zu warten, auf einen Brief von Chanele. Und wenn sie dann von weitem den Briefträger erkannte, begann ihr Herz zu klopfen, schnell, immer schneller, Hände und Füße zitterten ihr, und ihre Augen verschlangen förmlich die Gestalt des Postboten. Und - wenn dann der Briefträger den Kopf schüttelte: „Nichts", — dann fühlte sie, wie es ihr einen Riß gab im Herzen. Sie ließ den Kopf sinken und blieb sitzen wie versteinert. . . . Und einmal, an einem wunderschönen Tage, als gerade der Hirte die Rinder heimtrieb und der blaue Himmel sich mit strahlendem Abendrot bedeckte, saß Basche wieder und wartete auf den Briefträger. Und da tauchte er auf, und Basche fühlte deutlich: Heute bringt er den Brief . . . Und wirklich, erbrachte einen Brief . . . Basche griff mit der einen Hand nach dem Brief, mit der andern faßte sie die des Postboten und küßte sie, lachend, und weinend wie die eines guten Engels. Und dann flog sie zu Mone. Mone, — ein langer, dürrer Mensch mit bleichem, abgemagerten Gesicht und einem spitzen Bärtchen, mit langen roten Schläfenlocken und einem Käppchen auf dem -Kopf, stand neben der Tür seines Häuschens und lockte gerade seine Ziege heran, die ihn mit blöden Augen anglotzte. „Reb Mone, Reb Mone, es gibt einen-Gott", schrie ihm Basche aufgeregt zu, „ein Brief von Amerika, von Chanele." ... „Ein Brief von ihr?" antwortet Mone ruhig und verwundert, „na — was schreibt sie denn?" „Ihr sollt mir ihn doch erst lesen, mein Guter!" Mone blickt kaum auf den Brief, den sie ihm hinreicht und ruft wieder seine Ziege an: „Tschik! Tschik!" „Reb Mone, erbarmt Euch, ich vergeh' vor Un-1 geduld!" . . . „Laßt mich sehen!" Er nimmt den Brief prüfend in die Hand und besieht ihn von allen Seiten. „Was kann sie schreiben?", murmelt er undeutlich. „Seid doch so gut, liebster Reb Mone, kommt mit mir in meine Stube und lest mir den Brief vor!" „Wißt Ihr was?, Basche, Ihr tut besser, einen andern zu bitten.« „Nein, .nein, Reb Mone, kein andrer wird einen Brief von Chanele verstehen wie Ihr. . . Ihr seid doch ein Schreibkünstler. . ." Dagegen kann sich nun Mone nicht mehr wehren. „Weiß ich's, — gehen wir also", sagt er. Sie kamen in die Stube. Mone nahm den Brief. Basche stellt sich ihm gegenüber und blickt ihm mit aufgerissenen Augen ungeduldig ins Gesicht. „Liebe Mutter", — begann er — „ich glaube, Du wirst schon indessen erfahren haben von meiner Verheiratung mit einem Chr. . ." — „Ich kann nicht", schreit Mone auf, „alles Böse soll sie dort treffen!" „Geheiratet? Geheiratet hat sie? . . . . Wen verflucht Ihr, Reb Mone?", schreit noch lauter Basche. „Begraben hättet Ihr sie sollen! ... Ich kann nicht lesen, .. . . nehmt Euch einen andern, ... ich will nicht der Unglückbringer sein. . ." „Reb-Mone, Reb Mone, Gott sei mit Euch!", ruft Basche entsetzt, „Ihr werdet mich noch verrückt machen!

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