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Die Welt · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 D!E3^ an die Vergangenheit nicht erinnert werden. Dieses Verhalten der ökonomisch kräftigeren Elemente läßt das Ghetto nicht aufkommen. 3. In jüdisch-geistiger Beziehung ist das Niveau tiefer als in London. Männer von jüdischem Wissen sind dünner gesät. An judaistischen Anregungen alt-talmudistischer oder an national-kulturellen Inspirationen moderner jüdischer Art mangelt es vollständig. 4. Die Kluft zwischen den Vätern und den Söhnen ist tiefer, die Assimilation durch Mischehen ist in den breiten Schichten intensiver als irgendwo. 5. Die Einwanderung der letzten Jahre scheint in letzterer Beziehung einen gewissen Wandel geschaffen zu haben. Die Aufgaben der Jüdischen Volksuniyersität Man kann ohne einen Schatten von Übertreibung sagen, daß die Jüdische Volksuniversität nach allen Richtungen unter den Verhältnissen, wie sie oben geschildert sind, eine segenbringende Institution ist. Sie bietet den Einwanderern, wenn auch nur für wenige Stunden, ein Heim. Sie gibt ihnen die Möglichkeit, die Landessprache zu erlernen. Dies letztere ist von einer nicht zu unterschätzenden Wichtigkeit für das Leben hier. Nirgends stört die Unkenntnis der Landessprache so wie hier. Kommt der Emigrant nach Deutschland, so spricht er deutsch, ein gutes oder ein schlechtes Deutsch, das ist einerlei. Er steht auch dem Englischen mit dem verdorbenen Deutsch etwas nah. Hier ist er ganz unbeholfen. Die Leute reden gar nicht wie die Menschen, sagte mir ein altes Babele aus dem Kownoer Gouvernement die ein kleines koscheres Restaurant seit 20 Jahren in Paris besitzt. Dann kommt die eigentliche Tätigkeit der Universität: die Vorträge, die in die Geschichte und in die Technik einführen, die Geselligkeit, der jüdische Einfluß usw. Es ist unbegreiflich, daß die jüdischen wohlhabenden Kreise in Paris so wenig die hochbedeutende Wichtigkeit dieser einzigen Institution schätzen. Mit großer Mühe wird das bißchen Geld gesammelt — aber eine solche Anstalt müßte ja Fonds haben, sie müßte ja in den Stand gesetzt werden, das Zehnfache von dem zu leisten, was sie jetzt leisten kann! Denkt euch, die J. C. A. bestimmt für diese Anstalt eine Subvention, wie sie sie irgendeiner größeren Anstalt in Rußland erteilt, — was könnte man da nicht alles machen! Nun steht aber der bureaukratische Formalismus im Wege: für die russischen Juden in Rußland, hierher darf man sie nicht, locken. Eine Formel, die den wirklichen Verhältnissen nicht im geringsten entspricht. Ist es nicht an der Zeit, dies einzusehen? Über die Leistungen der Jüdischen Volksuniversität werde ich nächstens ausführlich berichten. Brief aus London (Von unserem Korrespondenten) Ein neuer Verein Vor einigen Monaten kam eine Anzahl Verehrer Theodor Herzls zusammen, um zu überlegen, in Welcher Weise am besten sein Name und sein Lebenswerk verewigt werden könnte. Man war sich zwar darüber einig, daß die zionistische Bewegung ein dauerndes Denkmal seiner erhabenen Bestrebungen bilden werde; nichtsdestoweniger wünschte man, daß die Anregung, die er seinem Volke gegeben hat, in der englischen Judenheit fortwährend erhalten werden solle. In der Gewißheit, daß Herzl von vielen verehrt wird, die nicht Zionisten oder vielleicht gar Antizionisten sind, kam man zu dem Entschlüsse, einen Verein zu bilden, der aus Juden aller Meinungen bestehen sollte, bei dem jede Parteibestrebung ausgeschlossen sein sollte, aus Mitgliedern, die in der Bewunderung des Menschen Herzl einig sind und den Wunsch hegen, durch Anteilnahme an allen jüdischen Fragen seinen Geist lebendig zu erhalten. Zu diesem Zwecke wird am nächsten Sonntag im Trocadero-Restaurant eine öffentliche Versammlung stattfinden. Der Zweck des neuen Vereins, der den Namen „The Herzl Society" tragen wird, ist bereits folgendermaßen bestimmt worden: „Das historische Bewußtsein zu stärken, Ideale zu verbreiten und die Sache des jüdischen Volkes zu verteidigen." Da beabsichtigt ist den Verein auf der breitest möglichen Basis zu gründen, kann von einer vernünftigen Opposition dagegen nicht die Rede sein. Es bleibt nur abzuwarten, ob die lobenswerten Gefühle der Gründer einer entsprechenden Antwort begegnen werden und ob die von so vielen Nichtzionisten zutage getragene Verehrung Herzls mehr bedeutet als bloße Worte. Ein Ito-Meeting Am Sonntagabend fand in der Kleinen Queen's Hall die Jahresversammlung des Londoner