Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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•■ DIE3|EELT- 2. O, war das eine Freude, war das ein Festtag bei Basche! Heute hatte sie den ersten Brief von Chanele bekommen. Chanele ist gut in New York angekommen, hat Landsleute getroffen, und sie hat schon eine'Stelle als Näherin in einer Hemdenfabrik.* Und Basche bat sofort ihren Nachbar, Mone, den Melamed, er solle so gut sein und für sie eine schöne Antwort an Chanele schreiben. Mone aber — müßt ihr wissen — war nicht ein x-beliebiger Schreiber, sondern ein Schönschreiber ersten Ranges, der mit seinen prächtigen biblischen Bildern und Vergleichen auch Steine hätte rühren müssen... Mone aber streifte den Ärmel zurück und schrieb folgenden Brief: _ ... Aus Deiner Mutter Augen fließen Tränen Tag und Nacht, wie einstens bei unserer Stammutter Lea, dem Weibe unseres Stammvaters Jakob. Beim Essen gedenkt sie Deiner, wie einst Vater Jakob Josefs gedacht hat, und wenn sie sich auf ihr Lager hinlegt, denkt sie daran, daß sie eine arme, schwergeprüfte Witwe ist. Und Du - bist ihr einziger Trost auf der Welt. Was Wunder, daß sie sich nach Dir sehnt, wie eine wirklich getreue Mutter sich sehnt nach ihrer einzigen Tochter?... Und wenn sie sich vom Schlaf erhebt, denkt sie wieder mit ihrem ersten Gedanken an Dich. Und so bittet sie Dich, Chanele, Du sollst nicht vergessen, was Gott in seiner heiligen Thorah geboten hat: ,Du sollst ehren Vater und Mutter', Du sollst also das Jahrzeitlicht anzünden am sechsten Sivan — nach Deinem Vater, wie ein wirklich ehrerbietiges Kind... Und schreib, wie's Dir geht, wie Dein Erwerb ist." Diesen Brief unterzeichnete Mone, wie es sich gehört, mit seinem vollen Namen und Titel, Ort und Datum nicht zu vergessen. Und wieder vergingen zwei Monate, und Basche bekam einen zweiten Brief von Chanele. Sie schrieb, daß es ihr ganz gut gehe, sie verdiene recht hübsch und besuche Versammlungen von klugen Leuten, und für diesmal schicke sie zehn Rubel. Diesen Brief verstand zwar Basche nicht ganz, und auch Mone war er nicht vollkommen klar. Aber Basche freute sich doch, erstens, weil Chanele gesund war, zweitens, weil sie gut verdiente, und drittens wegen der zehn Rubel. Und wieder erhielt Mone den Auftrag, die Antwort zu schreiben. Es war wieder ein schöner Brief, der zum Schluß die deutliche Frage enthielt, wie es mit Brautwerbern stünde. Denn eine jüdische Tochter, soll, Gott bewahre, nicht ohne iMann bleiben... Und so wechselten Mone und Chanele Briefe. Aber während Mone immer in seiner gewohnten schönen Art schrieb, wurden Chaneies Briefe immer unver- No, 9 ständlicher, und zwar sowohl für Basche als auch für Mone. Chanele war böse gegen irgend Jemand, — weiß der Himmel, was das für Namen sind, Worte, die man nie gehört hat: „Ausbeuter", „Exploitatoren". Und gegen die Arbeiter war sie auch aufgebracht: Narren sind sie, so schrieb sie, dunkle Köpfe, — arbeiten für andere und haben nichts davon! Wenn Mone diese Briefe vorlas, zuckte er mit den Achseln, runzelte die Stirn. Im Kopf aber stieg ihm eine Vermutung auf: Die ist dort drüben um den klaren Verstand gekommen! Basche pflegte ihm gewöhnlich gespannt in die Augen zu ^blicken, wenn er vorlas, sie strengte sich auch mit aller Kraft an, zu verstehen — aber sie verstand nur sehr wenig. „Reb Mone, mein Bester, wie meint sie das?'v Was schreibt sie?" „Wie?" pflegte More etwas verlegen zu fragen, indem er die Stirn runzelte. „Das mit dem Explo ..Wie schreibt sie doch da?" Natürlich konnte sich Mone als der große Gelehrte nicht die Blöße geben, nicht zu wissen, was die Stelle bedeute. Und so sagte er ohne weitere Überlegung: „Ach, das ist so ein Schimpfwort, ein Fluch in ihrer amerikanischen Sprache, wie bei uns z. B.: Eine Plage soll dich treffen!" „Gott behüte uns und alle Juden! Und was schreibt sie noch?" „Was noch _soll sie schreiben? Schimpft auf die ganze Welt! Zu klug geworden dort drüben!" „Schrecklich! Was tiit man nun? Reb Mone, . mein Bester, Ihr seid doch, ein verständiger Mensch. Sagt mir nur, was ist dort aus meinem Chanele geworden? Was hat sie gegen die reichen Leute? Was geht es sie an? Womit füllt sie sich dort den Kopf an? Sie war doch ein so stilles Täubchen mit einem so goldenen Herzen. Woher nimmt sie jetzt alle die Schimpfwörter und Flüche; nicht einmal denken soll man so was! Ach, wenn ich ihr schreiben könnte! . . Geht, Reb Mone, seid so gut, schreibt ihr einen Brief. Redet ihr ins Gewissen. So auf freundliche Art — Ihr wißt doch wie, Euch muß man's doch nicht lehren! . „Ich will Euch die Wahrheit sagen, Basche — eigentlich möchte ich ihr keinen guten Brief schreiben, ich hab' gerade keine Lust, in ihren Mund zu kommen . . ." „Weh mir! So ein stilles Täubchen gewesen! Reb Mone, Lieber, Guter, tut ein gutes Werk: Sagt ihr in freundlicher Weise Eure Meinung! Ihr werdet's schon gut machen ..." „Na — was soll man tun? Ich werde schon schreiben . . . Was Gott eingeben wird, das - wird sein ..." (Schluß folgt.) AUS DER BEWEGUNG Deutschland Emden: Am Sonntag den 9. er. sprach in unserer Ortsgruppe Herr Dr. G. Bloede über das Thema „Vom Ghetto zum Zionismus". Die zahlreich besuchte Versammlung folgte den interessanten Ausführungen des Redners mit gespanntester Aufmerksamkeit. Die Debatte, an der sich u. a. auch Herr Landrabbiner Dr. Löb in längeren, dem Referenten vollständig zustimmenden Ausführungen beteiligte, gab Herrn Dr. Bloede noch Gelegenheit, in seiner fesselnden Weise manches zu besprechen, was in dem Rahmen des Vortrages nicht berührt werden konnte. Erst gegen Mitternacht schloß die interessante Versammlung, die unserer Ortsgruppe wiederum verschiedene neue Mitglieder zuführte. — Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß unsere Ortsgruppe am 8. Dezember a. pto. eine Makkabäerfeier veranstaltete, die aus allen Kreisen der Gemeinde so stark besacht war, daß der große Saal die Festgäste