Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mäßigung verfallen wir zuweilen in einen Begeisterungsdusel, wenn wir nicht, was auch leider oft der Fall ist, gar nur wiederholen, was in Kurs gesetzt worden ist. Wir dürfen aber dabei nicht vergessen, daß wir für das Zeitgenössische noch kein richtiges Kriterium haben können. Wir sind selbst von den modernen Sprachen so sehr beeinfußt, daß wir kaum auf die zu starke Beeinflussung der hebräischen Schriftsteller durch diese Sprachen reagieren können. Mit anderen Worten: Wir verstehen sie so gut, weil wir auch die fremden Sprachen, die bewußt oder unbewußt die hebräischen Stilformen der Gegenwart beherrschen, verstehen. Ob nach 100 Jahren unser für uns so populäre Stil noch populär sein wird, steht noch gar nicht fest. Der Übersetzungsstil der Tibboniden dürfte seinerzeit auch populär gewesen sein, jetzt scheint er uns schwerfällig und oft unverständlich wegen der vielen Arabismen. Dagegen ist der hebräische Stil des Maimonides in Mischnah-Thora noch jetzt so frischlebendig und leichtverständlich, — nach so vielen Jahrhunderten! Irgendein Stück, nicht nur aus dem religionsphilosophischen „Hilchoth Jessode Hathorau, sondern auch aus „Hilchoth Toen We-Nytean" kann man noch jetzt als ein Stilmuster, sogar als ein Muster eines gesprochenen Hebräisch hinstellen8). Maimonides war nicht nur in seinem Stil, aber auch in seinen grundsätzlichen Bestrebungen ein Vorläufer des Neu-Hebraismus. Als ihn ein Babylonier (Babli) bat, den Mischnah-Thora-Kodex ins Arabische zu übersetzen, erwiederte er: Dieses Buch möchte ich in keinem Fall in arabischer Sprache erscheinen lassen, weil es alles durch die Übersetzung verlieren würde. Ich gehe, im Gegejiteil, mit dem Gedanken um, den Kommentar zur Mischnah und , das „Sefer-Mitzwoth" hebräisch zu rekapitulieren („scheachsir"), — wie könnt ihr also von mir verlangen, meine hebräischen Schriften zu vulgarisieren?" Klarer noch als diese Bevorzugung des Hebräischen tritt die religiös-nationale Würdigung des hebräischen Sprechens in Erscheinung, wenn Maimonides (in seinem Abboth-Kommentar Abschnitt II) die Benutzung der hebräischen Umgangssprache als ein Thoragebot hinstellt. Philologisch ist es vielleicht nicht ganz stichhaltig, aber für den nationalen Enthusiasmus des Maimonides bezeichnend, daß er nicht nur das Aramäische, sondern auch das zu seiner Zeit so allgemein beliebte Arahisch als ein verdorbenes Hebräisch betrachtete. In seiner Jugendarbeit, im Kommentar zur Mischnah (Alseradj'), den er arabisch schrieb, widmete er der hebräischen Sprachkunde einen großen Raum. s) Auch bei den Talmud-Pilpulisten gilt es als eine Regel, „daß man die Sprache des Maimonides so streng behandeln müsse, wie die Sprache der Bibel oder der Mischnah". Del Medfgo aus Kandia stellt in seiner Vorrede zum „Nowloth Chochmah" Maimonides als den größten hebräischen Sprachmeister dar. Er rühmt den hebräischen Purismus des Maimonides. Maimonides ~ selbst schreibt in seinem "Kommentar zur Mischnah (Nedarim Abschnitt I): „Jede Sprache, die fremde Elemente in sich aufnimmt, wird durch die Mischungen entstellt". Im Abschnitt 1 „Hilchoth Tefilloh" (Halacho 4) sagt Maimonides: „Die Männer der Großen Synode haben deshalb die hebräischen Texte der Gebete festgesetzt, weil die Sprache der damaligen Juden, die im babylonischen Exil lebten, stark mit fremden Sprachen dürenmischt worden ist." — Der Purismus des Maimonides darf aber nicht als ein Sichbeschränken auf die Bibel aufgefaßt werden. Wo es notwendig war, bediente sich auch Maimonides fremdsprachlicher Bezeichnungen. Seine Richtungslinie lief in dieser Beziehung-gleich der Mischnah. Er stellt in der Vorrede4) den Grundsatz