Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10 DIE^ELT Wolf, 1905) gibt es eine Betrachtung über Puschkin — den göttlichheiteren — als einen Dichter der menschlichen Leiden! (S. 211.) Kann man noch entfernter von der Seele eines Nationaldichters sein? Je größerein Dichter ist, desto volkstümlicher ist er; je volkstümlicher, desto weniger verständlich ist er einem fremden Öhre, einer fremden Seele! Die Sänger des Klassenbewußtseins, picht der nationalen Seelenempfindung — ein Rilejew, Plescbzejew, Gorkij, Nadson,'Skitaletz sind jedem, auch den Juden begreiflich, — dafür aber bleiben sie verurteilt zu einer gewissen Minderwertigkeit und überragen nicht ein bestimmtes Niveau. Es ist sehr leicht, sie in eine beliebige Sprache zu übersetzen, denn. ihre Wurzeln sitzen nicht tief in unserem Boden, aber es ist leichter, einen Eichenbaum mit den Wurzeln herauszureißen und ihn nach London zu verpflanzen, als den Engländern die Schönheit von „Krieg und Frieden" begreiflich zu machen. Ich war in London, als man in einem Klub die „Früchte der Bildung" aufführte. Es haben Engländer-Tolstojaner gespielt Und diejenigen, die die drei Bauern gespielt haben, haben sich außerordentlich gewunden und gekrümmt und das Publikum durch den bäuerlichen Stumpfsinn belustigt, obwohl das ganze Stück von Tolstoj zum Ruhm und Lob dieser drei Bauern verfaßt worden ist! Können denn Engländer Tolstojaner sein? Ein Jude, der in die russische Literatur eintritt, spielt eine Chargenrolle nicht deswegen, weil er talentlos ist, sondern des-, wegen, weil die Sprache, in welcher er hier schreibt, nicht seine Sprache, die Ästhetik, der er hier huldigt, nicht seine Ästhetik ist, — und, ich bin überzeugt davon, hätte man einen Shakespeare selbst (wäre er Jude gewesen) hierher gebracht und ihn zum russischen Schriftsteller gemacht, er hätte am folgenden Tage sich eine Visitenkarte mit goldenen Rändern: —William Shakspeare, Korrespondent der „Birschewija Wjedomasti" — bestellt, und ginge dann Stössel zu interviewen, oder hätte Wedekind übersetzt, oder hätte Gedichte im Stile von Valerij Brussow geschrieben: Wer weiß, wie viele Shakespeares jetzt in den Reporterzimmern der Zeitungsredaktäonen sich, herumtreiben, wie viele schöne .und poetische Seelen dadurch spur- und ruhmlos zugrunde gehen, weil man sie zu Gefangenen der Welten von Puschkin, Gogol oder Tschechow machte, wo ihnen alles enge und lästig ist, wo die Leiden ihren Leiden, der Pathos ihrem Pathos, der Humor ihrem Humorso fremd ist. Denken Sie nur an die Leiden dieser-Seelen, welche aufblühen, aufleuchten und singen könnten, wären sie nicht im Banne einer fremden Sprache, eines fremden Geschmackes, fremder ästhetischer Forderungen, wäre nicht die „Nationale Kastrierung" zur Grundlage ihres geistigen Daseins geworden. Die jüdische Jugend — eine-träumerische, heroische, begeisterte Jugend — ist zur Fruchtlosigkeit verurteilt, ist von einem teuflischen Fluche verfolgt. Bei Maxim Belinski (Otetschestwennija Sapiski 1882) gibt es eine Novelle „Der Funke Gottes". Dort ist" ein Jude Silbermann „ins Volk gegangen", zugleich mit der russischen Intelligenz, und muß nun die ganze Schale der Beleidigungen, der niederträchtigen Verachtung und frecher Anspielungen austrinken; und dieser Leidenskelch wird ihm von denjenigen gereicht, denen er seine ganze Seele geweiht hat Aber diese Beleidigungen sind nichts im Vergleich zu dem Gefühle derjenigen unseligen Abgerissenheit welche die Juden — die begabtesten und geistreichsten — farblos und banal macht, sogar trivial; denn diese Abgerissenheit entwindet ihren Händen gerade den Stoff, worauf sie den