Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316306--50348-3377472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zwei Jahre Fremdengesetz in England Das englische Fremdengesetz ist kürzlich in sein drittes Jahr eingetreten. Aus diesem Anlaß ist eine Statistik erschienen, die uns über die Wirkung der Fremdengesetzgebung informiert, und der wir folgende Zahlen entnehmen: Im verflossenen Jahre sind 802 Fremde auf Grund des Fremdengesetzes (aliens act) zurückgewiesen worden, gegen 489 im Jahre 1906, dem ersten Jahre der Existenz des Gesetzes. Demgemäß hat sich also die Zahl der Zurückweisungen im letzten Jahre gegen das Vorjahr fast verdoppelt, eine Tatsache, die wir den deutsch-jüdischen Zeitungen zur Beachtung empfehlen, die von dem Wahlsiege der Liberalen in England eine Milderung der Handhabung des Fremdengesetzes als selbstverständlich erwarteten. Bemerkenswert ist der Umstand, daß die Vermehrung der Zurückweisungen fast ausschließlich der strengeren Auffassung des Berufungsgerichtes zuzuschreiben ist. In erster Instanz wurden nämlich im Jahre 1906 931 Personen zurückgewiesen gegen 974 im Jahre 1907, d. h., das Mehr beträgt nur 43 Personen. Dagegen haben im Jahre 1906 fast 200 Personen mehr Berufung gegen die erstinstanzliche Entscheidung eingelegt als im Jahre 1907, und außerdem haben inr Berichtsjahre diese Berufungen zu einem bedeutend geringeren Prozentsatz Erfolg gehabt als im ersten Jahre des Gesetzes. Es ist kaum anzunehmen, daß sich im letzten Jahre die physische oder materielle Beschaffenheit der Einwanderer so sehr zu ihren Ungunsten verändert haben sollte, daß aus dieser Tatsache allein die wachsende Abneigung der Zurückgewiesenen gegen Ergreifung des Rechtsmittels der Berufung oder die Zunahme der ablehnenden Entscheidungen des Berufungsgerichts erklärt werden könnte. Viel näher liegt der Schluß, daß eben die Einwanderer deshalb weniger oft appellierten, weil sie von der in diesem Jahre geübten strengeren Auffassung des Berufungsgerichtes wußten und unter diesen Umständen die Kosten und Mühen einer wahrscheinlich doch nutzlosen Berufung scheuten. Die Vermehrung der endgültigen Abweisungen erstreckt sich auf beide Hauptkategorien der Zurückgewiesenen, sowohl auf die, denen wegen mangels an Mitteln und die, denen aus Gründen hygienischer Natur die Zulassung verweigert wurde. Von ersteren appellierten im Jahre 1906 von insgesamt 733 dieserhalb Zurückgewiesenen 635, dagegen im Jahre 1907 nur mehr 367 von 532. Und während im Jahre 1906 alle 41 appellierten,- die aus hygienischen Gründen nicht zugelassen worden waren, taten dies 1907 nur 233 von 442, alsq wenig mehr als die Hälfte. Die Zahl der erfolgreichen Berufungen hat sich im gleichen Verhältnis vermindert. 1906 wurde mehr als die Hälfte der Berufung derjenigen, denen wegen Mangels an Mitteln die Zulassung verweigert worden war, stattgegeben, 1907 ist der Prozentsatz beträchtlich geringer. Auch den Berufungen der aus hygienischen Gründen nicht Zugelassenen wurde 1906 fast zur Hälfte stattgegeben, 1907 indessen nur mehr zu einem Fünftel. Wenn man das Elend in Betracht zieht, das durch das Fremdengesetz geschaffen wird und bedenkt, daß diese 802 Zurückweisungen fast 12000 englische Pfund jährlich kosten, kann man nur sagen, das dem Lande mit einer besseren Anwendung dieser Summen zweifellos ein nutzbringenderer und moralisch höher zu bewertender Dienst geleistet werden könnte, als, indem man es für die Quälerei der Unglücklichsten der Armen verwendet. Die Wiedereröffnung der Hebrew Charities Die Sammlung für die Fonds der United Hebrew Charities in Newyork hat solche Fortschritte gemacht, daß es voraussichtlich vorläufig nicht mehr nötig sein wird, zu einer solch drakonischen Maßregel wie der Schließung aller Wohltätigkeitseinrichtungen zu greifen, zu der die Gesellschaft mangels Mittel - bekanntlich jüngst genötigt war. In einer Komiteeversammlung wurde festgestellt, daß seit der Schließung der Bureaus am 24. Dezember, infolge der eifrigen Agitation, die entfaltet wurde, mehr als 29000 Dollars als Beiträge neuer Mitglieder gezeichnet worden sind. Seit dem L. Januar sind über 600 Beiträge von mehr als je 20 Dollars eingelaufen. Nun fehlen zwar noch wenigstens 40000 Dollars, um die Fortsetzung der Tätigkeit der Gesellschaft bis zum Ende des Vereinsjahres, Ende September, zu gewährleisten; indessen rechnet das Komitee bestimmt auf den Eingang dieser Summe. Verschiedene neue Unterkomitees wurden gegründet, um der Agitation neue Wege zu erschließen. Auch wurde beschlossen,- an jedes Mitglied der Gemeinde in Newyork eine schriftliche Aufforderung zum Beitritt zu richten. Die jüdische Einwanderung nach Amerika Der Bericht der Hebrew Immigrant AidjSociety ist soeben erschienen und gewährt einen interessanten Oberblick über den Stand der jüdischen Einwanderung im Jahre 1907. In diesem Jahr betrug die Zahl der von Europa in New York ankommenden jüdischen Einwanderer 106968. