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Die Welt · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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D1E3§£E LT : No. 10 Dann kommen die Kürschner uncl allerhand andere Rauchwarenarbeiter., Auf diesem Gebiete konnten die Juden sich nicht behaupten, weil diese Arbeit mit anderen fabrikmäßig geleiteten Anetten' (Zurichtung, Färbung der Felle usw.) verbunden ist, wo Fachkenntnisse , und Kapital eine Hauptbedingung bilden. In der Regel können die Juden nur in den Branchen, die keine tüchtig geschulten Kräfte und keine Kapitalsanlage erfordern, zur Geltung kommen. So haben es auch die Schneider zu einer gewissen Bedeutung gebracht, freilich nicht zu derjenigen Bedeutung, die sie in London haben. Der Grund liegt in der Verschiedenheit des industriellen Charakters der englischen und der französischen Metropole. Paris ist kein Industrieplatz für billigen Warenexport nach allen Teilen der Welt. Keine einzige Stadt der Welt kann mit Paris auf dem Gebiete der Komfortartikel wetteifern; die billige Schneiderarbeit kann aber höchstens nur auf Absätz in Frankreich rechnen. Der Franzose hat Genie für das Schöne, ist praktischklug, lebt und spart bei sich zu Hause, aber es fehlt ihm der Sinn für eine große Exportindüstrie. Würde .man das Massenschneidervwerk gefördert haben, so könnten die jüdischen Schneider in Paris ähnliches wie in London erreichen. Aber sie waren ganz auf sich - ' inmitten einer fremden Welt angewiesen. Sie ernährten sich mit großer Mühe, und nur sehr wenige haben es zu etwas gebracht. Im Schuster- und Tischlerhandwerk sind die Juden auch, aber in einem unbedeutendem Maße vertreten. Dann kommen die Händler und Vermittler, die von dem ökonomischen jüdischen Milieu leben. Da die meisten Abnehmer sehr arm sind und da die Zahl dieser Unterhändler den Bedarf bedeutend übersteigt, so wird der Profit infolge der Konkurrenz auf ein Minimum herabgedrückt, und die Leute leben so armselig wie in irgendeinem polnischen oder litauischen Städtchen. Trotz der allgemeinen schweren Lage werden sich die jetzigen Einwanderer, die aus Amerika herkommen und die für . einen Kampf -ums Dasein besser ausgerüstet sind, durchschlagen können. Die Kompaktheit der Masse löst immer gewisse Kräfte aus, die für ihre Erhaltung notwendig sind. Wie ich höre, sind die meisten Einwanderer Schneider und Zigarrenarbeiter. Für Zigarrenarbeiter ist hier absolut. keine Beschäftigung vorhanden, da doch die Zigarrenfabrikation monopolisiert ist. Es sind jetzt schon manche Bemühungen gemacht worden, um diesen Arbeitern bei der Regie Arbeit zu verschaffen, aber bis auf einige Ausnahmen blieben diese Bemühungen erfolglos. Die Zigarrenarbeiter werden sich also einer anderen Industrie zuwenden müssen. Die Schneider hingegen können, wenn sie über gewisse Mittel verfügen, auf kooperativer Grundlage durch Fleiß und Sparsamkeit eine leidliche ' Existenz erkämpfen. Es wäre m. E. sogar recht, und billig, würde die Ica, die so Vieles und Verschiedenartiges in Rußland unternimmt, den Neueingewanderten nach dieser Richtung helfen. Sind es ja auch russische Juden, Flüchtlinge der Verfolgung und <ier Pogrome! Soviel ich weiß, wurde diese Frage in maßgebenden Kreisen erörtert, und das Resultat war ein negatives. Man sagt: so etwas könnte die Massen nach Paris heranlocken, und das muß man für alle Fälle vermeiden. Das franzosische Removal Ich will nicht gegen das „Removal" von einem Parteistandpunkte polemisieren. Es ist ebenso gut und ebenso schlecht wie das englische oder das amerikanische. Ich möchte die Frage nur von einem ganz praktischen Gesichtspunkte beleuchten. Man schickt große Kapitalien nach Rußland, um dort, sagen wir, irgend eine Handwerksschule in subventionieren. Aber die Schüler jener Handwerksschulen in Rußland, können zum größten Teil, sobald sie fertig sind, dort keine Arbeit finden. Es wäre interessant, eine Statistik der Schüler, die jene Handwerkschulen absolviert haben, zusammenzustellen. Möchten doch die hiesigen Institutionen eine solche Statistik von Rußland,aus verlangen! Es stehen mir keine genauen Ziffern zu Gebote, saber es ist eine allbekannte Tatsache, daß die meisten nicht in Rußland bleiben können. Sie wenden sich also nach Amerika, naoh England, ein geringer Teil kommt auch nach Frankreich. Aber das Handwerk, wie sie es in ihrer Heimat erlernt haben, gilt hier sehr wenig. In Amerika werden die Handwerke fabrikmäßig behandelt und bis in die geringsten Details spezialisiert, so auch in England. Das viele Geld wird also ausgegeben für einen Zweck, der nicht erreicht wird. Nun stellt man sich auf den Standpunkt, den russischen Juden, wenn sie schon hier sind, soll man nicht helfen. Man soll ihnen helfen, nur so lange sie dort sind, damit sie nicht zur Auswanderung gezwungen sein sollen. Aber dieser Standpunkt ist ganz hinfällig. Die Subventionierung der dortigen Institutionen verhindert die Auswanderung nicht, — im Gegenteil, sie fördert sie. Ich kenne hier manche junge