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Die Welt · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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worte nicht gleich nach ihrer Prägung aufgegriffen würden und in die Polemik kämen. Unsere Bank ist in ihrer tiefsten Wurzel und in ihrem innersten Wert, zionistisch. Man kämpft eigentlich gegen ein Phantom, wenn man glaubt, daß irgend ein Text oder irgend eine gerichtliche Formalität dies zu ändern vermag. Die zionistische Bank für etwas anderes als für ein Instrument, das zur Erreichung des vorgesteckten Zieles dienen soll, zu halten, heißt ihre Grundlagen stürzen und ihr Lebenselement leugnen. In vollem Bewußtsein der Verantwortung muß es die erste und wesentliche Vollmacht der Leitung bleiben, diesen Charakter der Bank zu wahren und beständig zu erhalten. Das war auch bisher der Fall. Unbeirrt von der Wortklauberei des Statutentextes und unbekümmert um die Spitzfindigkeiten juristischen Verfahrens hat sich unsere Bank mehr und mehr Palästina zugewandt. Fest stehen die Grundpfeiler der Bankaufgaben in unserer Gesinnung. Daß wir in dieser Beziehung einen starken Rückhalt in den zionistischen Massen haben, war uns seit jeher bekannt. Mancher wollte noch immer nicht daran glauben. Möge nun das Ergebnis der Abstimmung ihnen das Bewußtsein dieser Tatsache zu Gemüte führen, um eine weitere unnötige, ziellose Geld- und Kraftvergeudung zu ersparen. Denn, sei es wie es sei, die Bank kann ja nichts anderes als eine zionistische Bank bleiben. Möge denn einmal die Streitaxt begraben werden und die Energie würdigeren Zielen als Gerichtsscherereien gewidmet werden! Die Juden in der russischen Literatur * In einem Artikel der „Swobodnaja Misl", der obige Aufschrift trägt, entwickelt K. Tschaikowski, ein russischer Kritiker von Ruf, über das Verhältnis der Juden zur russischen Literatur ebenso geistvolle wie in vielen Punkten treffsichere Anschauungen. Obwohl seine Gedankengänge für den Nationaljuden nicht überraschend neu sind, wird es sich doch verlohnen — auch im Hinblick auf die bei aller Verschiedenheit des Milieus doch nicht unähnlichen Verhältnisse in Westeuropa — die Ausführungen Tschaikowskis in einem breiter gehaltenen Auszug kennen zu lernen*), zumal manche Wahrheiten nicht oft genug gesagt werden können. „Mit Unrecht", sagt der Verfasser in seiner Einleitung, „verstecken und verheimlichen sozusagen die Juden ihre eigenen bedeutenden literarischen Talente vor den europäischen Lesern. Nur ausnahmsweise erscheint in russischer Übertragung etwas von Bialik, Perez u. a. Und wenn schon, dann geschieht es rein zufällig, zusammenhanglos, gerade als ob die Juden sich scheuten, sich dem europäischen Forum in ihrer Eigenart zu zeigen. Sie liefern uns lieber schlechte Übersetzungen zweifelhafter europäischer Größen, statt daß sie ihren Perez oderScholem-Aleichemzu uns bringen. Und doch zeigen die Proben, die wir von den Leistungen der jungjüdischen Literaturschule gesehen haben, daß diese Talente vielversprechend sind. Und sprechen wir dann mit irgendeinem Kenner der jüdischen Literatur z. B. über den jetzt bei uns und im Auslande bekannt gewordenen Schalom Asch, so erfahren wir, daß dieser hochbegabte Asch nur ein Epigone und Schüler des wirklich genialen Perez ist. Wenn wir »doch nur diese Talente ernsthaft kennen lernen könnten! Indessen, — die Juden verhalten sich offenbar ihrer eigenen Literatur gegenüber ganz indifferent *) Einen ganz gedrängten Auszug haben wir bereits in Nr. 6 gebracht. Anm. d. Red. und sind durchaus zufrieden, daß es einen Gorkij; einen Maeter- Iink gibt ..." Der Autor fährt dann wie folgt fort: „Es ist wahr; ohne die Juden hätte die russische Kultur nicht existieren