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Die Welt · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 14)
Language
German
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■ DIEB^ELT 16 in Kischinew getötet worden sind, während die übrigen flüchten mußten, um ihr und ihrer Angehörigen Leben zu retten. Wie es mit der angeblichen böswilligen Entziehung der Juden vom Militärdienst aussieht, zeigt eine lehrreiche Statistik, die Nisselowitz aufstellte und deren Richtigkeit von mehreren Dumamitgliedern konstatiert wurde. Diese Statistik beweist, was allerdings nicht neu ist, daß die Juden in erheblicherem Umfange ihre Militärpflicht erfüllen, als es das Gesetz erfordert. Nach den Feststellungen der Volkszählung von 1967 bildeten die Juden 4,l3°,o der Gesamtbevölkerung Rußlands. Wenn wir diesen Prozentsatz auf die Rekrutenaushebungen von 1902 und 1903 anwenden, so ergibt sich, daß die Juden mehr Rekruten lieferten, als man von ihnen verlangen durfte. Dies erhellt aus folgender Tabelle: I902 - Ä JSSL JmSclreii Juden +,*3% JVIann Ju(Jen der Juden Stellungspflichtige .. 11 Ol 7 267 Zur Aushebung wurden bestimmt. 318 745 1903 -Stellungspflichtige .. 11 053 572 Zur Aushebung wurden bestimmt. 320 832 /o -Mann ausmachen 42 013 13 250 56 632 14 349 19911 ~ 6661 Da die offizielle „Rossia" bei dieser wie bei jeder anderen Gelegenheit auch über die Tapferkeit jüdischer Soldaten während des letzten Krieges ironisiert, so konnte sich Herr Nisselowitz auf das Zeugnis eines „antisemitischen" Schriftstellers, des Herrn Taburno, der Mitarbeiter der „Nowoje Wremja" ist, berufen, der in seinem Buche die „Wahrheit über den Krieg" die jüdischen Soldaten ganz besonders als ausgezeichnete, tapfere und verständige Krieger lobt. — Dies verdient eine besondere Beachtung angesichts der - entwürdigenden Stellung der Juden in der russischen Armee, wo sie nicht einmal Unteroffiziere sein dürfen und nach vollendetem Dienst nicht das Wohnrecht erwerben. Jüdische Kunst in Berlin Der Verein zur Förderung jüdischer Kunst hatte am 19. d.M. seinen zweiten, dem jüdischen Volkslied gewidmeten Vortragsabend im Saal der Gesellschaft der Freunde veranstaltet. Der weite Raum war nur zur Hälfte gefüllt, aber es waren verständnisvolle Zuhörer, die den durchweg, künstlerischen Darbietungen das lebhafteste Interesse und reichen Beifall darbrachten. Die künstlerische Leitung des Abends lag in den Händen des Komponisten Herrn Bogumil Zepler, der ein ebenso reichhaltiges wie eigenartiges Programm aufgestellt hatte, das in seinem ersten und dritten Teil den Volksliedern, im zweiten aber der Kunstmusik, im Anschluß an jüdische Weisen gewidmet war. Herr Leo Gollanin trug mit seinem weichen und vorzüglich geschulten Tenor zunächst zwei ernste Lieder voll düsterer Schwermut vor, in denen das Los der Heimatlosen und das Schicksal des Bettlers in tragischen Worten und Tönen zum Ausdruck kamen. Zwei andere Lieder waren intime Stimmungsbilder aus dem jüdischen Familienleben, voll von sonniger Behaglichkeit und zufriedenem Humor. Auch die treffliche Sopranistin Vera Goldberg wechselte in ihren Lie'dervorträgen mit Leid und Freud, aber den Zuhörern schienen die heiteren Lieder am besten zu gefallen, und hier mußte das Künstlerpaar sogar da capo singen. In der Abteilung Kunstmusik gefiel besonders das von Bogumil Zepler vertonte „Wiegenlied", das die genannte Sängerin mit feinem Gefühl zum Vortrag brachte. Sehr ansprechend wirkte auch ein Divertissement über Chassidische Melodien für Violine und Klavier von A. Nadel, das von Fräulein Helene Feist und Herrn James Rothstein, der übrigens während des ganzen Abends die Liedervorträge am Klavier begleitete, in vollendeter Weise zum Vortrag gebracht wurde. Es lag viel Poesie in dem ganzen Arrangement, und den meisten Zuhörern werden völlig neue und unbekannte Weisen zu Ohren gekommen sein, und sie werden vielleicht 2um erstenmal erfahren haben, welche Kunstfülle an Tönen in diesen jüdischen Volksweisen ruht. Sie ans Tageslicht gefördert zu haben, ist das Verdienst des rührigen Vereins und seiner künstlerischen Leitung. Bureau für Statistik der Juden Wie wir erfahren, ist zum Nachfolger Dr. Ruppins in der Leitung des Bureaus für Statistik Herr Dr. Bruno Blau bestimmt. Marokko Das Deutsche Bureau der Alliance Isra61iteUniverselle stellt uns folgende Mitteilungen zur Verfügung: Von dem Vertreter der Alliance Isra61ite Universelle in Casa- No.