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies eine Verminderung um 49996. Nach dem Herkunftsland verteilten sich die Einwanderer wie folgt: 76 750 kamen aus Russland, 14 958 aus Österreich, 7717 aus Ungarn, 5621 aus Rumänien, 1035 aus England und die übrigen aus verschiedenen Ländern Europas. 74 996 blieben in New York und 31 972 wanderten nach anderen Städten. Über die Qualität der Einwanderer äußerte sich der Bericht wie folgt: Es waren meistens junge kräftige-Männer, die hierher kamen, um der amerikanischen Industrie ihre Kraft und ihre Muskeln anzubieten. Indessen kamen sie unglücklicherweise mitten während der ökonomischen Krisis, die die Schwierigkeiten verursacht hat, unter denen viele unserer Wohltätigkeitsinstitute und auch die Hebrew Immigrant Aid Society zu leiden hatten. Morris Rosenfeld Wie der American Hebrew berichtet, befindet sich Morris Rosenfeld, der bekanntlich eine schwere Krankheit durchgemacht hat und schon totgesagt wurde, jetzt sehr wohl und hat auch in materieller Hinsicht nicht zu klagen. Rumänien Jassy: Nach Ableben des Rabbiners F. Zaubes,. der hier 40 Jahre amtierte, haben die Repräsentanten der Judenschaft Jassys Herrn Dr. Niemiro wer, der hier seit 11 Jahren als Rabbiner und, Prediger wirkt, zum alleinigen, offiziellen Rabbiner ernannt. Auf Intervention des Oberrabiners Dr. Niemirower leisteten zum ersten Male in unserer.Gemeinde die jüdischen Soldaten den Fahneneid in der Kaserne, unter Assistenz des Dr. Niemirower als Garnisonsrabbiner. Bedeutsamer noch ist der Kampf gegen den barbarischen Judeneid more judaico, gegen welchen Dr. Niemirower seit Jahren in Wort, und Schrift kämpft und den er jetzt praktisch bekämpft, indem er die Funktion bei demselben kategorisch ablehnt. Die Tages-" presse beschäftigt sich viel mit der Frage, deren Lösung seitens der Behörden nicht vorauszusehen ist. Der Antisemitismus der rumänischen Studenten Der Rektor der Universität in Jassy empfing eine Vertretung der akademischen Vereine, um sie zu einer Exkursion nach Czernowitz (Bukowina) einzuladen, und zwar alle, als Studenten und Männer der Wissenschaft, ohne Unterschied der Nationalität. Der Verein „Solidarität" verlangt jedoch den Ausschluß der jüdischen Studenten. Der Rektor sagte infolgedessen die ganze Exkursion ab. Ein russisches Siegesfest Man schreibt uns aus Petersburg: Der Verteidiger der Pogromleute im Prozesse des Kiewer Pogroms war der be—rühmte antisemitische Rechtsanwalt aus Moskau, Schmallow. Die Kiewer Schwarzen Hundertschaften veranstalteten zu Ehren ihres Helden ein pompöses Fest. Ein Mitglied überbrachte dem '„Sieger" eine Adresse „Zur Erinnerung an die tapferen Siege über die Juden!" Die Reden, welche gehalten wurden, waren eine direkte Aufforderung zum Pogrom. Die allerhöchste Begnadigung der Pogromleute wurde gebührend gefeiert. Zuletzt trat Schmallow selbst mit einer Hetzrede gegen die Juden auf. Er schloß mit der Erklärung: „Die Juden in Rußland werden sich so lange ruhig verhalten, solange die drohende Faust der echt russischen Leute auf ihnen ruhen wird." Antisemitisches aus der Reichsduma Man schreibt uns aus Petersburg: In der Dumasitzung vom 11. d. M. wiederholte Herr Kinpenski, der Deputierte für Bessarabien, die alte Lüge, daß die Juden sich dem Militärdienste zu entziehen suchen, und erwähnte dabei, daß sich in Bessarabien im Jahre 1904 von den 500 einberufenen jüdischen Reservisten nur einer gestellt habe. Zum Schluß leistete er sich noch den Witz, die patriotische Majorität würde sich mit der Opposition nie verständigen können, da erstere russisch spricht, während letztere sich des jüdischen Jargons bediene. All dies begründe die Notwendigkeit der geheimen Sitzungen der Landesverteidigungskommission! Als nachher der Deputierte Nisselowitz, Mitglied der Kadettenpartei, und einer der drei Juden, die in der dritten Duma sitzen, zum Wort kam, war es ihm natürlich nicht schwer, die alten Verleumdungen zu widerlegen und die Angriffe zurückzuweisen. Und ebenso natürlich ist es, daß die echt russischen Deputierten seine Ausführungen mit lauten „Oho"- und „Zur Sache!" - Rufen zu unterbrechen suchten. Was die jüdischen Reservisten in Bessarabien anbetrifft, erklärte Herr Nisselowitz, so müsse man in Betracht ziehen, "daß ein Teil von ihnen von Kinpenskis Gesinnungsgenossen