können. Gehen Sie in eine beliebige Bibliothek, — es lesen dort fast durchweg Juden. Ein Theater, eine Ausstellung, eine öffentliche Vorlesung, ein Meeting — überall sind Juden, die forschen, untersuchen, hören, arbeiten . . . Wie viele russische Bücher, Zeitschriften, Zeitungen ohne sie abgesetzt würden? Und könnte man überhaupt von der russischen Literatur, der russischen Oper, von der russischen Revolution sprechen, ohne die Unterstützung, ohne die Hilfeleistung, die Mitarbeiterschaft dieses Kulturvolkes? Aber die Hebamme ist nicht dasselbe wie die Gebärerin; und vielleicht besteht die höchste Tragödie des russischen' intelligenten Juden darin, daß er nur immer bei der Geburt der russischen Kultur mithilft, sozusagen die Zange unter sie schiebt und selbst dabei fruchtlos bleibt, wie behaftet mit der Unfähigkeit: zu gebären. Er steht der russischen Literatur so nahe — und hat trotzdem keine ewigen Werte in ihr geschaffen. Das ist beinahe rätselhaft; Tolstoj, Turgenjew, Dostojewkij, Pissewkij, Leskow, Andrejew — kein einziger Jude. Puschkin, Tutschew, Polanskij, Fet, Brussow, Balmont — wiederum kein einziger Jude. Polewoj, Belinskij, Dohroljulow, Grigorjew, Pissarew, Michajlowskij") — und wiederum kein einziger Jude. Es könnte scheinen, als ob ein unsichtbarer Stadthauptmann, ein teuflischer „Herschelmann" den Juden für immer den Zugang zum heiligen Kreis der russischen Literatur verboten, einen Ansiedelungsrayon dort geschaffen hätte, wo, wie es scheint, keine Schlagbäume, keine Hindernisse, keine Zollgrenzen existieren. Und sie —durch die weitgeöffneten Türen betrogen — strömen in Haufen hierher; aber der Zauberkreis, von einer unsichtbaren Hand gezeichnet, wirft sie wieder ab, stößt sie mit gewaltiger Widerstandskraft rückwärts, und sie weichen zurück und werden Kompilatoren, Übersetzer, Rezensenten, Reporter, Chroniqueurs, Interviewers . . . Die Erben von Davids Psalmen interviewen Kuropatkin. Das „Hohe Lied" vor der ganzen Welt gesungen zu haben, um nachher Choristen einer fremden, halbwilden Literatur zu werden und mit kaum stärkerer Stimme nach fremden Noten die Untertöne der Melodie mitzusingen, — ist das noch keine geistige Knechtschaft, keine Erniedrigung, die um so schlimmer ist, als daran sogar kein Herschelmann die Schuld trägt? Denken Sie vielleicht, es genügt, aus seiner Vergangenheit zweitausend Jahre herauszuwerfen, den „Tallis", die „Thorah", die „Mikwah", den „Scholem Aleichem" zu vergessen und „Gottes Vöglein weiß nicht ..." auswendig zu lernen, um ein Dostojewskij, ein Tutschew zu werden? Nein, um nur Dostojewskij zu begreifen, müssen Sie wenigstens um zehn Jahrhunderte zurückkehren, nicht um ein Jahr weniger, und sich bis an den Hals in Schnee vergraben, in den Fichten wäldera niederlassen und zusammen mit den wilden „Goim" ihre Sprache, ihre arme Ästhetik, ihre Religion schaffen, mit ihnen in die Holzkirche gehen und saures Brot essen, — und erst dann auf den Newsky-Prospekt kommen, um wenigstens eine Kleinigkeit davon zu begreifen, was. hier geschieht. Ich behaupte, daß ein Jude nicht imstande ist, einen Dostojewskij zu begreifen, ebenso wie ein Engländer, ein Franzose, ein Italiener ihn nicht begreifen kann, sonst wäre Dostojewskij kein Dostojewskij, und der Jude kein Jude. Und ich könnte den Juden nicht achten, könnte ihn für keine Persönlichkeit halten, wäre dies anders. Lesen Sie, was die Amerikaner über Tolstoj, die Franzosen über Tschechow, oder die Engländer über Maupassarit schreiben, und Sie werden begreifen, daß die geistige Annäherung der Nationen ein Gespräch von Taubstummen ist. In den Briefen . Antokolskis (Ausgabe von **) Bekannte russische Kritiker und Publizisten.

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