Stempel ihrer Seelen drücken könnten . . ." Ein Vorläufer der „Iwriah" (Eine historische Notiz) Es mutet einen historisch empfindenden Beobachter ganz eigentümlich an, wenn er in Broschüren und Vorträgen über die Renaissance des Hebräischen nur die Namen einiger Schriftsteller der Gegenwart mit einer schablonenhaften Wertschätzung ihrer Tätigkeit findet, als ob die Belebung des Hebräischen tatsächlich nur ein Werk von gestern auf heute, im Handumdrehen beschlossen und vollzogen wäre. Diese Anschauung will als modern gelten, sie ist aber weniger modern, als ephemer. Es ist ganz so, wie mit dem Zionismus, den manche Kurzseher als in Basel erfunden betrachten wollen. In Wirklichkeit ist nur die Formulierung neu; der Zionismus ist so alt wie das Judentum. So ist auch die „Iwriah" als Versuch einer Organisation neu; der Geist hingegen, der die „Iwriah" belebt, ist auch so alt, wie das Judentum. Dieser Geist belebte und durchdrang das Judentum überall, wo es eine höhere Stufe eigener Kultur erreichte. So in Spanien. Und einer der größten, unvergleichlichen Sprachmeister des lebendigen Hebräisch, gegen den wir alle samt den Autoritäten, die wir aufzuweisen haben, schwache Nachahmer und Epigonen sind, war Maimonides.' Überhaupt war das Interesse für eine rationelle hebräische Sprachkunde unter den spanischen Juden viel intensiver als unter den jüdischen Talmudgelehrten Deutschlands und Frankreichs, die sich ausschließlich der talmudistischen Kasuistik widmeten1). Die spanischen Juden beherrschten wohl das Hebräische, doch vermochten sie nicht einen ungezwungenen, leichtfaßlichen und alle Gedanken- und Lebensgebiete umfassenden Sprachschatz — und Stil zu schaffen. Seit Ben- Chofni, Chajug und Donas bis Jehuda Haie vi wurden die meisten prosaischen und wissenschaftlichen Bücher in arabischer. Sprache verfaßt. Die Gelehrten, die auch Bücher letzterer Art hebräisch geschrieben haben, wie Abraham Ibn Ezra und die Kimchis bedienten sich eines kunstvollen, lakonischen, aber unlebendigen Stils2). Es war nicht der später in Schwung gekommene Musiv (Melitzah)-Stil mit den halben Bibelversen, aber es war ein" Stil aus der . . . Steinzeit. Der erste, der ein vollständig zwangloses, wunderbarausgestaltetes und gemeinverständliches Neuhebräisch geschrieben hat, wie ich es noch jetzt als Vorbild jedem . hebräisch-sprechenden und -schreibenden empfehlen würde, war Maimonides in seinem großen Mischnah-Thora-Kodex. Hier ist keine Umschreibung, kein Ausweichen, kein Stückwerk und kein Phrasenaufputz, — hier sitzt alles! Ist es nicht kindisch, wenn wir gar überschwänglich das Leichte und Lebendige einiger heutigen Schriftsteller, die in der Literatur oder in der Publizistik etwas geschaffen haben, rühmen? Manche Ideenkreise ins Hebräische einzuführen ist keine außergewöhnliche Leistung, eine Leistung ist es, alles, aus allen Gebieten menschlichen Denkens und Tuns in einer populären hebräischen Sprache genau zum Ausdruck zu bringen. Und das hat nur einer fertig gebracht — Moses ben Maimon! Nicht nur über religionsphilosophische und ethische Probleme, sondern auch über Ackerbaugesetze, über Zivilprozeßordnungen, über Kauikontrakte, über Anatomie- und Technik schrieb er mit einer Exaktheit und Leichtigkeit, die den Sprachkenner in Staunen versetzen. Das ist lebendiges Hebräisch, das ist Stilschöpfung! Und noch eins. Wir sind manchmal über die stilistischen Vorzüge irgendeines zeitgenössischen hebräischen Schriftstellers entzückt und ohne weise l) Tossafoth, Kidduschin, 30, Zitat aus Rabbenu Tarn; Tur Jore-Deah 245. Siehe Kommentar Ephodi. *) S. J. Rapaport in seiner Einleitung zum „Aruch".