Tischlergeseöen, die die Tischlerabteilung in einer von der Ica subventionierten Schule in Rußland absolviert haben. Sie konnten in Rußland keine Arbeit finden, weil sie Juden sind; sie können hier keine Arbeit finden, weil das Handwerk hier ganz anders geartet ist und weil sie russische Juden sind. Hätten sie. Mittel, so, könnten sie selbständig arbeiten, aber man will. ihnen keine Mittel gewähren, um nicht eine Einwanderung zu fördern. Wie kommt man aus dieser Klemme heraus? Die moralische Lage im Ghetto Man vermißt den geistigen Pulsschlag, den gewaltigen Reiz eines jüdischen Seelenlebens. Alles ist abgenützt, fadenscheinig, trödelhaft, arm, arm, arm! Eine Erschlaffung des Volkstümlichen, ein Unmut, ein Mangel an Initiative. Erreicht einer auch den geringsten Wohlstand, so verschwindet er aus dem Ghetto, verschwindet spurlos und bemüht sich, alle Zusammenhänge zu zerreißen. Die Arbeiterjugend assimiliert sich nach französischer Art. d. h. ohne Taufe, nur durch Mischehen. Sie steht fast ganz im Banne der sozialistischen Bewegung; was vom Klasseninteressestandpunkt ganz begreiflich und sympathisch erscheinen muß. Wo die Interessen so differenziert und gegeneinander so organisiert sind, wie es in Frankreich der Fall ist, ist es ja nur natürlich, daß der junge Jude, der nach der Oberwindung der ungeheuren Hindernisse und Schwierigkeiten in der Erlernung der Sprache, in der Zulassung in eine Fabrik, nachdem er schon einigermaßen sich heimisch - gemacht und eine Existenz errungen hat, daß dieser Jüngling, wenn er schon französische Arbeiterversammlungen besucht und die großen Reden versteht, zuweilen auch als „citoyen1angesprochen wird, daß dieser Sieger im Lebenskampfe im Vollbewußtsein seiner neuen Stellung sich der neuen, großen menschlichen Sache, die auf ihn so faszinierend wirkt, mit der Hingebung eines Proselyten ganz widmet und daß er dabei von allem anderen Früheren, Veralteten verächtlich spricht ... So vertieft sich die Kluft zwischen den Vätern und den Söhnen mehr, viel mehr als in London öder in Amerika. Die französischen Kinder des Ghettos sind für ein religiöses oder ein nationales Judentum verloren. Für ein religiöses, weil Frankreich inbesondere Paris, nur noch wenig von Religion behalten hat, für ein nationales, weil die Sozialdemokratie das Nationale wegstreicht. Wohlgemerkt: nicht das Französisch-nationale, sondern das Jüdisch-nationale. Das Verleugnen des Französisch-nationalen ist nur Phrase, denn' am Ende bleibt der französische Sozialdemokrat in Sprache, Sitten, Bräuchen, Gesinnung und Geschmacksrichtung Franzose, wenn er auch angeblich alles dem-Klasseninteresse unterordnet, und mag er auch noch so feurig und leidenschaftlich einen Sieg des Proletariats anstreben. Aber für das Judentum bleibt nichts mehr übrig, — wenigstens vorläufig. Auch ist die leichte, lebenslustige, helle Atmosphäre für eine edlere Tragik, für eine ernste Tiefe jüdischen Empfindens nicht günstig. Das Pariser Ghetto hat keinen Dichter begeistert, seine Leiden blieben stumm, sein „Yiddisch" ein krauses, nunmehr mit schlecht ausgesprochenen französischen Ausdrücken vermischtes Kauderwelsch. Nicht einmal eine marktschreierische Journalistik,— gar nichts! Aber es wäre Schwarzseherei, zu behaupten, daß. keine Kraft mehr im Ghetto vorhanden ist. Es ist keine organisierte Kraft, sondern ein Chaos. Weil kein richtiges jüdisches Gemeindeleben existiert, darf man nicht annehmen, daß auch kein subjektives Seelenleben existiert. Es harrt seiner Verkörperung. Die Jugend wird auch nicht so ganz zerrinnen, wie es bisher der Fall war. Es kommen neue Elemente hinzu, es regt sich ein neuer Geist. Wenn das Ghetto so weiter wachsen wird, wie es in den letzten Jahren der Fall war, so wird das „fremde" Judentum nicht nur sich selbst sondern auch das „autochthone* regenerieren- Die Geschichte des Pariser Ghettos hat noch nicht ihr Ende erreicht. Man muß sie mit einem „Fortsetzung folgt" schließen. Was sich jetzt als bezeichnend für die Pariser* Einwanderung konstatieren läßt, ist folgendes: 1. In wirtschaftlicher Beziehung eine einseitige Beteiligung der Juden an den Handwerken, ein sozusagen oberflächliches Anhäufen auf einigen wenigen Gebieten, — ganz wie in London, ohne aber die Entwickelungsmöglichkeiten nach der Richtung des Exports oder auch nur die innere, zwar wirre, aber jedenfalls große kompakte Kraft nach dortiger Art zu besitzen. 2. Die in einer gewissen topographischen und kulturellen Abgesondertheit lebenden jüdischen Massen sind nicht ärmer als" in London, aber die Fälle von Reichwerden sind viel seltener. Hierzu kommt noch, daß, während im Londoner Ghetto manche, zwar kleine, wohlhabende Minderheit zurückbleibt, in Paris dies nicht der Fall ist. Die wohlhabenderen verschwinden ganz und stehen dann der Masse, indifferent gegenüber. Hat der Ghettojude eine gewisse-Stellung erklommen, spricht er französisch und versteht es. sich die Allüren eines Pariser zu geben, so möchte er am liebsten

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