- 9 blanca, Herrn Pisa, ist an den Präsidenten der Alliance folgender Bericht angekommen: Casablanca, 9. Februar 1908. Herr Präsident! Gestern abend bin ich eiligst von Herrn Malpertuy, dem französischen Konsul gerufen worden, der mir von folgender Depesche des Generals d'Amade Mitteilung machte: „80 Israeliten von Settat « sind unter französischem Schutze auf dem Wege nach Casablanca; treffen Sie Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme." Wirklich war am 5. eine Heeresabteilung von Casablanca nach Settat aufgebrochen und hatte nach kurzem Kampf die Kasbah bombardiert, nachdem die Israeliten diese verlassen hatten und von den französischen Truppen aufgenommen worden waren. Herr Malpertuv riet mir, sofort auf Mittel bedacht zu sein, um die so vielfach heimgesuchten Unglücklichen unterzubringen. Mit rührenden Worten voller Mitgefühl stellte er mir das Brot zur Verfügung, das ich täglich nötig haben würde. Mit Herrn Zagury, dem Vorsitzenden des israelitischen Komitees, der gleichfalls unterrichtet war, machte ichmich auf, eine hinreichend geräumige Unterkunft zu suchen, die die Flüchtlinge fassen könnte, ohne daß man den Ausbruch einer Epidemie zu befürchten hätte. Herr Bendahan, ein hiesiger Notabler, stellte uns entgegenkommend eine seiner Besitzungen zur Verfügung. Wir bereiteten in aller Eile ein Frühstück vor und machten uns zum Empfang der Flüchtigen bereit. Heute früh 11 Uhr sind sie, 135 an der Zahl, in kläglichem Zustand angelangt Die Männer sahen aus wie Gespenster, die Haare struppig, der Bart ungepflegt,-in schmutzige Säcke gehüllt, teilweise nackt, die Füße geschwollen, die Frauen notdürftig in ein. Stück farblosen Gewebes gehüllt, an den ausgetrockneten Brüsten halbverhungerte Kinder. Unmöglich, jung und alt von einander zu unterscheiden, — so sehr hat das Elend sie gleichgemacht. Wir bereiteten ihnen ein Strohlager, gaben ihnen Wasser, boten ihnen Brot und Orangen, und hörten den Bericht über die Schrecknisse, denen sie seit Monaten ausgesetzt gewesen sind. „Sie wissen", erzählt uns eine junge Frau, „was wir vor vier Jahren gelitten haben. (Im Jahre 1903 hat eine große Plünderung stattgefunden.) Wir waren in unsere Häuser zurückgekehrt und hatten uns an unsere Arbeit begeben, einige zum Körnerbau, andere zur Schuhflickerei. Die folgenden Jahre waren hart. Es hat an Regen gefehlt und es gab keine Ernte. Für uns bedeutete das den Hunger. Aber wir helfen uns immer durch, wenn man uns nur im Mellah in Ruhe läßt. Vor sechs Monaten sahen wir, daß die Dinge eine üble Wendung nahmen, und daß die Araber auf einen schlimmen Streich dachten, darnach erfuhren wir die Plünderung von Casablanca. Die Israeliten, die diese Stadt verlassen hatten, flüchteten sich zu uns. Wir nahmen sie in unsere Häuser und unsere Hütten auf. Bald kehrten sie zurück, die einen über Mazagan, die andern über Rabat. Als wir die Mehallah Mouley Rechids kommen sahen, hatten wir das Vorgefühl eines Oberfalles. Denn wenn die Mehallah oder die Stämme Geld brauchen, so stürzen sie sich eben auf uns. Wirklich plünderten sie vor drei Monaten einen Teil des Mellah, die Meinungsverschiedenheiten unter den Stämmen sich zunutze machend. Sie nahmen uns alles was wir hatten. Es war herzlich wenig, und vielleicht danken wir es unserer Armut, daß wir das Leben hehielten. Nach dem Abmarsch der Plünderer hatten wir den Hungertod vor Augen. Nach Casablanca konnten wir nicht gehen, weil die Araber uns den Weg versperrten, doch auch rückwärts konnten wir uns nicht bewegen, aus Furcht, andern arabischen Stämmen in die" Hände zu fallen, und so waren wir gezwungen, in den verlassenen Dörfern zu arbeiten. Zum Glück kam ein Kurier von Herrn Ie Maitre aus Casablanca, der einen Brief an den Scheik ben Omar brachte, in dem wir ihm empfohlen wurden Dieser reiche Araber nahm uns alle auf, gab uns wochenlang zu essen und zeigte sich von solcher Güte, daß wir nicht glauben wollten, er sei ein Araber. Vor einem Monat kamen die Franzosen nach Settat. Die Araber flohen alle, viele Israeliten mit ihnen. Wir blieben, etwa 400 an der Zahl, in der Stadt, hoffend, daß die Franzosen die Stadt einnehmen würden. Aber nach mehrstündigem 'Aufenthalt brachen sie plötzlich auf. Kaum waren sie einige Kilometer entfernt, wir sahen noch ihre Feuerzeichen, als die Araber von den Bergen zurückkamen. Die folgenden 14 Tage waren furchtbar, und ich begreife noch nicht daß wir sie überlebt haben. Alle Leute, die überhaupt sich bewegen konnten, verließen die Stadt und flohen zum Ry Aycuch-ben Malca hinter den Bergen, den die Araber respektieren. Wir blieben in fortwährender Angst in der Stadt, in ewiger Furcht vor einer Plünderung. Einige Tage später rückten endlich die Franzosen wieder vor Settat Wissend, daß die Franzosen - jetzt dableiben würden, plünderten die Araber ein letztes Mal die Stadt und führten einige mit sich fort. Die Zurückgebliebenen wurden von den französischen Truppen aufgenommen, die uns zu essen gaben. Man fragte uns aus, und wir antworteten was wir

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