auf, daß die Sprache der Mischnah eine Fortentwicklung des Reinhebräischen sei. Maimonides, der im-, allgemeinen alsein. Universalgenie betrachtet werden karm, .standzwar nicht auf der Höhe der Sprachwissenschaft und besaß auch nicht, — was' schon mehrfach bemerkt worden ist,— die Kenntnis des Griechischen, aber-nichtsdestoweniger erwies sich seine Ansicht über die Sprache, der Mischnah als vollkommen wissenschaftlich begründet 5). Er suchte daher in seinem Kommentar den hebräischen Ursprung vieler Mischnahausdrücke nachzuweisen und tat dies mit einem Eifer und einer Forschungsfreudigkeit, wie wir sie bei keinem andern Kommentator finden. Maimonides, der sonst die Weitläufigkeit und die Wiederholungen nicht mochte und der seine Vorliebe für Knappheit in der bekannten, etwas paradox klingenden Sentenz zum Ausdruck brachte: „Wäre es mir möglich, so würde ich den ganzen Talmud in einen einzigen Abschnitt zusammenfassen", scheute auch die Ausführlichkeit und die Silbenschreiberei nicht, sofern es sich darum handelte, irgendein unhebräisch klingendes Wort zu hebräisieren. Es wäre hier nicht angebracht, über die Bedeutung des Mischnahkommentars, natürlich im korrekten, arabischen Original, zu berichten. Es ist dies Sache der Spezialforschung und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß der gewissenhafte, unermüdliche Herr Ben-Jehuda diese Fundgrube mit dem ihm eigenen Fleiß ausbeuten wird, oder schon ausgebeutet hat. Mein Zweck in dieser Notiz war es nur, darauf hinzuweisen, daß wir mit unsern Bestrebungen zur Modernisierung und Neubelebung des Hebräischen nicht in der Luft schweben, sondern daß wir auf der terra firma eines Entwicklungsprozesses stehen, aus dem uns die Vorarbeiten der hervorragendsten Vertreter des jüdischen Geisteslebens entgegenstrahlen. _ N. S. Pariser Brief (Von unserem Korrespondenten) Die neue Einwanderung Die Rückwandererbewegung aus Amerika läßt sich in Paris, deutlich merken.- Viele russische Juden, die nach Rußland nicht zurückkehren können, kommen hierher und suchen sich hier eine Existenz zu gründen. Es sind auch nicht wenige rumänische Juden aus Amerika hierher gekommen. Letzteren ist es viel leichter als den russischen, hier ihr Brot zu verdienen, weil sie die Landessprache mehr oder weniger verstehen. Die Kenntnis der Sprache räumt ihnen in der Wahl ihrer Beschäftigung einen freieren Spielraum ein. Manche wenden sich dem Straßenhandel zu; die etwas Bemittelten etablieren sich sogar als Epiciers. In der Nähe des Boulevard de Sewastopol haben es einige rumänisch-jüdische ßpiciers sogar zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Auch russische Juden betreiben Epiciergeschäfte, aber nur unter den Ihrigen, im Ghetto. Die russischen Juden sind in der Wahl ihrer Beschäftigung außerordentlich beschränkt. Nur einige Arbeitszweige sind ihnen zugänglich. Im Kürschnerhandwerk dominieren sie ganz, so daß dieses Handwerk als ein „jüdisches" betrachtet wird. Fast alle Casquetten, die die Köpfe der Söhne Galliens bedecken, sind von russischen Juden gemacht. Das Handwerk war früher ganz primitiv, jeder „Meister" hatte einige Gesellen, wobei sowohl der Meister wie die Gesellen Juden waren. Meistens waren es polnische Juden, darunter eine beträchtliche Anzahl Warschauer. Ein mittelmäßiger Meister verdiente Fr. 200—250, ein Geselle Fr. 60—70 monatlich. In den letzten Jahren begann dieses Handwerk in einer mehr kapitalistischen Weise betrieben zu werden. *) "Vorrede -zum Sseder Zeraim und Abschnitt I Terumoth. 6) Geiger in „Die Sprache der Mischnah"; Weiß im „Myschpat l'schon hamischnoh" und noch früher J. B. Lebensohn im „Teudah" B'Jisroel (18,38) und L. Klatzki im „Erech T'fillah" (30,60).