Zerrtralvereins der Jewish Territorial KELT - No. 10 Organisation statt. Der Saal war, vielleicht infolge des unfreund-, liehen Wetters, nur halb gefüllt Mr. Lucien- Wolf, der den Vorsitz führte, sagte, daß die Lage in Rußland während, des verflossenen Jahres nicht gerade so traurig gewesen sei' wie in den vorhergehenden Jahren, indessen mache dieser Umstand die Tätigkeit der Ito nicht weniger notwendig. Ein großer Teil ihrer Arbeit sei auf die Entdeckung eines passenden Territoriums verwandt worden, und man sei hierbei mit der größten Sorgfalt zu Werke gegangen. Er protestierte gegen die grundlosen Verdächtigungen, die gegen das Emigrationswerk der Ito gerichtet würden, und erklärte, daß fast alle diejenigen, die mit Hilfe der Ito nach Amerika ausgewandert'seien, Beschäftigung gefunden hätten. Mr. Israel Zangwill führte aus, er habe einen Brief von Dr. Paul Nathan erhalten, der gleich den anderen Mitgliedern der geographischen Kommission der Wahl von Nordwest-Afrika für ein jüdisches Territorium zustimme und seine Billigung dieser Wahl in uneingeschränkter Weise zum Ausdruck bringe. Wie Lord Rothschild erklärt habe, würden zurzeit keine aktiven Schritte in dieser Angelegenheit unternommen; indessen würde man die Zwischenzeitdazu benutzen, um die Informationen, die man über die Brauchbarkeit dieses Territoriums erhalten habe, zu sichten. Mr. Zangwill legte .großes Gewicht auf das Emigrationswerk, das von der Ito in Angriff genommen worden ist, und teilte mit daß mit dem Norddeutschen Lloyd ein Abkommen zum Schutze der Interessen armer jüdischer Passagiere getroffen wurde. Augenblicklich habe man infolge der Wirtschaftskrise in Amerika die Emigration nach Galveston auf ein Minimum eingeschränkt. Dr. Faitlovitch in London Der bekannte jüdische Forschungsreisende in Abessynien, Dr. Jacques Faitlovitch, der eine ausgezeichnete Studie über die Lage der Falaschas veröffentlicht hat weilte einige Tage in London. Der Zweck seines Aufenthalts war hauptsächlich der, die Vorsteher der lokalen Körperschaften für das Wohlergehen der Falaschas zu interessieren und die Unterschrift des Chief-Rabbi Adler unter den hebräischen Brief zu erhalten, der als Antwort auf den Brief der Falaschas verfaßt und bereits von vielen hervorragenden Rabbinern unterschrieben worden ist Der Besuch Dr. Faitlovifchs in diesem Moment erlangt um so größere Bedeutung, als bekanntlich zwischen dem italienischen Komitee „Pro Falaschas" und der Alliance Isra61ite Differenzen entstanden sind, weil diese beschlossen hat eine eigene Expedition nach Abessynien zu entsenden. Dr. Faitlovitch wurde von Mr. Claude Montefiore, Präsident der Anglo-Jewish Association, sehr warm empfangen und legte ihm die ganze Situation dar mit dem Erfolge, daß Mr. Montefiore versprach, dafür einzutreten, daß die Anglo-Jewish Association die Schule in Erythrea. unterstütze, deren Gründung das italienische Komitee beabsichtigt. .Der Hilfsverein hat gleichfalls seine Unterstützung bereits zugesagt in verschiedenen Ländern sind auch Komitees zu diesem Zwecke gegründet werden. Dr. Faitlovitch ist bereits wieder nach Paris zurückgekehrt und wird von dort in Kürze nach Italien reisen, um vor seiner Abreise nach Abessynien noch einmal mit Rabbiner Dr. Margulies zu konferieren. Er hofft, eine Schule für die Falaschas gründen zu können und dafür einige yemenitische Juden als Lehrer zu erhalten. Die Schließung des jüdischen Theaters Ein Unglücksstern scheint über allen Versuchen zu stehen die gemacht werden, um ein jüdisches Theater in London zu erhalten. Seitdem das erste jüdische Theater dieser Stadt durch Feuer zerstört worden ist, wurde wiederholt versucht ein neues Theater zu errichten, indessen sind alle diese Versuche fehlgeschlagen. Das große Pavillon-Theater in Whitechapel, das seit ungefähr zwei Jahren von verschiedenen jüdischen Theatergesellschaften eingenommen wurde, war im letzten halben Jahre von der Gesellschaft des Direktors Siegmund Feinmann gepachtet der sich indessen ininfolge ,der großen Verluste, die er erlitten hat genötigt sah, das Theater zu schließen. Daher hat die jüdische Gesellschaft das Theater verlassen, und eine englische Truppe wird ihr Nachfolger sein. Direktor Feinmann beabsichtigt ein kleineres Theater zu pachten, wo er hofft, zeigen zu können, daß das jüdische Drama nicht nur zu ideeller Befriedigung, sondern auch mit materiellem Nutzen zur Darstellung gebracht werden kann.

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